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Das Gefühl der Fremdheit

Joachim Käppner berichtet über die Revolution der Besonnenen 1918/19

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Scharfe Anklage, im Urteil aber mildernde Umstände gelten machend - derart könnte man den Inhalt des Buches von Joachim Käppner zusammenfassen. Mit epischer Breite und voller Spannung berichtet der Historiker und Redakteur der »Süddeutschen Zeitung« über das dramatische Geschehen in der deutschen Revolution von 1918/19, der bis dahin größten Massenbewegung in der deutschen Geschichte, die ein enormes revolutionär-demokratisches Potenzial freisetzte.

Joachim Käppner: 1918. Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen.
Piper-Verlag, 523 S., geb., 28 €.

Käppner greift die Kritik auf, die seit den 1960er Jahren vor allem von Eberhard Kolb, Peter von Oertzen und Reinhard Rürup an der rechtssozialdemokratischen Politik während der Revolution geübt wurde. Sie drängten seinerzeit die in der Historiographie der BRD tonangebenden konservativen und antisozialistischen Urteile über die Revolution in die Defensive. Käppner wiederum will darüber hinaus der deutschen Revolution endlich den ihr gebührenden Platz im Geschichtsbild der Deutschen verschaffen. Er ordnet sie in die Kette demokratischer Bewegungen seit 1525 ein. Sein Buch versteht er als publizistisches Denkmal für die Revolutionäre von 1918.

Dreh- und Angelpunkt der Revolutionsgeschichte ist für Käppner das verhängnisvolle Bündnis der rechten SPD-Führung mit Groeners Oberster Heeresleitung, die Einladung an die Konterrevolutionäre, alles niederzuwerfen, was über die durch den Druck der Massen und ihrer Räte im ersten Ansturm erzwungenen politischen und sozialen Veränderungen hinausging. Für diesen katastrophalen »Sündenfall« unterzieht der Autor Friedrich Ebert, Gustav Noske und deren Umfeld scharfer Kritik. Ablösung der Monarchie durch eine Republik, demokratisches Wahlrecht einschließlich Frauenwahlrecht sowie soziale Reformen, für die Sozialdemokraten jahrzehntelang vergeblich gekämpft hatten, waren durch die Revolution Wirklichkeit geworden. Aber es war ein Sieg, der nicht ausreichte, um die Überlebensfähigkeit der Demokratie gegen eine intakt gebliebene Konterrevolution länger als 14 Jahre zu behaupten. Käppner schreibt nicht aus der Perspektive des Scheiterns mit dem Jahr 1933, aber im Wissen darum.

Die weitgehende Fixierung auf Revolution und Militär lässt die Rätebewegung in den Hintergrund treten. Die Räte werden zwar als Rückgrat der Revolution bezeichnet, letztlich aber recht undifferenziert behandelt und für ihre »besonnene« Zustimmung zur Nationalversammlung, d. h. zu ihrer Selbstabschaffung, belobigt. Dies behindert nicht eine scharfe Kritik daran, dass die Realisierung der Forderungen der Revolutionäre nach Entmachtung des kaiserlichen Offizierskorps und Aufbau einer republikanisch-demokratischen Volkswehr sowie nach Veränderung der sozialökonomischen Basis durch die Sozialisierung von Schlüsselindustrien von der rechtssozialdemokratischen Führung hintertrieben wurde.

Käppner setzt sich von dem moralisierenden Verdikt ab, die Sozialdemokratie habe die Revolution »verraten«. Er lässt keinen Zweifel an der objektiven Verantwortung der SPD-Führung für die unzureichenden Resultate der Revolution, das Ausbremsen ihrer Möglichkeiten sowie für die Liquidierung der Rätebewegung und die fatalen Folgen für die Instabilität der Weimarer Republik.

Käppner übersieht, dass eine Revolution damals schon längst nicht mehr zum Handlungsareal der Sozialdemokratie gehört hatte. Das Erfurter Parteiprogramm von 1891 mit seinem grundsätzlichen revolutionären ersten Teil und dem demokratische Forderungen fixierenden zweiten Teil war nur noch selektiv programmatisches Rückgrat der auf Evolution eingestellten SPD-Führung. Ebert wollte keine Revolution. Sie störte die Bemühungen um Teilhabe am bürgerlichen Staat. In diesem Knackpunkt der Darstellung finden das zutreffende Sachurteil und das Werturteil des Autors nicht zusammen. Den Revolutionsführern wider Willen wird trotz allem zugutegehalten, ihr Bestes gegeben zu haben, es sei nur nicht gut genug gewesen. Was an Demokratisierung erreicht wurde, sei ihr »bleibendes, aber nicht ausreichendes Verdienst«. Die Führer der SPD hätten schlichtweg nicht begriffen, was die Revolution war, nämlich ein Aufstand für die Freiheit. Angst vor den eigenen Anhängern und »russischen Zuständen«, ein »Gefühl der Fremdheit« gegenüber der Revolution habe ihr tragisches Agieren geprägt. Hier nimmt der Autor als Ankläger die Verbindlichkeit seiner scharfen Kritik zurück, indem er als Richter mildernde Umstände sucht. Die gibt es nicht für den linken Flügel der Revolutionäre. Spartakus erscheint in einem »Rausch des Realitätsverlustes« als Störenfried der »Revolution der Besonnenen«, »fanatisch, illusionär und verantwortungslos«.

Dennoch: Käppners opulentes Revolutionsgemälde lohnt eingehende Betrachtung. Es erntet heftiges Kopfnicken, aber ebenso heftiges Kopfschütteln.

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