Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Klage über die Jugend

Stammkneipe, 1:30 Uhr am Donnerstagmorgen. Ich will zumachen und stehe mit dem letzten Gast David am Tresen. Den ganzen Abend über war wenig los gewesen und kurz vor Feierabend umtreibt mich die Sorge, dass gleich noch ein Haufen Nachtschwärmer zur Tür hereinstürmt. Eine Schar an Leuten sind die beiden jungen, angetrunkenen Männer nicht, aber meine Erfahrung sagt mir, dass sie ihre Fahrräder nicht an die Straßenlampe anschließen, um dann nach Hause zu gehen. »Ich schließe gleich«, rufe ich ihnen zu, als sie den Laden betreten.

Eigentlich müsste ich ihnen das nicht mitteilen, denn alle Kerzen sind ausgeblasen und die Lampe am Fenster sowie die Außenbeleuchtung ausgeschaltet. Außerdem brennt die grelle Lampe oberhalb des Tresens, das sogenannte »Arbeitslicht«, das eigentlich jedem deutlich machen müsste, dass der Barkeeper nichts mehr ausschenkt.

Aber es gibt heute viele Menschen, die zwar die Augen offen haben, aber trotzdem blind sind. David geht auf sie zu und erklärt: »Ihr könntet noch in die Jazz Bar gehen, wenn Ihr noch was trinken wollt. Ihr lauft die Liebenwalder durch bis vor zum Nauener Platz, dann ein kleines Stück südlich der Reinickendorfer Straße folgen und dann seid Ihr links am Anfang der Gottschedstraße gleich da. Die haben jeden Nacht bis drei Uhr offen.«

Die beiden schauen ihn einen Moment ratlos an, bis der eine zögerlich fragt: »Ist der Laden auch googlebar?« Verdammt, denke ich, was ist denn mit Euch los? Seid Ihr schon so betrunken, dass ihr Euch nicht mal eine simple Wegbeschreibung merken könnt? Wenn Ihr Euch das Smartphone vors Gesicht haltet, bekommt Ihr die gleiche Auskunft. Okay, das ganze grafisch bunt mit einem roten Sticker auf einer Landkarte, der euer Ziel markiert und Ihr hört eine weibliche Stimme, die Euch den Weg weist.

Ist das wirklich so schwer, ein Stück geradeaus zu fahren, dann rechts abzubiegen, ein kleines Stück wieder geradeaus und dann links einzubiegen? Okay, das ist mündlich, das könnt Ihr Euch nicht merken.

Aber Ihr werdet die Jazz Bar ohnehin nicht erreichen, weil Ihr wegen Eurer Promille an der nächsten Kreuzung vom Fahrrad fallen werdet, jämmerlich aufheulen werdet, weil Ihr Euch am Knie verletzt habt und Ihr werdet eine letzte Nachricht an alle Kontakte tippen, dass es Euch erwischt hat und Ihr deshalb nicht zur Party am Wochenende kommen könnt.

Die beiden schauen zu mir und sehen meinen Gesichtsausdruck. Sie sehen den Zorn und erkennen, dass sie hier niemals was zu trinken bekommen werden, egal zu welcher Uhrzeit sie kommen mögen, wenn ich hinter dem Tresen stehe.

Als ich später auf dem Weg nach Hause bin, sehe ich sie an der Müllerstraße stehen und auf ihre Taschentelefone schauen. Sie haben sich verlaufen. Einer von beiden hinkt, als sie ihren Weg in Richtung Norden fortsetzen und die Räder schieben. Reinickendorf, denke ich, ja, da könnte auch noch was offen haben.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln