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Bloß kein Mitleid - oder doch?

Serhij Zhadan führt durch eine Stadt in der Ostukraine

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»Alle herhören«, sagt der Soldat. »Handys aus, nicht rauchen.« »Wie im Theater, denkt Pawlo Iwanowytsch, genannt Pascha.« Aber der Lehrer und die vielen Frauen und Kinder befinden sich nicht im Theater. Das Blut an den Wänden und draußen im Schneematsch ist echt. Die Ruinen um sie herum auch. Sie sind nicht im Theater, sondern in der Eingangshalle des Bahnhofs einer nicht näher bezeichneten ostukrainischen Stadt. Und warten darauf, aus der von »den Anderen«, das heißt von den prorussischen Separatisten, belagerten Stadt herauszukommen.

Serhij Zhadan: Internat. Roman. A.d. Ukr. v. Juri Durkot u. Sabine Stöhr.
Suhrkamp Verlag, 270 S., geb., 22 €.

Vorher soll Pascha jedoch seinen Neffen Sascha aus dem Internat holen. Dessen Mutter, Paschas Schwester, die als Schlafwagenschaffnerin arbeitet und selten zu Hause ist, hatte ihn dorthin gegeben. Pascha hatte Mitleid mit dem Jungen gehabt, war dagegen gewesen, aber er ist ein schwacher, passiver Mensch, gab seinen Widerstand gegen seine Schwester schnell auf. Wie er sich auch sonst nicht für Politik und die Lage seines Landes interessiert. Das rächt sich nun, denn jetzt ist es vielleicht zu spät, Sascha zu holen.

Panisch meidet Pascha auf seinem Weg zum Internat das Militär der einen wie der anderen Seite. Entweder könnten sie ihn einziehen, oder - die andere Seite - verhaften und töten. Seine Odyssee durch die Stadt im kalten und nassen Januarnebel, inmitten von Einschlägen und Explosionen, ist eine Reise durch die Hölle.

Es ist eine ganz diesseitige, gegenwärtige Hölle, die Serhij Zhadan in seinem Roman »Internat« beschreibt, eine, in der die Soldaten Phantasieuniformen tragen oder zum Tarnanzug nagelneue weiße Markenturnschuhe. In der die Handy-Verbindung von der Front nach Hause intakt ist, auch wenn es keinen Strom, keine Heizung und kaum noch etwas zu essen gibt.

Es ist eine Hölle, die von der Weltöffentlichkeit vergessen wird, obwohl sie von Deutschland nicht weiter entfernt ist als Spanien. In der sich Menschen, die gestern noch friedlich nebeneinander gelebt hatten, misstrauisch beäugen, mit von Angst entstellten Gesichtern. »Bloß kein Mitleid«, lernt Pascha schnell, »mit niemandem«.

Hier liegt auch eines seiner Probleme. In mancher Hinsicht ist Pascha ein Ignorant, interessiert sich auch nicht wirklich für seine Schüler. Obwohl er Ukrainisch unterrichtet, hat er sich nicht für die ukrainische Seite entschieden. »Sie sind es Ihr ganzes Leben lang gewöhnt sich zu verstecken«, wirft ihm die Direktorin vor, als er endlich im Internat ankommt. »Dass nichts Sie etwas angeht, dass immer andere für Sie entscheiden, dass irgendjemand es schon richten wird.« Aber auf seinem Weg durch die belagerte Stadt hat er Mitleid mit denen, die unter dem Krieg leiden, egal auf welcher Seite sie stehen, und verliert so manchmal sein Ziel aus den Augen.

Es ist eine apokalyptische Geschichte, die Serhij Zhadan erzählt. Seine große Kunst besteht darin, den Leser in den Bann zu ziehen, ohne dass sich dieser dabei übermäßig mit der Hauptfigur identifiziert. Pascha ist einem nicht sympathisch, aber einmal auf den Weg gebracht, sorgt er sich um seinen Neffen und ist zu anderen hilfsbereit.

Serhij Zhadan hält die gebotene Distanz zu seinen Figuren wie auch zum Thema seines Romans und kann so überzeugend das ganze Panorama des Krieges mit seinen mentalen Verwüstungen der Menschen schildern. Kann von Widersprüchen erzählen, bei den »Unseren« wie bei den »Anderen«, und - am Ende - auch ein bisschen Hoffnung vermitteln.

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