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Das Nein muss konkret sein

Domenico Losurdo klärt auf über die Gesellschaft des Spektakels, Krise und Krieg

Sagen, was ist! Dies ist nach Lassalle die erste revolutionäre Tat. Und deshalb ist Domenico Losurdos Buch »Wenn die Linke fehlt« ein revolutionäres Buch. Wer dieses Buch gelesen hat, wird künftig jedes Nachrichtenbild, jede Information, jede Äußerung moralischer Entrüstung noch gründlicher prüfen. Losurdo macht deutlich: Wir leben in einem Zeitalter der Lüge. Die einzelnen Wahrheiten sind »ein Moment des Gesamtfalschen«. Und Teile der Linken wirken mit an den großen Lügen des herrschenden Diskurses. Sie sind zu imperialen Linken geworden. Die Geschichte wiederholt sich doch, und dies in jämmerlicher Form. Die Durchsetzung dieser Linken, gegen die Losurdo vor allem anschreibt, ist für ihn mit vollem Recht »ein Symptom für die allgemeine Krise der Linken«.

Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt ... Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg.
PapyRossa, 373 S., br., 19,90 €.

Brechts Imperativ »Gelobt sei der Zweifel« gilt heute mehr denn je. Dies gilt vor allem dann, wenn über Menschenrechte gesprochen wird, denn auf das Wie kommt es an: Die imperiale Politik war immer von Menschenrechtsrhetorik begleitet, oder wie Bismarck bei seinen Mitarbeitern nachfragte: »Kann man nicht schaurige Details über Menschenquälerei auftreiben?« Es geht vor allem um die Kon-trolle von Emotionen. Der Mechanismus ist ganz einfach: Man findet oder erfindet oder schafft »schaurige Details« bzw. provoziert die schwächere Gegenseite, sich auf schaurige Weise zu wehren. Dann beginnt die eigentliche Aufgabe. Es wird Entrüstung erzeugt. Jede und jeder muss sich positionieren, ob sie oder er bereit ist, diese Scheußlichkeiten durch Nichtstun zu legitimieren. Dann wird das Bild des Reichs des absolut Bösen geschaffen, dem das Gute sich entgegenstellen muss - um jeden Preis, auch um den eigener Scheußlichkeiten, verniedlicht als Kollateralschäden. Im Krieg gegen Serbien wurde durch den damaligen Außenminister Fischer der Holocaust angerufen, um einen Angriffskrieg zu legitimieren. Losurdo bringt Beispiele ohne Ende. Am Ende, so weist er nach, entsteht ein »Entrüstungsterrorismus«. Der westliche Neokolonialismus habe jüngst den ganzen Nahen und Mittleren Osten in eine Kriegsregion verwandelt und den Zerfall jener jungen Staaten vorangetrieben, die sich nicht als Partner oder Vasallen der USA erwiesen.

Was Losurdo deutlich macht: Bei jedem Bild, bei jeder Nachricht, bei jedem Gedenktag muss man innehalten und sich fragen: In welchen Zusammenhang ist diese »Wahrheit«, wenn es denn eine ist, eingebettet? Was wird erzählt und was verschwiegen? Wieso ist der 11. September vor allem im Gedächtnis als Angriff auf die USA - und nicht als ein von den USA maßgeblich vorbereiteter blutiger Putsch in Chile, der doch viel mehr Opfer kostete? Wieso kennen wir alle das Bild von dem Studenten auf dem Tienanmen-Platz, der einen Panzer stoppte, und fragen nicht, wieso er nicht unter den Ketten zermalmt oder mit dem MG niedergemäht wurde? Wie kann es sein, dass das Hinmorden von Hunderttausenden Kommunisten in Indonesien es niemals in das Weltgedächtnis schaffte? Die zynische Wahrheit des herrschenden Diskurses lautet: »An Kommunisten hat man sich als Henker zu erinnern, niemals als Opfer!«

Losurdos Buch schult die Wahrnehmung, ruft auf, alles zu prüfen, was täglich auf uns einstürzt, nichts einfach hinzunehmen. In dieser Hinsicht ist es ein großartiges Buch. Es macht klar, dass in einer Welt voller Ungleichheit und fortgesetzter neoliberaler und neokolonialer Expansion auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung und Entrüstung ungleich verteilt ist. Die Subalternen unterliegen weitgehend einer Kontrolle. Es ist eine Kontrolle der Bilder, der Emotionen, aber auch der öffentlichen Haushalte und Entscheidungen. Sowie der Fähigkeit, sich zu wehren. Die imperiale Maßregelung Griechenlands durch Deutschland und den IWF zeigte erneut, was Demokratie wert ist, wenn Wahlen unter den Bedingungen der Erpressung stattfinden. Losurdos Schluss daraus: »Es ist die Bestätigung dafür, dass dem demokratischen Glaubensbekenntnis überhaupt nicht zu trauen ist, wenn es nicht vorrangig für die Demokratisierung der internationalen Beziehungen kämpft.« Dies alles lässt den herrschenden Diskurs über Russland oder China in einem anderen Licht erscheinen. Losurdo gibt dafür viele gute Gründe an. Demokratie braucht Gleichheit und Souveränität, sonst kann sie sich ins Gegenteil verkehren.

Der Stärke von Losurdos Kritik entspricht keine Stärke bei der Entwicklung eigener philosophischer und strategischer Überlegungen. Er fordert sie ein, aber anders, als er glaubt: Die bloße Verneinung des Herrschenden und die Entlarvung der verdeckten Mittäterschaft eines größeren Teils der Linken (für ihn gehören dazu auch Michael Hardt oder Slavoj Žižek) ist noch lange keine Bestimmung einer emanzipatorischen Alternative. Selbst vorhandene Ansätze, mit den realen Widersprüchen so umzugehen, dass dabei Demokratie und Menschenrechte nicht auf der Strecke bleiben, werden nicht analysiert.

Die erste revolutionäre Tat bleibt ohne die zweite: Das Nein muss konkret werden und handlungsanleitend, damit eine Offensive gegen das unsägliche Bündnis von Neoliberalismus, Neoimperialismus und Neomilitarismus möglich wird. Aber Losurdos Buch trägt dazu bei, sich dieser zweiten Aufgabe mit größerer Entschiedenheit zu widmen. Meine unbedingte Empfehlung: Lest das Buch von Domenico Losurdo.

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