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Izbica war schlimmer als die Hölle

Steffen Hänschen berichtet über ein Transitghetto im deutsch-okkupierten Polen

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Izbica im Osten Polens, 70 Kilometer südöstlich von Lublin entfernt, war bis zum deutschen Überfall ein Schtetl mit etwa 6000 Einwohnern; nahezu 90 Prozent waren jüdischer Herkunft und sprachen jiddisch. Nunmehr dem NS-»Generalgouvernement« zugehörig, sollte der Ort im System des Holocaust eine wichtige Rolle spielen. Die Okkupanten errichteten dort ein Transitghetto, in das Zigtausende Menschen gepfercht wurden, unter unmenschlichen Bedingungen - bis zu dessen Auflösung im November 1942. Es war das größte Ghetto unter mehreren in dieser Region, die im Rahmen der »Aktion Reinhardt« als Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager Bełżec, Sobibór und Treblinka dienten. Willkürlicher Mord, Schikane, Gewalt, Angst und Hunger prägten den Alltag der jüdischen Menschen dort. Das Transitghetto war nicht eingezäunt. Eine Flucht war dennoch gefährlich und endete meistens tödlich. Die letzten Jüdinnen und Juden von Izbica wurden im April 1943 in den Tod geschickt.

Steffen Hänschen: Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust.
Metropol Verlag, 608 S., geb., 29,90 €.

Steffen Hänschen hat sorgfältig und akribisch recherchiert. Er spricht ein heikles Thema an, das derzeit in Polen die öffentliche Diskussion erhitzt. Hegten die Juden gegenüber den deutschen Besatzern und ihren ukrainischen Helfershelfern keinerlei Illusionen, so glaubten sie doch nicht, auch von ihren langjährigen polnischen Nachbarn verraten zu werden. Und wurden doch vielfach ausgeliefert. Der Antijudaismus wurzelte tief in der katholischen Mehrheit der polnischen Bevölkerung. Der Autor nennt erschreckende Beispiele von Verrat, Raub und Mord an Juden durch Polen.

Als erste wurden die Juden aus Westpolen nach Izbica deportiert. Der erste Transport erreichte den Ort am 11. Dezember 1939. Die einheimischen Juden mussten in ihren Wohnungen zusammenrücken, um Neuankömmlingen Platz zumachen. 1942 wurden 20 000 Juden nach Izbica gebracht. Sie stammten aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Luxemburg. Unter ihnen auch wieder viele polnische Juden.

Izbica war die Hölle. Zeitzeugen berichteten in Briefen, Tagebüchern oder später verfassten Erinnerungen von der Verzweiflung über die unmögliche hygienische Situation, die Krankheiten und Epidemien beförderten, über die Schwerstarbeit, die den Ghettobewohnern ohne Entlohnung aufgezwungen wurde, über hoffnungslos überfüllte Häuser, über tägliche Übergriffe und zunehmende Resignation. Sie stammten aus verschiedenen Kulturkreisen und gesellschaftlichen Schichten, verstanden sich oft sprachlich nicht. Es tobte ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben. Das Menschen zumeist wesenseigene soziale, solidarische Verhalten unter- und miteinander, war weitestgehend abgestumpft. Eine besonders perfide Strategie der Nazis war, die Judenräte bei der Zusammenstellung der Transporte einzubeziehen und eine jüdische Ordnungspolizei patrouillieren zu lassen.

Hänschen beleuchtet die gigantische faschistische Mordmaschine in all ihren Facetten. Polizei, SS, Zivilverwaltung und die deutschen Unternehmen hielten gemeinsam das Terrorsystem aufrecht und profitierten gleichermaßen davon. Der Autor kommt zu dem Schluss: »Ohne ein Ineinandergreifen der verschiedenen deutschen Besatzungsstrukturen und der tolerierenden bis unterstützenden Reaktionen von Zivilisten wäre die Abschiebung der jüdischen Bevölkerung in den Tod nicht möglich gewesen.« Er nennt in diesem Kontext den deutschen Bürgermeister von Izbica Johann Schultz und den polnischen Ortsvorsteher Josef Gut. Besonders verhasst und gefürchtet war der Gestapo-Mann und SS-Hauptsturmführer Kurt Engels. Sein Sadismus, seine Mordlust kannten keine Grenzen; er konnte sich ungehindert und straffrei austoben. Später rühmte er sich, täglich vor dem Frühstück einen Juden erschossen zu haben.

Als »Schwarzer Tag von Izbica« gilt der 18./19. Oktober 1942. Zwei Züge wurden für den Transport in die Vernichtungslager bereitgestellt, jeweils 2500 Personen in einen Zug gepfercht. Engels und seine Kumpane schossen in die Waggons, um die Menschen zum Zusammenrücken zu zwingen. Diejenigen, die nicht mehr in die Züge passten, wurden an Ort und Stelle erschossen. 700 Tote waren zu beklagen. Engels tauchte nach dem Krieg mit falschem Namen unter. Er wurde später in Hamburg aufgespürt. 1958 vergiftete er sich in seiner Gefängniszelle. Für die wenigen Überlebenden von Izbica war das Leiden nach der Befreiung vom Faschismus noch nicht zu Ende. So wurde Leon Feldhendler, der zu den Führern des Häftlingsaufstandes von Sobibór gehörte, in Lublin durch unbekannte Antisemiten ermordet.

Dieses voluminöse Buch bietet nicht nur eine historisch-wissenschaftliche Analyse, sondern enthält zahlreiche Porträts, darunter von Thomas Toivi Blatt, der aus Izbica stammte und wie Feldhendler am Aufstand in Sobibór beteiligt war und nach dem Krieg in die USA übersiedelte. Bis ins hohe Alter setzte er sich unermüdlich für die Strafverfolgung der Täter und das Gedenken an die Opfer ein.

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