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Solidarität mit einem Kriminellen

Vor 100 Jahren sorgte der Berliner »Einbrecherkönig« Emil Strauß für Schlagzeilen

  • Von Bettina Müller
  • Lesedauer: 2 Min.

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Berlin, 5. Januar 1918, Leipziger Straße: Das Seidenhaus Michels u. Co. wird zum Schauplatz eines spektakulären Einbruchs. Den Dieben gelingt es, über das Dach in das Haus einzudringen, um sich dann vom vierten Stock aus der Buchhaltungsabteilung in das verschlossene und auch für die Wachleute nicht zugängliche Stofflager abzuseilen. Sie beweisen dabei zielsicheren Geschmack: In mehrstündiger Arbeit suchen sie sich die beste Ware im Wert von über 100 000 Mark heraus, um sie dann völlig unbemerkt von Wachpersonal, Passanten und Anwohnern der belebten Straße abzutransportieren. Die Ware ist so verlockend, dass die Diebe dem Seidenhaus in der nächsten Nacht einen weiteren Besuch abstatten.

19. Dezember 1919, Guineastraße: Die Brüder Strauß feiern bei der Wirtin Behrend mit mehreren Gästen deren Geburtstag. Eine Hausdurchsuchung überrascht die Feiernden. Die Brüder eröffnen das Feuer, dabei erschießt Emil den Oberwachtmeister Erdmann und verletzt zwei Wachtmeister schwer. Im Strafprozess fordert die Anklage die Todesstrafe für Emil. Der intelligente junge Mann, der sich eigenständig mit Lehrbüchern weitergebildet und angeblich auch zu Gott gefunden hat, geht in die Offensive. Seine Verteidigungsrede wird nicht zuletzt auch zu einer Anklage: gegen den Staat, gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen der unteren Klassen, gegen die »millionenschweren Kapitalisten«, die er »von einem Teil ihres Überflusses befreit« habe.

In einer Atmosphäre, die nach dem Ersten Weltkrieg politisch und gesellschaftlich aufgeheizt ist, stilisiert ihn ein Teil der Öffentlichkeit zu einer Art »Held«, das personifizierte Leid derjenigen, die von vornherein keine Chance haben, ihrem sozialen Elend zu entkommen. Emil stammt tatsächlich aus einfachsten Verhältnissen. Der Vater trinkt, die Mutter erhängt sich, als Emil zehn Jahre alt ist. Die Familie wechselt oft die Adresse, die Kinder erhalten kaum Schulbildung. Nach dem Tod seiner Mutter kommt Emil in eine Pflegefamilie, doch von einer funktionierenden Jugendfürsorge ist man noch weit entfernt: die Pflegemutter ist eine Kupplerin, ihre Tochter eine Prostituierte.

Emil Strauß’ ungewöhnliche Rede macht die große Runde, Künstler solidarisieren sich mit ihm, linke Politiker setzen sich für ihn ein. Karl Otten schreibt 1925 das Buch »Der Fall Strauß«, zwei Jahre später nimmt sich Kriminaloberwachtmeister Albert Dettmann mit dem Buch »Gehetzt und verfemt« des Themas an. Beim Berliner Justizministerium beantragt er die Begnadigung von Emil Strauß und will ihn dann sogar bei sich zu Hause aufnehmen. Dettmanns Ansatz: »sich in die Psyche des Verbrechers vertiefen, um überhaupt erst zu kriminalistischen Erfolgen« zu gelangen.

Im Januar 1921 entgeht Emil tatsächlich dem Fallbeil, er wird zu einer 15-jährigen Haftstrafe wegen Totschlags verurteilt. Sein weiteres Schicksal ist ungeklärt.

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