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Als Hitler in Wien einflog

Vor 80 Jahren: Der »Anschluss« machte Österreich deutsch.

  • Von Hannes Hofbauer, Wien
  • Lesedauer: 5 Min.

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In der Schule hat man uns eingetrichtert, den »Anschluss« mit Anführungszeichen zu schreiben, um damit seine historische Unrechtmäßigkeit zu dokumentieren. Am Tag dieses »Anschlusses« vor 80 Jahren, dem 12. März 1938, überwog indes die Euphorie über den Einmarsch der Wehrmacht. Warnende und verzweifelte Stimmen blieben in der Minderheit. Als Adolf Hitler am 15. März auf dem Wiener Heldenplatz die »Heimkehr der ältesten Ostmark des deutschen Volkes ins Deutsche Reich« proklamierte, jubelten ihm 250 000 Menschen zu. Nie zuvor und nie danach war der Heldenplatz mit einer derart unüberschaubar großen Menge gefüllt.

Die Vorgeschichte

Die konkrete Idee, Österreich an Deutschland anzuschließen, geht auf das Jahr 1918 zurück. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie beschloss die provisorische Nationalversammlung am 12. November 1918 die Gründung der Republik »Deutschösterreich«. Für alle politischen Kräfte - mit Ausnahme der eben erst zur Kommunistischen Partei zusammengeschlossenen Rotgardisten - war der Anschluss an das nun ebenfalls republikanische Deutschland selbstverständlich. Vor allem die drei großen Traditionsparteien - Christlichsoziale, Sozialdemokraten und Deutschnationale - konnten sich eine Selbstständigkeit des deutschsprachigen »Rumpfstaates« nicht vorstellen. Sämtliche anderen Völkerschaften der Monarchie hatten sich von Wien losgesagt, anstelle der ehemals 52 Millionen Staatsbürger lebten im verbliebenen Rest gerade einmal 6,5 Millionen. Österreich, so lautete die Devise auch in Wirtschaftskreisen, sei in diesem Zustand nicht lebensfähig. Als einzige Ausnahme hoffte die Bankenbranche, ihre donauländischen Beziehungen in einem Kleinstaat besser ausbauen zu können, um nicht die deutsche Konkurrenz fürchten zu müssen.

Das »No« zum Anschluss an Deutschland kam 1919 vor allem aus Frankreich, aber auch aus Großbritannien. Die Alliierten hatten nicht gegen Berlin und Wien gekämpft, um anschließend einem Zusammenschluss der Verlierer zuzustimmen. Da war auch die politische Landkarte, mit der Staatskanzler Karl Renner zu den Friedensverhandlungen nach St. Germain reiste und auf der er die deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens Österreich zuschlug, nicht hilfreich. Im Gegenteil: Sie löste in Paris nur Kopfschütteln aus. Die kleine Republik musste auf Geheiß der Westmächte auf sich allein gestellt bleiben: Anschlussverbot.

Innenpolitisch radikalisierten sich krisenbedingt die Verhältnisse und als der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am 4. März 1933 im Handstreich das Parlament auflöste, kam er damit seinem Traum eines austrofaschistischen Ständestaates ein gehöriges Stück näher. Im kurzen Bürgerkrieg mit den inzwischen verbotenen Sozialdemokraten am 12. Februar 1934 zeigte das Dollfuß-Regime seine brutale Fratze. In der Frage des Anschlusses an Deutschland allerdings klärten sich die Fronten in anderer Hinsicht. Denn während der austrofaschistische Ständestaat österreich-patriotisch agierte, wandten sich die Sozialdemokraten umso mehr Richtung Deutschland. Von dort kam auch der österreichische Ableger der NSDAP, die von Dollfuß ebenfalls als politischer Feind dem Verbotsgesetz anheimfiel.

Die Gegensätze zwischen Austrofaschismus und »Nationalsozialismus« waren sowohl ideologischer als auch sozio-ökonomischer Natur. Während die Mannen um Dollfuß zur österreichischen Staatlichkeit standen und streng katholisch waren, kämpften die »Nationalsozialisten« für ein deutsches Reich ohne kirchlichen Einfluss. Auch das Ziel einer ständisch strukturierten Gesellschaft mit klein- und mittelgewerblichen Strukturen stand dem deutschen Großmachtstreben entgegen.

Am 25. Juli 1934 fiel Dollfuß im Amt einem - gescheiterten - Putschversuch der illegalen NSDAP zum Opfer. Bis heute sehen das Christlichsoziale, nicht ganz zu Unrecht, als blutigen Ausweis ihres Kampfes gegen den Nationalsozialismus. Die Empörung der sozialdemokratischen Linken über den Mordanschlag hielt sich demgegenüber in Grenzen.

Der Einmarsch

Dollfuß’ Nachfolger, Kurt Schuschnigg, wollte den austrofaschistisch-ständischen Kurs fortsetzen, geriet jedoch zunehmend unter direkten Druck der Berliner Reichskanzlei. Dort hatte Hitler den für ihn potenziell gefährlichsten Verbündeten Österreichs, Benito Mussolini, mit Zugeständnissen auf seine Seite gezogen und so den Weg frei gemacht für die »Heimholung der ostmärkischen Deutschen«, wie er die Österreicher nannte. Ein letzter Versuch Schuschniggs, während eines Treffens mit Hitler am Obersalzberg bei Berchtesgaden den »Führer« umzustimmen, scheiterte. Als Schuschnigg daraufhin eine Volksabstimmung über den Weiterbestand Österreichs ansetzte, übernahm Hermann Göring die konkreten Planungen für den Einmarsch der Wehrmacht. Diese überschritt am 12. März mit 60 000 Mann bei Braunau am Inn die Grenze, zeitgleich traf Himmler am Flughafen Wien ein und inthronisierte den NSDAP-Mann Arthur Seyß-Inquart als Statthalter Berlins in Wien. Unmittelbar darauf setzte eine Verhaftungswelle gegen Christlichsoziale, Linke, Intellektuelle und Juden ein. Der zurückgetretene Bundeskanzler Schuschnigg wurde ins KZ Dachau deportiert.

Die »Nationalsozialisten« wussten sehr genau, dass die Legitimität des »Anschlusses« brüchig war. Insbesondere in Wien gab es eine reichs-feindliche Stimmung. Deshalb riefen sie für den 10. April 1938 zu einer Volksabstimmung auf, in der über die »Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich« abgestimmt werden sollte. Die Farce des Vorhabens war offensichtlich, ebenso der offiziell verkündete Ausgang: Angeblich stimmten 99,7 Prozent mit Ja. Wichtig war diese scheinlegitimierende Maßnahme allerdings für die Mobilisierung der Nazis. Dabei gelang ihnen doch Erstaunliches. Denn eine ganze Reihe höchst prominenter Figuren trat öffentlich für das Ja zum Anschluss ein, darunter der sozialdemokratische Führer Karl Renner, der Wiener Kardinal Theodor Innitzer sowie renommierte Künstler und Künstlerinnen wie Paula Wessely oder Paul Hörbiger. Die internationalen Reaktionen auf den »Anschluss« fielen verhalten aus. Sowohl Frankreich wie auch Großbritannien ließen die Nazis walten, ohne groß zu protestieren. Die Sowjetunion forderte - erfolglos - eine Allianz gegen den »Anschluss« und Mexiko brachte eine Protestnote »gegen die Aggression« beim Völkerbund ein. Österreich blieb bis 1945 ostmärkisch.

Was vom »Anschluss« blieb

Politisch wendete sich nach der Befreiung Österreichs mit der Bildung einer provisorischen Regierung am 27. April 1945 die Lage; wirtschaftlich blieb die von Nazi-Deutschland gebildete Struktur allerdings noch lange bestehen. Der österreichische Außenhandel, der bis 1938 balanciert zu je einem Viertel mit Deutschland, der Tschechoslowakei, Ungarn und Italien ablief, kippte nun vollkommen in Richtung Westdeutschland. Ganze Branchen wie das Bankwesen, die Maschinen- und Metallindustrie sowie der Bergbau befanden sich im deutschen Eigentum. Zwei Verstaatlichungsgesetze bildeten die Grundlage für einen starken staatlichen Sektor, der erst ab Mitte der 1980er-Jahre privatisiert wurde. Der größte Industriebetrieb des Landes, die VÖEST, geht auf die Hermann Göring-Werke in Linz zurück.

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