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Marx und Kafka vereint

Notizen von einer zweitägigen Konferenz über die historische Zäsur 1968

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.

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Es war schon etwas gruselig: Ein älterer Herr aus dem Publikum schimpfte über die Verklärung der 68er-Revolte und deren Akteure. Er habe damals seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr absolviert und 1969 sein Studium begonnen. Es wurde ihm verargt. Weil die Vorlesungen stets von »totalitären« SDSlern gesprengt worden seien. Ähnliches war dann von einem hoch dotierten Referenten am zweiten Tag der Konferenz »1968 - eine weltpolitische Zäsur« zu hören. Was Heinrich Oberreuter, einst Universitätsprofessor in Westberlin und Passau sowie Gründungsdekan für Geistes- und Sozialwissenschaften 1991 an der TU Dresden äußerte, klang wie von vorvorgestern. Nun, der Mann, auch langjähriger Direktor der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, wurde von den Veranstaltern als »ein Urgestein« eingeführt. Doch der Reihe nach.

Eingeladen hatten in die Landesvertretung von Sachsen-Anhalt beim Bund die Deutsche Gesellschaft e. V., der Berliner Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der Auftakt war erfreulich, der erste Tag gelungen, gewinnbringend. Man wollte das historische Jahr, das Europa und die Welt nachhaltig prägte, multiperspektivisch und transnational beäugen. Dies geschah denn auch, beschränkt allerdings auf Europa; der impulsgebende Aufbruch Jahre zuvor in den USA wurde erwähnt, ganz aus dem Fokus geriet das dramatische Geschehen in Südostasien, nicht der Vietnamkrieg, aber die sozial-politischen Proteste in Indonesien, auf den Philippinen und in Japan.

Selektiv war der Blick allerdings schon vor fünf Dezennien. Michael Schneider von der sachsen-anhaltinischen Mission erinnerte sich, dass für ihn als Gymnasiasten in der rheinland-pfälzischen Provinz »der Prager Frühling weit weg war«, er sich aber an einem Schülerstreik gegen autoritäre Lehrer beteiligte. Den im Fränkischen aufgewachsenen Hartmut Koschyk, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft, tangierten hingegen die West-68er kaum, die Vorgänge in der ČSSR hingegen ließen ihn »den Atem anhalten, aus Angst vor Eskalation«.

Thomas Etzemüller, Professor an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, bürstete wider das pauschale Klischee von den restaurativ-autoritären, spießigen 1950er Jahren. Die moderne Industriegesellschaft, erweiterte Konsummöglichkeiten, Ausbau der Bildungssysteme und zart aufkeimendes Umweltbewusstsein (Willy Brandt: »Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden.«) legten ebenso wie die gleichzeitige Krise klassischer Industriezweige (Textilbranche, Bergbau), Bildungskatastrophe sowie dramatischer Wohnungsmangel die Saat für den dann eruptiven Unmut.

Neun Thesen bot Ingrid Gilcher-Holtey von der Universität Bielefeld, die den Bogen von Paris nach Prag spannte: Hier wie dort schien die Zukunft zum Greifen nah: »Fantasie an die Macht!« Eine neue Sprache, neues Denken, neues Zuhören brach sich Bahn. Am Pariser Theater Odeon ersetzte die freie Rede das Schauspiel, in Prag war die Zensur aufgehoben. Noch kurz vor dem Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten am 21. August 1968 verkündete der tschechische Rundfunk beschwörend: »Worte sind unsere einzige Waffe.« Im Westen wie im Osten nahm man Rückgriff auf den Marx’schen Entfremdungsbegriff. Schon die Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice 1963 brachte West- und Ostintellektuelle ins Gespräch. Während indes die Neue Linke in den westeuropäischen Staaten gegen US-amerikanischen und sowjetischen Imperialismus stritt, mussten sich die östlichen Reformer hüten, den »Großen Bruder« all zu arg herauszufordern. Der Demobilisierungsprozess der 68er mündete in einer »Evolution der Revolution« und fand seine Fortsetzung in den 90er Jahren in den globalisierungskritischen Bewegungen Attac, Occupy und Blockupy wie auch in Podemos, »die allerdings inzwischen Partei geworden ist«. Judith Amler vom bundesweiten Koordinierungsrat von Attac Deutschland bestätigte, man sehe sich in der Tradition der 68er, greife damalige Protestformen auf.

Das tun leider allerdings auch rechte Gruppierungen, wie Thomas Wagner, Autor des jüngst erschienenen Buches »Die Angstmacher. 1968 und die Neue Rechte«, berichtete. »Das Pendel schlägt zurück«, konstatierte der promovierte Soziologe und sprach von einer »konservativen Revolte« und einem »Kulturkampf« aus dem rechten Milieu, das nicht nur die Sprache, sondern auch Inhalte der 68er-Bewegung übernehme. Die antikapitalistische Rhetorik sei nicht nur demagogisch, sondern auch durchaus ernst gemeint. Wagner sieht einen Zwiespalt zwischen den wirtschaftsliberalen Professoren der AfD und jungen, vom rechten Verleger Götz Kubitschek beeinflussten Intellektuellen. Wenn die Flügel, worum sich Parteichef Alexander Gauland bemüht, zusammenfänden, sei zu befürchten, dass die AfD zu einer Volkspartei aufsteige, warnte Wagner, der sein Linkssein coram publico outete.

Seinem aufschlussreichen, mahnenden Referat folgten die kruden, indes bei einem Teil des Publikum Beifall und Gelächter auslösenden Bemerkungen des eingangs erwähnten »Urgesteins«. Applaus gab es etwa, als er Antonio Gramsci »einen alten Hut« nannte. (Wagner hatte darauf verwiesen, dass gleich den Linken nun auch junge Rechte von der »Eroberung der kulturellen Hegemonie« sprechen.) Dann machte sich der katholische Professor darüber lustig, dass der Pariser Mai ’68 damit begann, dass männliche Studenten Zutritt zu den Wohnheimen ihrer weiblichen Kommilitonen begehrten. Er klagte, sowjetische Panzer hätten 1968 in der CSSR seine »Reisefreiheit« eingeschränkt. Und so weiter und so fort. Unverhohlen triumphierte Oberreuter: »Nicht die 68er haben den historischen Kampf gewonnen, sondern die parlamentarische Demokratie.« Dies sei der »Gegenbewegung« zu verdanken, die dann so famose Staatenlenker wie Helmut Kohl, Jacques Chirac und Margret Thatcher hervorgebracht habe. Er konnte sich auch den hämischen Seitenhieb nicht verkneifen, dass »die« 68er dann einen sich für sie auszahlenden »Marsch durch die Institutionen« absolvierten. Genüsslich zählte er auf: »Vizepräsident des Bundestages, Chefredakteur des ›Handelsblatts‹, Außenminister, Chefberater von Erika Steinbach ...« Im anschließenden Podiumsgespräch äußerte Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Westberlin und vor 50 Jahren Student an der FU, sein Befremden über »Revolutionsromantik« und »olle Leute, die noch heute in der Vergangenheit schwelgen«. Er selbst war in einer Studentenvertretung, aber nicht, um die Gesellschaft umzukrempeln.

Der düstere Ausklang der Konferenz kontrastierte stark mit dem erfreulichen Beginn. Die Debatte des ersten Tages hatte Geist und Stimmung des Jahres 1968 rekapituliert, ja reanimiert. Das war authentisch und historisch korrekt. Étienne François erinnerte sich an die »Fröhlichkeit und Euphorie auf den Straßen und Plätzen in Paris und Prag«, die er 1968 als Studienreisender wahrnahm. Und an die beglückende »Selbstermächtigung«, die Besetzung der Betriebe durch die Arbeiter. »Erst deren machtvoller Generalstreik gab dem Pariser Mai seine Aura.« Der Tscheche Jan Pauer, in den 1990er Jahren Mitglied der nationalen Historikerkommission zur Erforschung der 68er Ereignisse, bestätigte: »Es war mehr als eine Studentenrevolte.« Günter Grass und Heinrich Böll standen im engen Austausch mit tschechischen Kollegen. Die »Zivilisation am Scheideweg« von Robert Jungk wurde in Ost und West gelesen und debattiert.

»Marx wurde mit Kafka vereint«, ergänzte Jürgen Danyel, stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam. In Anbetracht der wechselseitigen Inspirationen und Gemeinsamkeiten, von Mode und Musik bis hin zur Manifesten und Protesten, sei es an der Zeit, eine gemeinsame Geschichte der Ost- und West-68er zu schreiben: »Und zwar querbeet.« Stefan Karner von der Universität Graz stimmte dem zu. Der Slawist und Historiker machte auf weitere Desiderate aufmerksam. »Was wissen wir über 1968 in Russland, Belorussland oder in der Ukraine?« Ein Symbol für Zivilcourage ist für ihn noch heute eine junge Frau, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz in Moskau zur Stunde, als die Uhr am Spasski-Turm Zwölf schlug, die tschechoslowakische Fahne aus ihrem Kinderwagen holte, entrollte und ausrief: »Freiheit für Dubček, Freiheit für alle Verhafteten!« KGB-Chef Juri Andropow gestand später: »Wir haben gegen diese Frauen verloren.« Und Karner schob hinterher: »Dies will ich am heutigen 7. März, dem Weltfrauentag, betonen.« Nun, das kriegen wir auch noch hin, den Männern das exakte Datum unseres Internationalen Kampftages einzutrichtern: 8. März! Wichtiger indes anderes. Was die Westfrauen erkämpfen wollten, die sich 1968 darüber empört hatten, nur als »Nebenwiderspruch« zu gelten, ist noch immer nicht Realität. (War es mal für Frauen und Mütter im Osten.)

Noch eine kleine, aber gewichtige Korrektur ist nötig. Der - österreichischem Naturell entsprechend - charmant und lebhaft erzählende und interessantes Faktenwissen ausbreitende Professor Karner irrte in einem Punkt: Nicht Breshnew ist es primär zu danken, dass die NVA am Einmarsch in Prag nicht teilnahm, sondern dem in dieser Situation weisen, antifaschistisch sozialisierten und sensibilisierten Partei- und Staatschef Walter Ulbricht, der den Tschechen nicht ein zweites Mal deutsche Uniformen zumuten wollte. Seiner Bitte wurde aus Moskau in quasi letzter Minute entsprochen, worauf er einen Kurier stracks nach Strausberg, zum Hauptquartier der NVA, schickte und ergo deren Truppen in den grenznahen Bereitstellungsräumen nicht ausrückten. So viel Korrektheit (und historische Fairness) muss sein.

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