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Nazis in der Wüste

Hannes Köhler erzählt von erblichen Kriegswunden

Martin ist kürzlich Vater geworden, überraschend und nicht ganz gewollt. Sein Opa Franz fühlt sich von seiner Vergangenheit in einem Kriegsgefangenenlager der 40er Jahre eingeholt. Barbara, Martins Mutter und Franz’ Tochter, weiß nicht so recht, was sie vom Hochholen alter Geschichten halten soll. Enkel und Großvater fliegen nach Amerika. Aber was will der unentschlossene Martin mit dem schweigsamen alten Kerl im fernen Texas? Was ist das Ziel? Nazis in der Wüste?

Hannes Köhler: Ein mögliches Leben. Roman.
Ullstein, 352 S., geb., 22 €.

Ein paar alte Fotos und die komplizierte Familiengeschichte im Gepäck, landen die beiden in New York und fahren mit dem Auto auf Franz’ Spuren in das ehemalige Kriegsgefangenenlager im Süden der USA. Stückchenweise erfahren wir in Rückblicken die Geschichte der Freundschaft zwischen Franz und Paul. Wir erfahren, was sie veranlasste, sich gegen die im Lager noch existierende Naziideologie zu stellen, welche Folgen das hatte, warum Franz einen Finger verlor.

Wie jeder gute Roman entblättert auch Hannes Köhlers »Ein mögliches Leben« sehr langsam seine Geheimnisse. Die Biografien sind miteinander verflochten, der weggefressene Schmerz des Großvaters hinterlässt seine Spuren im Leben der Tochter und färbt von Anbeginn auch Martins Existenz.

Franz’ dramatische Lebens- und Liebesgeschichte ist eine empfindsame und höchst spannende Fahrt durch die deutsche Vergangenheit. Geprägt von seinen Kriegserfahrungen, lebt Franz nach der Rückkehr in die junge BRD ein Leben in Schmerz. Er verhärtet, politisch wie familiär. Nachkriegsdeutschland war auch: scheiternde Beziehungen, verödete Lieben. Nazis im demokratischen Gewand. Durch den Krieg zerstörte Familien. Dialog mit den Toten. Die Beziehung zu seiner sich in den 60ern emanzipierenden Tochter ist beharrlich kompliziert, weil Franz außerhalb jedes gesellschaftlichen Diskurses agiert und ein Leben in Abwesenheit lebt.

Köhler hat einen komplexen und sehr dichten »Familienroman« geschaffen, der seine besondere Spannung aus den Generationskonflikten Großvater - Mutter - Sohn zieht. Der Sound ist glockenhell, Sozialkitsch wird kunstvoll umschifft, die Story zieht den Leser in ihren Bann. Prädikat: Eindringlicher Lesegenuss!

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