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Aus dem Lot geraten

Peter Stamm erzählt eine doppelte Doppelgängergeschichte

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem Ort, an dem Sie vor Jahrzehnten gelebt haben, eine Person treffen, die haargenau Ihrem früheren Ich gleicht. Das würde Sie vermutlich nicht nur irritieren, es könnte auch Ihr seelisches Gleichgewicht ins Wanken bringen. Vor allem, wenn Sie Ihrem früheren Ich immer wieder an den Ihnen bekannten Orten begegnen.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Roman.
S. Fischer, 156 S., geb., 20 €.

Christoph, dem Protagonisten in Peter Stamms neuem Roman, passiert genau das. Zunächst trifft er, der nach fruchtloser Zeit endlich Erfolge als Schriftsteller genießt, während einer Lesung in seinem Heimatdorf sein früheres Ich. Es arbeitet als Nachtportier in einem Hotel, so wie Christoph es vor 16 Jahren getan hat. Später trifft er seinen Doppelgänger während eines Vortrags in der Universität, an der er einst studiert hatte. Wie besessen beobachtet er ihn und folgt dem jungen Mann, der sein eigenes Leben zu wiederholen scheint. Das lässt Christoph aus dem Lot geraten. Er flieht nach Barcelona, um den merkwürdigen Begegnungen zu entkommen. Doch sein früheres Ich trifft er nach Jahren auch dort. Oder ist alles nur Einbildung, ist Christoph verrückt geworden?

Diese Frage stellt sich nicht nur der Leser, sondern auch eine junge Frau namens Lena in Stockholm. Hier entfaltet sich die eigentliche, karge Handlung des Buches. 16 Jahre nach der ersten Begegnung mit seinem Doppelgänger trifft Christoph Lena, die ihn an seine frühere Freundin Magdalena erinnert. Noch mehr Verwirrung: Aus der einfachen Doppelgängergeschichte wird eine doppelte.

Christoph folgt Lena in der Illusion, noch einmal jung sein und seinem Leben eine andere Wendung geben zu können. In Stockholm war seine Beziehung zu seiner großen Liebe Magdalena gescheitert. Er hatte sich gegen sie und für die Schriftstellerei entschieden - aus der nichts wurde; es blieb bei einem veröffentlichten Buch. Christoph schreibt an Lena: »Bitte kommen Sie morgen um vierzehn Uhr zum Waldfriedhof. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.« Sie kommt, und es stellt sich heraus, dass auch ihr Freund, Chris, Schriftsteller ist und gerade an seinem ersten Buch arbeitet.

Durch Stockholm spazierend, erzählt Christoph Lena, einer Schauspielerin, von der Begegnung mit seinem Doppelgänger, von seiner gescheiterten Beziehung zu Magdalena, der Lena so gleicht. Bei Christoph verwischen die Unterschiede zwischen den beiden. Ich liebe dich noch immer, sagt er zu Lena - und meint Magdalena. Diese weist das zurück: »Ich bin nicht Ihre Magdalena.«

Der neue Roman des Schweizers Peter Stamm ähnelt in seiner präzisen, einfachen Sprache, die keinerlei Kommentierendes enthält, seinen sechs zuvor publizierten Romanen sowie seinen zahlreichen Erzählungen. Jeder seiner Sätze vermittelt das Gefühl, dass die Personen, die Geschehnisse nicht ganz zu fassen sind. Das gilt für sein jüngstes Werk ganz besonders. Christoph und Chris, Magdalena und Lena umgibt etwas Rätselhaftes. Wir wissen nicht, was ihre wahre Identität ist - zumal Stamm im ersten und letzten Kapitel noch eine weitere Zeit- und Erinnerungsebene einführt. Zu Beginn bekommt ein alter Christoph, im Männerheim des Dorfes seiner Jugend lebend, rätselhaften Besuch von einer Magdalena: offenbar Fantasien eines alten Mannes. Im letzten Kapitel wird ein Erlebnis des 20-jährigen Christoph erzählt: Er trifft in jenem Dorf einen zusammengebrochenen alten Mann. Und stellt sich vor, zu enden wie er, »von allem befreit dem Leben zu entkommen und mich irgendwann zu ergeben. (...) Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.«

Mit diesen verstörenden Worten entlässt Stamm uns in die Reflexion über sein Buch. In dessen Zentrum stehen die existenziellen Fragen: Wer schreibt mein Leben, wer bin ich, und wie wurde ich zu dem, der ich bin? Oder wie Peter Stamm es in seiner Poetikvorlesung formulierte: »Gestalte ich mein Leben, oder ist es mir nur zugestoßen?« Der Autor findet weder hier noch dort eine Antwort. Das ist, was den Roman anbelangt, auch gut so. Alles andere hätte diesem faszinierenden wie unbehaglichen Buch nicht gut gestanden.

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