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»Warum redest Du so laut?«

Asmaa Yousouf über die Unterdrückung der Frauen in der arabischen Welt und was sich dagegen tun lässt

  • Von Asmaa Yousouf
  • Lesedauer: 6 Min.

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Eineinhalb Jahrhunderte ist es schon her, dass die ersten Frauen begannen, für ihre Rechte einzutreten und sich zu organisieren. Doch was hat uns das gebracht? Wir Frauen haben immer noch nicht die gleichen Rechte und werden auch weiter unterdrückt. Das gilt besonders in unseren arabischen Gesellschaften.

Es beginnt bei wichtigen Themen wie Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Gewalt gegen Frauen. Es ist aber auch nicht damit getan, Frauen die Rolle eines Schmetterlings zuzuweisen, der immer laut werden soll, ohne selbst im Bild zu erscheinen. Einige nennen das entwürdigend »sanfte Stärke« oder »pink Power«.

Trotz der weltweiten Erfolge der Frauenbewegungen existiert noch immer eine Form von Gewalt gegen Frauen, die ich »die versteckte Gewalt« nenne. Man kann sie nicht sehen, man kann denjenigen, der der Frau Gewalt antut, nicht am Kragen packen – diese Gewalt spielt sich im Inneren der Frau ab. Sie setzt sie vom Zeitpunkt ihrer Geburt an bis zu ihrem Tode unter Druck. Ein Druck, der auf zwei Pfeilern steht: Zum einen ist die Frau ein Mensch mit Fehlern, zum anderen wird die Frau grundlos als Objekt und nicht als Mensch betrachtet.

Die Frau – ein Mensch mit Fehlern

Es gibt 1001 Regeln, mit denen die Gesellschaft einem Mädchen vorschreibt, wie es sich zu verhalten hat. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, doch die Mädchen müssen sich von Geburt an an vordefinierte Rollen halten. So ist das schöne Mädchen nur das Mädchen, das ruhig und seinen Eltern gegenüber gehorsam ist. Das gute Mädchen ist nur das Mädchen, das nicht von den Traditionen der Familie abweicht. Eine Mutter ist nur dann großartig, wenn sie ihre Weiblichkeit verliert und sich ganz der Erziehung ihrer Kinder hingibt. Eine vorbildliche Schwester ist eine Frau nur dann, wenn dem Bruder ihre Freiheit und ihre Offenheit nicht zur Last wird und er sich ihrer nicht schämen muss. Und eine wunderbare Ehefrau ist nur die Frau, die ausschließlich dafür lebt, ihrem Mann das Leben möglichst bequem zu machen und ihm hilft, erfolgreich zu sein.

Maximale Anerkennung bedeutet es für sie, wenn ihr Ehemann ihr zehn Millimeter auf der zweiten Seite seines neuen Buches widmet und schreibt: »Für meine Ehefrau«. Sie muss immer eine großartige Ehefrau sein, die unsichtbar ist und akzeptiert, dass sie ein kleines Objekt ist, das um den Mann kreist, der das Zentrum des Universums ist. Darüber sollte sie sich auch freuen, denn dann wird ihr Ehemann sie irgendwann dafür belohnen, indem er – wenn er mal auf der Mattscheibe erscheinen sollte – erwähnt, dass sie der Grund für seinen Erfolg war. Dann wird die Gesellschaft sie mit dem heiligen Satz befriedigen: »Hinter jedem großartigen Mann steht eine Frau.« Und wenn die Gesellschaft sie täuschen und noch mehr zähmen möchte, fügt sie hinzu: »Hinter jedem großartigen Mann steht eine noch großartigere Frau.«

Schlussendlich erhältst du als in dieser Gesellschaft lebende Frau deine Wertschätzung nur durch die Erfüllung der dir vorgeschriebene Rolle. Denn dein Wert als Mensch wird nur durch die Summe der Punkte festgelegt, die du erhälst, je nachdem mit wie viel Hingabe du die Rolle verrichtest, die von dir verlangt wird.

Eingezäunt durch Fragen

Sobald ein Mädchen Reife zeigt, beginnt unabhängig zu sein und eigene Entscheidungen trifft, wird sie mit Fragen traktiert. Dann muss sie für jede Bewegung in ihrem Leben logische und überzeugende Antworten finden. Ständig braucht sie Antworten: »Warum willst du zum Geburtstag deines Kollegen gehen?«, »Was hast du davon, wenn du zu der Hochzeit deiner Freundin gehst?«, »Warum willst du weggehen, wenn du doch den gleichen Job auch hier haben kannst?«, »Warum liebst du diesen Mann?«, »Warum hast du das gelassen?«, »Haben sich deine Prinzipien verändert?«, »Warum?«, »Warum redest Du so leise?«, »Warum redest du so laut?«

Ein Journalist ruft dich kurz vor Mitternacht an, um zu fragen, warum du das Kopftuch abgelegt hast. Wenn Du dich weigerst, zu antworten, weil du eine starke und freie Frau bist und weil du niemandem Rechenschaft schuldig bist, überrascht er dich mit dem Satz: »Hab keine Angst, ich werde deinen Namen nicht erwähnen.« Er gibt dir das Gefühl, ein Verbrechen begangen zu haben, oder etwas, wofür man sich schämen sollte. Dann ruft ein anderer Journalist an, fragt, warum du das Kopftuch getragen hast. Wenn du auch hier die Antwort verweigerst, weil es deine Entscheidung war und du nichts zu sagen hast, bearbeitet er dich, sagt, dass du ein Vorbild seist, das respektiert und in der Gesellschaft geschätzt wird. Im ersten Fall verlierst du an Wert, weil der Herr Journalist der Meinung ist, dass das Ablegen des Schleiers unmoralisch sei. Im zweiten Fall gewinnst du an Wert, da der gleiche Herr Journalist der Meinung ist, dass das Tragen eines Schleiers dir zusätzlich großen Wert gibt.

In unseren arabischen Gesellschaften leidet die Frau nicht nur unter der Dualität der Gesellschaft, sondern auch unter der Dualität, die in ihr selbst steckt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem, was sie als Mensch und Frau möchte und dem, was ihr kollektives Bewusstsein von ihr möchte. Redet sie wie eine Frau, sagen sie, dass sie die Männer anziehen will. Erhebt sie die Stimme, sagen sie, dass sie ihre Weiblichkeit verloren hat. Dein Wert hängt zusammen mit dem Verständnis der ständigen Aufopferung. Damit du eine gute Frau bist, benötigst du einen Bruder, einen Ehemann oder eine Familie, die auf dich stolz ist.

Daher liebe Frau, wünsche dir nach diesem Frauentag, dass die anderen dich respektieren, allein dafür, dass du ein Mensch bist, und dass dich alle bedingungslos akzeptieren. Ich wünsche dir auch, dass du deinen Wert als Menschen von dir selbst erhälst und nicht dadurch, dass du die Mutter von großartigen Kinder, die gute Ehefrau eines großartigen Mannes oder die gehorsame Tochter eines berühmten Vaters bist. Ich wünsche mir, dass du dich von deiner Stellung unter der Guillotine befreist und Antworten auf die vielen Fragen findest, die all deine Bewegungen und jeden Atemzug von dir begleiten.

Ich träume für dich von einer Welt voller Liebe und Frieden, einer Welt, in der du Liebe und Zufriedenheit spürst und in der du, du selbst sein kannst – ohne jeglichen Druck.

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst bei Amal Berlin erschienen. Übersetzt wurde er in Kooperation mit Media Residents von Karin al Minawi.

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