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Mit der kalten Nadel geritzt

Bernhard Kretzschmars »Deutung des Daseins« in der Städtischen Galerie Dresden

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Welcher Vorteil, sich über einen lediglich als Namensvetter vertrauten Künstler wesentlich objektiver äußern zu können, als über einen leibhaftigen Verwandten! Darauf angesprochen, ob ich der Sippe des sächsischen Malers Bernhard Kretzschmar (1889 - 1972) zuzurechnen sei, pflege ich außer »Nein« mit dem Satz zu antworten: »Ich hoffe allerdings, mich zu denen rechnen zu dürfen, die seines Geistes Kind sind.« Welcher Kunst-Geist damit gemeint ist, dazu ist am praktischen Beispiel einiges zu sagen. Welche Gelegenheit wäre dafür günstiger als das, was wir zur Zeit in Dresden vom Urheber sehen und über ihn in einem opulenten Kunstband lesen können?

An besonders bemerkenswerten Künstlergestalten, denen ein in der sächsischen Metropole Heranwachsender begegnen konnte, mangelte es ja weiß Gott nicht in den Jahrzehnten der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Originelle Zeitgenossen wie Dix und Griebel, Lachnit und Querner, Jüchser und Grundig, Rudolph und eben dieser Kretzschmar prägten seit den zwanziger Jahren hier eine ganz eigene, von Sozialkritik durchsetzte Variante von Malkultur. Ob sie nun dem Im- oder dem Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit zugerechnet wurden - deutschlandweit waren sie ein Begriff. Und was die Verdammungswut dem Gespenst des Sozialistischen Realismus gegenüber gern übersieht: Nach 1945 behaupteten sie souverän ein Leistungsniveau, auf das wir uns gerade heute wieder besinnen sollten.

Obwohl nun zum wiederholten Mal die Städtische Galerie Dresden den Part übernimmt, eines dieser Lebenswerke mit Personalausstellung und monographischem Katalog zu würdigen, ist der über das Lokale und Regionale hinausweisende Rang dieser Kunst unbestreitbar. Jede dieser Ausstellungen beschämt die renommierten Staatlichen Kunstsammlungen auf der Brühlschen Terrasse, deren Direktorat dem Phantom von Welt-Trends hinterherläuft, und den Wert des Eigenen permanent verkennt. Der im Alter immer weiser werdende sonderbare Kauz Bernhard Kretzschmar hat in bissiger Schlagfertigkeit solche neunmalklugen Spezialtypen einst verbal abgefertigt, nachdem er in jungen Jahren mit satirischen Bildideen in geradezu kostbarem farbigen Gewand verblüfft hatte.

So fand er einst das treffende Gleichnis von sich als Koch und den Galerieleuten als Kellner. Was er ein Leben lang in seiner Atelierküche angerichtet hat, wird uns nun bis Mitte Mai frisch aufbereitet in der Auswahl von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann serviert. Diese späte Aufarbeitung zeitigt erfreuliche Ergebnisse auch ohne die Erschließung des kompletten Nachlasses. Eine solche hat hier leider familiäre Grenzen. Bedenkt man, dass eine Menge wesentlicher Werke der Totalzerstörung des Ateliers in der Bombennacht von 1945 anheimfiel, ist jede nun verfügbare wesentliche Arbeit wichtig. Leider kann selbst der sorgfältig gearbeitete Katalog den genauen Verlust nicht nachweisen. So detailliert er in den Bildbeschreibungen ist, so vage bleibt er im Qualitätsurteil - ein heute leider oft zu beobachtender Trend.

Bernhard Kretzschmar lebt von Kindheit an in Protesthaltung zum kleinkarierten Milieu seiner Herkunft im Armenviertel der westsächsischen Kleinstadt Döbeln. Kinderreiche Familie, Vater hockend auf dem Schneidertisch, ein entbehrungsreicher Alltag. Kraft seiner Begabung (das Wort Talent beargwöhnte er zeitlebens) in die geheiligte Sphäre der Kunst katapultiert, wird sein Aufbegehren gegen Anmaßung und Bereicherung, Falschheit und Missgunst nie nachlassen. Seit 1909 bald im Stadtteil Gostritz sesshafter Dresdner, kann unter den Fittichen bedeutender Maler wie Sterl, Zwintscher und Bantzer das Handwerkliche seiner Kunst so wachsen, dass er in der Lage ist, ganz eigene Bildvorstellungen umzusetzen.

Bilder mit Farben zu bauen, wird eines seiner persönlichen Prinzipien. Streng und karg holt der Kompositeur kontrapunktisch senkrecht und waagerecht eine Abstraktion ins Bild, die der Laie unter dem abbildenden Sinnbild der Realität kaum noch wahrnimmt. Das Kuratorenduo hat dafür den schönen Begriff »Deutung des Daseins« gefunden. Denn der Maler offenbart stets eine deutende und zu deutende Botschaft im Gemalten. Der Kontrast zu jetzt gängigen, oft diffus in farbige Buntheit ausufernden Bildlösungen ist evident: Hier agiert zuallererst der scharf konturierende Zeichner einer grafischen Schwarz-Weiß-Kunst. Mit der kalten Nadel ritzt er unkorrigierbar seine Striche und Linien auf die Metallplatte, und die Abzüge faszinieren uns heute noch in ihrer Lebendigkeit. Koloristisch schichtweise verfremdet bestimmen genau dieselben Bildmotive später Werke in der malerischen Dimension.

So hängen sie nun nebeneinander: Die stilistisch noch suchenden Frühwerke wie 1920 die »Lesende Susanna« leiten über zu den ersten Volltreffern wie 1926 »Hans und Martha« oder 1929 »Im Café«. Da geht doch malerisch voll die Post ab. Welch feiner, heller Humor 1935 in »Frühlingsblumen und Bäckermädchen«, und daneben welch meisterlicher »Blick aus dem Fenster«! 1937 lässt »Das Wolkentier« tiefere Bedeutung ahnen, während gleichzeitig »Der falsche Prophet« eine bittere Metapher zur etablierten politischen Diktatur markiert. All das deutet sich in dunklen Bildern wie »Die Vereinsmeier« und »Emporkömmlinge« genauso an. Schon früh hatte er mit dem grafischen Werk deutlich gesellschaftskritisch agiert. Da war es wahrlich ein Kunststück, mit vielerlei List die bösen Nazijahre heil zu überstehen. Wie Fritz Löffler, als Kunstwissenschaftler ein wahrer Freund, ihn rettete: welche Story! Aus drohender Krankheit wiederauferstanden, dann der Coup des 1946 furios und sensibel heruntergemalten, energiegeladenen Selbstbildnisses. Es darf als das einzigartige Dokument dieser Zeit für ein ungebrochenes Künstlerselbstbewusstsein gelten.

Die Ausstellung hält als echte Entdeckung ein zweites Selbstbildnis bereit. 1954 reagierte der auf Lebenszeit mit einem Prachtatelier auf der Brühlschen Terrasse ausgestattete Meister auf eine Stippvisite nebenan beim heiter von Masken umgebenen Fabulierer Max Schwimmer. Er sah sich selbst in diesem Interieur, und improvisierte darin ein nie vollendetes Selbstbild von seltener Frische. Es war jedoch die Zeit, da mochte er offenbar grandios die Landschaftssicht verklären - ob er nun die Elbe bei Gauernitz vor der eigenen Haustür oder das Weichbild des in der Ferne bereisten Shanghai ins Visier nahm.

Allseits anerkannt, stellte er sich vielerlei Verantwortung im Kunstgeschehen. Mit frechen Reden in den Verbandsvorständen mischte er sich ein. Auch ohne unmittelbare Schüler hatte er seine Wirkung. Der Maler Siegfried Klotz und der Bildhauer Helmut Heinze waren ihm am nächsten. Sie erkannten am deutlichsten eine absolute Größe, die uns Heutige sehr wohl angeht.

»Deutung des Daseins. Bernhard Kretzschmar Malerei und Grafik«, bis zum 13. Mai in der Städtischen Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2. Katalog im Sandstein-Verlag Dresden

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