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Eiskalt in Cottbus

Ein Besuch in der Stadt, in der Deutsche angeblich nicht mehr sicher sind

  • Von Andreas Fritsche und Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Sonne scheint prächtig, aber es ist trotzdem eiskalt an diesem Tag in Cottbus. Vor dem Asylbewerberheim in der Hegelstraße stehen Dutzende Fahrräder, während vor den benachbarten Wohnblöcken die geparkten Autos dominieren. Alles ist ruhig, hier am Rande der Stadt, wo der Blick hinaus auf kahle Flächen geht, genauso wie im Stadtzentrum. Im architektonisch interessanten Einkaufszentrum Blechen-Carré sind nicht nur viele Kunden anzutreffen, sondern es suchen dort auch manche Menschen einfach nur Schutz vor den frostigen Temperaturen. Erst wenn ihre Straßenbahn einfährt, laufen sie schnell hinaus und steigen ein. Jugendliche stöbern durch die Geschäfte und lachen fröhlich. Alles ist friedlich, im Prinzip auch an der Straßenbahnhaltestelle. Hier wirkt nur ein Kampfhund etwas bedrohlich, zumal er keinen Maulkorb trägt. Immerhin liegt das Tier aber an der kurzen Leine eines kahlrasierten Mannes - und beide geben keinen Mucks von sich.

Das Asylbewerberheim und der Vorplatz des Blechen-Carrés waren zu Jahresbeginn Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Es gab den Fall, dass unbekannte Täter Flüchtlinge bis in ihr Asylheim hinein verfolgten und schlugen, es gab zwei Messerattacken syrischer Jugendlicher am Blechen-Carré - und dann noch einen Vorfall, bei dem sich ein syrischer Jugendlicher und ein deutsches Mädchen bei einer Feier in die Haare gerieten. Das war es dann aber auch schon.

Inzwischen gibt es keine solchen Meldungen mehr. Es sieht auch definitiv nicht danach aus, als seien Cottbus oder ganz konkret das Blechen-Carré gefährliche Orte. Man kann hier entspannt und gemütlich flanieren. Das ist eine Wahrnehmung, die von mehreren Einwohnern der Stadt bestätigt wird. Zwar versuchen Leute wie die vom asylfeindlichen Verein »Zukunft Heimat« den Eindruck zu erwecken, Deutsche seien in Teilen von Cottbus nicht mehr sicher. Doch die Polizeimeldungen sagen etwas anderes. Da sind vornehmlich Verkehrsunfälle verzeichnet und außerdem Jugendliche, die mit Drogen erwischt werden - neben deutschen Jugendlichen ist da auch mal ein Syrer oder ein Libyer dabei. Bei der Polizeimeldung zur Aufklärung einer Serie von Raubüberfällen fällt auf, dass bereits in der Täterbeschreibung vermerkt war, diese hätten »akzentfrei Deutsch in ortsüblichem Dialekt« gesprochen. Schlagzeilen machen jetzt nur noch rechte Kundgebungen. Zuweilen gibt es die eine oder andere Gegendemonstration.

Der asylfeindliche Verein »Zukunft Heimat« mit Sitz in Golßen will das nächste Mal am 17. März herkommen. Losgehen soll es um 14 Uhr auf dem Altmarkt. »Längst können wir uns auf vielen Straßen und Plätzen nicht mehr so selbstverständlich und sicher bewegen, wie wir es seit jeher gewohnt waren und wie es uns in unserer eigenen Heimat zusteht«, heißt es im Aufruf. Und weiter: »Unsere Demonstration ist die richtige Antwort auf alle verzerrten und übelwollenden Berichte über Cottbus.«

Bereits jetzt am 10. März kommt die 2002 im Land Brandenburg gegründete Flüchtlingsselbsthilfeinitiative »Women in Exile«. Sie organisiert gemeinsam mit dem Bündnis »Cottbus nazifrei«, dem Verein Opferperspektive und anderen befreundeten Organisationen eine Frauendemonstration gegen Rassismus und Ungerechtigkeit. Treffpunkt soll am 10. März um 11.30 Uhr der Muskauer Platz sein. Am Blechen-Carré vorbei soll es zum Oberkirchplatz gehen.

»Wir nehmen die Lage in Cottbus sehr ernst. Seit Anfang des Jahres führt die massive rechte Hetze von ›Zukunft Heimat‹ zu weitreichenden Folgen. Geflüchtete und besonders geflüchtete Frauen fühlen sich in der Stadt unwohl und bedroht«, erklärt Elizabeth Ngari von »Women in Exile«.

»Wir müssen uns mit den Menschen und Organisationen verbinden, die der rechten Bewegung etwas entgegen setzen wollen. Zusammenhalt schafft Stärke«, ergänzt Luise Meyer von »Cottbus nazifrei«.

Cottbus und Südbrandenburg insgesamt gelten seit Jahren als Schwerpunkt rechter Gewalt. Dabei ist die Lausitzmetropole eigentlich eine sehr schöne und in Teilen sogar ausgesprochen weltoffene Stadt. Man denke nur an die vielen Ausländer, die an der Technischen Universität studieren. Cottbus wäre noch schöner, wenn nicht 29 Prozent der Einwohner die AfD wählen würden, wie eine Meinungsumfrage ermittelte. Das ist aber nicht mehr völlig überraschend. Mit 24,3 Prozent war die AfD bereits bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 in Cottbus stärkste Partei. Die CDU von Oberbürgermeister Holger Kelch landete damals nur bei 22,9 Prozent.

Nicht vergessen werden darf aber, dass es auch in Cottbus etliche Bürger, Vereine und Initiativen gibt, die Flüchtlingen helfen. Gerade Cottbus habe sehr viel dafür getan, um Flüchtlinge zu integrieren, lobt der Landtagsabgeordnete Thomas Domres (LINKE). Es sei aber unverkennbar, dass die Stadt »das eine oder andere Problem zu lösen hat«, gibt er zu. So sind die Wohnungen mittlerweile knapp geworden. Nach der Wende hatte es bislang immer Leerstand gegeben, so viel, dass sogar Wohnungen abgerissen worden sind.

Der Landtagsabgeordnete Matthias Loehr (LINKE), der selbst aus Cottbus stammt, bezeichnet das in seiner Heimatstadt umgesetzte Integrationskonzept als »beispielgebend«. Es gebe in der Stadt eine enge Zusammenarbeit verschiedener Hilfeträger, eine Verzahnung, bei der vieles ineinander greife. Gut klappe zum Beispiel die Abstimmung mit der kommunalen Wohnungsgesellschaft. Cottbus verfüge über eine für Flüchtlinge attraktive Infrastruktur, es gebe eine funktionierende »syrische Community«.

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