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Die Droge Aufmerksamkeit

Michael Meyen beschreibt die Funktionsweise der modernen Massenmedien

Zwischen der Wirklichkeit und der Wahrnehmung derselben klafft eine immer größere Lücke. So hält in Niedersachsen fast ein Viertel der Bürger es für »wahrscheinlich« oder »eher wahrscheinlich«, in den kommenden 12 Monaten Opfer eines Wohnungseinbruchs zu werden, wie das Kriminologische Forschungsinstitut in Hannover kürzlich in einer Studie feststellte. Die Furcht ist damit 250 mal höher als das Risiko, denn die Zahl der Einbrüche ist 2017 um mehr als 17 Prozent gesunken. Und paradoxerweise haben ältere Frauen, die am wenigsten Angst vor Überfällen und körperlicher Gewalt haben müssen, weil sie so gut wie nie Opfer solcher Delikte werden, die größte Furcht, sich nachts draußen aufzuhalten, wohingegen junge Männer, die statistisch gesehen besonders häufig zu den Geschädigten gehören, keine Furcht zeigen.

Michael Meyen: Breaking News. Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren.
Westend-Verlag, 204 S., br., 18 €

Was aber verursacht diese verzerrte Wahrnehmung (die ja sowohl bei den älteren Frauen wie bei den jungen Männern existiert)? Sie entsteht unter anderem, weil wir, um einen bekannten Satz des Soziologen Niklas Luhmann zu zitieren, alles, was wir über die Welt wissen, von den Massenmedien wissen. Und weil diese Massenmedien zu Skandalplattformen mutiert sind, in der, wie es der Medienwissenschaftler und Journalist Michael Meyen in seinem jüngsten Buch formuliert, nur noch das sich Bedeutung verschaffen kann, das »grell, schrill, laut« daherkommt, stimmt das Bild von der Welt nicht mehr mit der Welt überein.

Alle, die Journalisten wie die Nutzer der Medien, also die Leser, Zuhörer, Zuschauer (die in den sozialen Medien allemal), spielen das Spiel der ständigen Skandalisierung mit. Wenn die Welt aber so ist, dass ein Eurovision Song Contest oder ein Fußballspiel sinn- und identitätsstiftend ist, dann muss dies auch für die Massenmedien gelten. »Massenmedien«, zitiert Meyen Luhmann, »sind das Gedächtnis der Gesellschaft«.

Der »Imperativ der Aufmerksamkeit« aber, konstatiert Meyen, stellt heutzutage nicht nur das System der Massenmedien infrage, das im Zeitalter des Internet und der sozialen Medien nach und nach seine Funktion als Nachrichtenübermittler an Facebook und Co. verliert. Dieser Imperativ bedroht mittlerweile »jeden Einzelnen von uns und die Gesellschaft insgesamt«. Diese Bedrohung hat eine eigene Realität geschaffen: die Medienrealität. Politiker und Fußballtrainer treten nicht wegen der Fehler zurück, die sie gemacht haben, sondern weil sie eine negative Öffentlichkeit fürchten.

Diese Öffentlichkeit ist jedoch eine amorphe Masse, die manchmal Anflüge von Schwarmintelligenz hat, oft aber eher das Gegenteil demons-triert. Wenn Menschen glauben, so Meyen, dass das Blut, das sie in den TV-Nachrichten oder im »Tatort« sehen, die Gesellschaft verroht, erhalten Forderungen nach der Installation von Kameras an öffentlichen Orten leichter Zustimmung - was wiederum den Eindruck in der Bevölkerung verstärkt, die Kriminalität nehme zu.

Die Droge Aufmerksamkeit hat Risiken und Nebenwirkungen. Die Medienrealität greift unmittelbar in den Alltag ein; alles wird zum Ereignis stilisiert: der Junggesellenabschied, die Hochzeit, der Kindergeburtstag müssen inszeniert werden, und zwar so, dass sie in den sozialen Medien Klickzahlen generieren, also Aufmerksamkeit finden. Meyen nennt das »Medialisierung«: Akteure passen bewusst oder unbewusst ihre Strategien an die Medienlogik an. Die Medialisierung aller gesellschaftlichen Bereiche bedroht letztlich das, was eigentlich einmal die Funktion der Massenmedien war: »Herstellung von Öffentlichkeit, Kritik und vor allem Kontrolle der Mächtigen«.

Der Bedeutungswandel der Medien ist unübersehbar. Was einst ein Monolog war - Medien verbreiten Nachrichten, Meinungen, ordnen ein, propagieren - hat sich einerseits zu einem Dialog zwischen Medium und Nutzer entwickelt. Zum anderen sind die Nutzer selbst mittels der neuen Medien, des Internets, Produzenten und Verbreiter von Nachrichten, Meinungsverkünder, Propagandisten geworden.

Um in dieser neuen Unübersichtlichkeit noch Orientierung zu schaffen, spricht sich Meyen für das Konzept der Medienresilienz aus. Resilienz meint die Fähigkeit, in Krisenzeiten psychisch stabil zu bleiben, den äußeren Widrigkeiten widerstehen zu können und die Krise gleichzeitig als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Auf die Medien übertragen bedeutet dies für Meyen: Professionelle Skepsis stärken, Transparenz entwickeln; Andersdenkende und Querdenker im Medienbetrieb dürfen nicht nur geduldet, sondern müssen gezielt gefördert werden. Meyen nennt als Beispiel jene Journalisten, die in den USA monatelang zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche recherchierten - gegen den Widerstand aus dem Verlag und ohne zu wissen, ob die Recherchen tatsächlich etwas zutage fördern. Diese Journalisten, so Meyen, sind ein Team gewesen, »das jeder Unternehmensberater sofort entlassen hätte«.

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