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Wird ganz Korea zu einer Republik?

Wiedervereinigungspläne, Träume,Illusionen – die Ursachen der Teilung bestehen nach wie vor

  • Von Peter Kirschey
  • Lesedauer: 7 Min.

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Was geschieht da auf der koreanischen Halbinsel? Stand die Region vor Wochen am Rande eines atomaren Infernos - der US-Präsident und Nordkoreas oberster Führer hielten schon ihre Daumen über den Knöpfen -, so scheint sich die Bedrohung nun in Wohlgefallen aufzulösen. Hat das Nord-Süd-Wintermärchen Spuren hinterlassen? Mit einem Mal scheint alles einfacher, Konflikte scheinen lösbar. Zurückdrehen auf den Kalten-Kriegs-Modus vor Olympia lässt sich die Uhr offensichtlich nicht.

Der Hebel scheint umgeschaltet von erbitterter verbaler Konfrontation und atomarer Aufrüstung der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) auf Gespräche, die vor dem Jahreswechsel für ausgeschlossen gehalten wurden. Ein Treffen der beiden koreanischen Spitzenpolitiker scheint sicher, ein Treffen Trump-Kim möglich. Beide Seiten werden die neue Lage als Erfolg ihrer Politik verbuchen. Für Kim wird es die Unerbittlichkeit in der Atom- und Raketenfrage sein, für Trump Ergebnis der harten Hand und der Sanktionsschrauben gegenüber dem Norden.

Noch ist das Eis nicht gebrochen, doch das Tauwetter scheint weitere Schritte in Richtung Entspannung auf der koreanischen Halbinsel möglich zu machen. Besonders im Norden wurden Hoffnungen geweckt. Die Kim-Dynastie hatte seit Jahrzehnten ihrem Volk versprochen, die heilige Sache der Wiedervereinigung zu verwirklichen. Doch weder Großvater Kim Il Sung noch Vater Kim Jong Il konnten ihren Schwur einlösen. Nun soll es der Sohn richten. Im Süden ist man wesentlich sachlicher. Man wird dort die nächsten Schritte abwarten, bevor das Thema Wiedervereinigung überhaupt eine Rolle spielen wird.

Ob die Vereinigungseuphorie bald wieder der Alltagsfeindschaft weicht, wird sich schon nach den paralympischen Spielen und dem angekündigten Besuch von Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In beim Führer des Nordens zeigen. Südkorea und die USA wollen eigentlich die vor den Olympischen Spielen geplanten und dann abgesagten Frühjahrsmanöver stattfinden lassen. In der Vergangenheit hatten die Kriegsspiele immer zu einer dramatischen Zuspitzung der Lage auf der koreanischen Halbinsel geführt. Pjöngjang betrachtete die Übungen stets als unverhohlenen Aggressionsakt und reagierte mit scharfer Gegenpropaganda. Die möglichen Manöver werden also ein wichtiger Test dafür sein, ob es weitergeht im innerkoreanischen Dialog.

Dabei sieht eigentlich alles ganz einfach aus. Beide Länder, Korea im Süden mit 51,5 Millionen Einwohnern und Korea im Norden mit rund 26 Millionen Einwohnern, bekunden immer wieder den Willen zur Wiedervereinigung, in Nord und Süd existieren Wiedervereinigungsministerien, und die Koreaner in Nord und Süd haben das Gefühl, eine Nation zu sein, zusammenzugehören. Also braucht es, sollte man meinen, nur ein wenig guten Willen und Bereitschaft zum Verhandeln, dann müsste eine friedliche Wiedervereinigung doch gelingen. Die Bevölkerung in beiden Staaten ist homogen, es gab bis zum Kriegsausbruch 1950 eine einheitliche Kultur, eine gemeinsame Geschichte, Minderheiten in Nord und Süd sind kaum erwähnenswert.

Andererseits gibt es die Nord-Süd-Demarkationslinie die am Schärfsten gesicherte Grenze, an der ein Durchdringen nahezu unmöglich ist. In Nord und Süd sind private Kontakte zum anderen strikt verboten; Ausnahmen waren die staatlich überwachten Begegnungen ausgewählter Familien. Menschen, die als Kinder im Krieg getrennt wurden, sahen sich als alte Leute wieder. Es gibt weder telefonische noch briefliche Kontakte zur anderen Seite. Fernsehen und Rundfunk oder moderne Medien reichen nicht über den Grenzzaun. Man weiß also sehr wenig von der anderen Seite. Und es gibt den Alleinvertretungsanspruch des Nordens. »Die Demokratische Volksrepublik Korea ist ein souveräner sozialistischer Staat, der die Interessen des ganzen koreanischen Volkes vertritt«, heißt es im Artikel 1 der DVRK-Verfassung. Kim Il Sung und Kim Jong Il haben einen festen Platz im Grundgesetz des Nordens. Kim Il Sung ist als »ewiger Präsident« und Kim Jong Il als »ewiger Generalsekretär« einer der Grundbausteine der Gesellschaft.

Der Versuch der militärischen Wiedervereinigung zwischen 1950 und 1953 endete mit einer Katastrophe für beide Landesteile; Millionen Koreaner wurden getötet, die Halbinsel verwüstet und der Hass auf beiden Seiten zementiert. Seitdem herrscht offiziell Waffenstillstand, immer wieder von Zwischenfällen bedroht und Propagandaschlachten durchlöchert. Der faktische Kriegszustand ist noch immer nicht durch einen Friedensvertrag ersetzt.

Schon einmal in der koreanischen Nachkriegsgeschichte waren sich die verfeindeten Brüder näher gekommen. Die sogenannte Sonnenscheinpolitik des damaligen Präsidenten Südkoreas Kim Dae Jung führte um die Jahrtausendwende zu einer deutlichen Entspannung auf der Halbinsel. Der südkoreanische Präsident erhielt dafür 2000 den Friedensnobelpreis, Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il ging leer aus. In dieser Zeit fanden zwei Gipfeltreffen statt - immer in Pjöngjang. Und auch das dritte wird wohl dort über die Bühne gehen. Kim Jong Un, der oberste Führer, geht nicht, er lässt kommen.

Nach großem Optimismus folgte eine Eiszeit, die bis heute immer dramatischere Formen annahm. Nordkorea hat sich zu einem waffenstrotzenden Atom- und Raketenstaat entwickelt. Nun versucht der aktuelle Südpräsident, an die Politik von Kim Dae Jung anzuknüpfen, die schon damals seine Handschrift trug. Ideen und Vorschläge, wie eine friedliche Annäherung zu einer Vereinigung führen könnte, existieren auf beiden Seiten. 1980 überraschte Nord-Übervater Kim Il Sung seine Landsleute mit einem »Wiedervereinigungsplan« zur Schaffung einer »Demokratischen Konföderativen Republik Koryo«, namentlich angelehnt an mittelalterliche Dynastien auf der Halbinsel. Im Kern soll es ein geeintes Parlament geben, in dem Süd- und Nordkoreaner zu gleichen Teilen sowie auch die im Ausland lebenden Koreaner vertreten sind, mit gemeinsamer Regierung. Die gesellschaftlichen Unterschiede in beiden Landesteilen werden nicht angetastet, beide Seiten akzeptieren ihre jeweiligen unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systeme. Doch der Plan war zu durchsichtig, als dass er jemals ernsthaft in Verhandlungen müden konnte. Denn wie soll so etwas funktionieren?

Die nordkoreanische Führung hat klare Vorstellungen, wann und wo mit wem verhandelt wird. Mit dem Süden, wenn es um humanitäre Fragen, Maßnahmen der Annäherung oder der Wiedervereinigung geht. Mit den USA, wenn Frieden und Abrüstung die Themen sind. Irgendwelche Vorbedingungen, etwa die Aufgabe der Raketen- oder Nuklearaufrüstung, wird der Norden unter keinen Umständen akzeptieren. Alle Sanktionen haben das Land sicher schwer getroffen, aber die Führung eher bestärkt, nicht nachzugeben. Akzeptieren die Amerikaner die Tatsache, dass die DVRK faktisch als Atommacht existiert, dann dürfte Kim auch bereit sein, über das Einfrieren der nuklearen Rüstung zu reden. Das aber scheint bei der Interessenlage der Amerikaner und der Nordkoreaner unmöglich. Kim wird sich jeden Kompromiss teuer bezahlen lassen. Wie hoch die Rechnung sein wird, werden zähe Verhandlungen zeigen. Und Nordkoreas Führung braucht Garantien, dass ihr System nicht angetastet wird. Eines zieht sich durch alle nordkoreanischen »Angebote«: Über die Zukunft auf der koreanischen Halbinsel dürften nur die Koreaner selbst verhandeln und entscheiden. Niemand anders soll mitreden. Das heißt auch, die US-amerikanischen Truppen, die noch immer in Südkorea stationiert sind, sowie die enge Partnerschaft Südkoreas mit den USA müssten beendet werden. Darauf werden sich weder die Republik Korea noch die USA einlassen.

Seoul hat immer auf Annäherung gesetzt, auf kleine Schritte, sich erweiternde Kontakte, Treffen der geteilten Familien und Wirtschaftskooperation. So profitierten beide Länder von der 2003 nahe der nordkoreanischen Stadt Kaesong eingerichteten Sonderwirtschaftszone. Sie brachte Zehntausenden nordkoreanischen Arbeitern einen Arbeitsplatz, dem Norden eine Devisenquelle und dem Süden hohe Profite. Als sich der Nord-Süd-Konflikt zuspitze, machte Pjöngjang das Industriegebiet im Februar 2016 wieder dicht. Aber es soll auch Pläne in Seoul für einen Tag X geben. Im Falle eines Zusammenbruchs des nordkoreanischen Systems, wofür gegenwärtig keine Anzeichen existieren, befürchtet der Süden einen nicht mehr kontrollierbaren Massenansturm aus dem Norden. Für diesen Fall sollen Pläne vorliegen, die Demarkationslinie unpassierbar zu lassen.

Wird es eine Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel geben? Mit Sicherheit. Die Frage ist nur, wann und wie die verfeindeten Brüder zueinander finden. Vorstellbar wäre ein Wandel in Nordkorea, ähnlich dem chinesischen Vorbild. Das heißt, hin zu einem kapitalistischen Wirtschaftssystem unter Beibehaltung der Macht der Partei. Der private Handel gewinnt, wenn auch nur vorsichtig, an Kraft. Und diese Entwicklung lässt sich schwerer kontrollieren als die totale Wirtschaftslenkung durch den Staat. Das könnte zu einer Erosion der gegenwärtigen Machtstrukturen führen. Auf der anderen Seite könnte der ungebremste Kapitalismus im Süden, mit der Angst Hunderttausender, nicht mithalten zu können, die Gewerkschaftsbewegung erstarken lassen. So könnten sich beide Länder ähnlicher werden, bis hin zu Kompromissen, die heute nicht für möglich gehalten werden. Eines wird es mit Sicherheit nicht geben: Ein geeintes Kim-Jong-Un-Land. Nordkoreas oberster Führer, wie er sich nennen lässt, und sein System, dürften eine wie auch immer geartete Wiedervereinigung politisch kaum überleben. Das dürfte auch ihm bewusst sein. Doch mit Wiedervereinigungspropaganda lässt sich das Volk gut zusammenhalten. Die Vereinigung, der Urtraum der Koreaner nach einem unabhängigen, geeinten Land, steht noch lange nicht auf der Tagesordnung. Noch sind die Ursachen für Spaltung und Feindschaft nicht beseitigt. Doch manchmal passieren Dinge, die so nicht vorhersehbar sind.

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