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Ein Pfeffersack als Bürgermeister

Der Sozialdemokrat Peter Tschentscher soll künftig Hamburg regieren

  • Von Susann Witt-Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Sozialdemokraten haben den Hut des 52-jährigen Peter Tschentscher in den Ring geworfen. Er soll der Nachfolger von Olaf Scholz als Erster Bürgermeister werden, der als Bundesfinanzminister nach Berlin wechselt. Zuvor hatte die Partei-Vize-Chefin Melanie Leonard, Mutter eines zwei Jahre alten Sohnes, wegen befürchteter Überlastung dankend auf das Amt verzichtet - sie wird aber den Parteivorsitz übernehmen.

Lange war SPD-Fraktionschef Andreas Dressel als Favorit für das Amt gehandelt worden. Der Jurist wird in der rot-grünen Koalition als Scholz’ Problemlöser vom Dienst geachtet. Seine Absage zeichnete sich einige Tage vor der Nominierung ab. »Familiäre Gründe«, so die Erklärung des Vaters von drei kleinen Kindern, der nun auf Tschentschers Posten nachrücken wird. Dressel gilt als ehrgeizig und machtbewusst. Nicht nur Freunde machte er sich damit, dass er in Krisensituationen - etwa bei der Auseinandersetzung um die Unterbringung von Flüchtlingen − gern in die Ressorts der Senatoren hineinregiert.

Unauffällig und geschmeidig dagegen Peter Tschentscher: Der Kaufmannssohn, der in Oldenburg aufgewachsen, für sein Medizinstudium nach Hamburg gekommen war und im Universitätsklinikum Eppendorf gearbeitet hat, verkörpert den Idealtypus des »Pfeffersacks«. In der Schule sei er »gut in Mathematik« gewesen, erzählt er aus seiner Jugend. Das »Hamburger Abendblatt«, Leitmedium der Hansestadt, charakterisiert ihn als »Asket, Zahlenmensch und Arbeitstier«. Recht nüchtern und »dröög«, wie man in Hamburg auf Platt sagt, fiel jedenfalls Tschentschers erste Rede als designierter Landesvater aus: Dass ihm das Amt anvertraut werde, sei »eine große Ehre«, war dann schon die emotionalste Aussage, die von ihm am Freitagabend auf der Pressekonferenz in der SPD-Parteizentrale zu vernehmen war.

»Für mich ist das ein ganz, ganz wichtiger Punkt, dass wir sicherstellen, dass unsere Stadt eine ist, die wirtschaftlich erfolgreich ist und gleichzeitig sozial zusammenhält«, begründete Olaf Scholz, warum er diese dritte Wahl für eine gute hält. Zuspruch kommt auch vom Koalitionspartner: »Peter Tschentscher hat sich mit seiner seriösen Haushaltspolitik in den vergangenen Jahren viel Vertrauen erworben«, sagte die grüne Vizebürgermeisterin Katharina Fegebank und nannte als Beispiel die komplizierte Abwicklung des HSH-Nordbank-Verkaufs, bei der er sich verdient gemacht habe.

Die Opposition ist erwartungsgemäß weniger optimistisch: »Durch Visionen für Hamburgs Zukunft ist er bisher nicht aufgefallen«, meinen die Vorsitzenden der Linksfraktion in der Bürgerschaft, Cansu Özdemir und Sabine Boeddinghaus. Deutlich schärfer die CDU: Olaf Scholz habe die Stadt »nur verwaltet«, so ihr Landesvorsitzender Roland Heintze. »Peter Tschentscher wird noch eher einen Gang zurückschalten. Hamburg droht der Stillstand.«

Dass zumindest das »Weiter so«, das durch die neue GroKo zum geflügelten Wort geworden ist, auch Imperativ der Senatspolitik in der Elbmetropole sein wird - daran zweifelt niemand. Entsprechend fallen den Medien zu dem Neuen nur Attribute wie »der zweite Scholz« oder »Abziehbild von Scholz« ein. »Ich sage tschüss - und Sie wissen, das heißt bei uns auf Wiedersehen«, machte der Noch-Bürgermeister zum Abschied klar, dass es, falls es mit ihm als Vizekanzler in Berlin nicht klappen sollte, eines Tages auch wieder in Hamburg mit dem Original weitergehen könnte.

Dann aber vielleicht auf der Oppositionsbank. Nicht zuletzt mit seinem wenig souveränen Management des G20-Desasters hat sich der lange für sein »ordentliches Regieren« gelobte Scholz einen gewaltigen Imageverlust eingehandelt. »Er hinterlässt einen demokratie- und sozialpolitischen Scherbenhaufen«, heißt es in einer Bilanz der LINKEN. Womöglich ein Grund, dass sich in der Spitzenriege der SPD so schwer ein Erbe finden ließ. Laut einer aktuellen Umfrage hat die Partei unter Scholz mit 28 Prozent (zu seinem Amtsantritt 2011 waren es noch 48,4 Prozent) ihren historischen Tiefpunkt erreicht.

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