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  • Kultur
  • Buchbranche vor der Messe in Leipzig

Vom Käufer zum Käfer

Der Branche geht die Kundschaft verloren

  • Von Martin Hatzius
  • Lesedauer: 5 Min.

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Lesen sei »sehr, sehr wichtig«, ermahnte Angela Merkel am vergangenen Wochenende die Zuschauer ihres Video-Podcasts. »Zum Teil auch mit Sorge« beobachte sie deshalb, »dass heute gar nicht mehr so viel vielleicht gelesen wird, sondern mehr gehört und gesehen wird«.

Ihre Sorge dürfte die Bundeskanzlerin mit etlichen der Verlagsmitarbeiter und Buchhänderinnen, Autorinnen und Leser teilen, die in den kommenden Tagen auf der Leipziger Buchmesse zusammentreffen. In der Branche sorgt derzeit eine Studie für Beunruhigung, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beim Marktforschungsinstitut GfK in Auftrag gegeben hatte. Eine der wenig überraschenden, gleichwohl ernüchternden Erkenntnisse: Während das gesamte Medienzeitbudget der Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren relativ stabil geblieben ist, verliert das Buch als einziges Medium zusehends Anteile. Die digitale Konkurrenz setzt ihm zu.

»Durch die Vielzahl der neuen Medien und durch die Fülle an Informationen, die sie digital versenden, hat bei vielen von uns erstaunlicherweise ein Umbau des Denk- und Erinnerungsapparats eingesetzt«, schrieb der 2014 verstorbene Publizist Frank Schirrmacher bereits vor neun Jahren in seinem Buch »Payback«. Anders als die Buchbranche, deren existenzielle Sorge auf die Umsätze gerichtet ist, anders auch als die Kanzlerin, die in ihrem Podcast die hohe Zahl funktioneller Analphabeten beklagte (14 Prozent der Gesamtbevölkerung) und Investitionen in die Bildung versprach, interessierte Schirrmacher vor allem die Veränderung »unserer geistigen Architektur«, die er mit der exzessiven Nutzung digitaler Medien einhergehen sah: »Es ist eine Verwandlung, wie die von Kafkas Held Gregor Samsa, der eines Morgens erwacht und feststellen muss, dass er über Nacht ein Käfer geworden ist«, schrieb der Journalist, der vielen als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen galt.

Die Käferwerdung des Menschen ist in der Studie zwar nicht festgestellt worden, dafür aber ein Käuferschwund mit erschreckenden Ausmaßen: Im Zeitraum von 2012 bis 2016 ging die Anzahl der Menschen, die in Deutschland pro Jahr mindestens ein Buch erwarben, um 6,1 Millionen zurück. Während 2012 noch 36,9 Millionen Buchkäufer registriert wurden, waren es 2017 nur noch 30,8 Millionen. Und der Abwärtstrend setzt sich offenbar fort: Allein im ersten Halbjahr 2017 gingen dem Buchhandel weitere 600 000 Kunden verloren. Dass Absatz und Umsatz bislang dennoch fast stabil sind, wird darauf zurückgeführt, dass die verbliebenen Käufer mehr Bücher kaufen als früher - und teurere.

Neben dem Käuferschwund stellt die Studie eine kontinuierlich sinkende Lesehäufigkeit seit 2014 fest. Hatten 2013 noch 49 Prozent der Befragten angegeben, mindestens einmal in der Woche ein Buch zu lesen, waren es 2017 nur noch 42 Prozent. Obwohl der Leseranteil der Menschen mit höherer Schulbildung immerhin noch bei 56 Prozent lag, bei den Befragten mit einfacher Schulbildung hingegen nur bei 16 Prozent, vollzieht sich der Rückgang unabhängig vom Bildungsniveau. Das Alter hingegen spielt eine Rolle: Bei den 14- bis 29-Jährigen und bei den 30- bis 59-Jährigen wurde ein überproportionaler Rückgang verzeichnet. Der Schluss, dass das Leseverhalten mit den Lern- und Arbeitsbedingungen zusammenhängt, liegt nahe.

In der Tat ist die digitale Arbeitswelt einer der Gründe für die Buchabstinenz, wie die GfK in Fokusgruppen-Gesprächen zur Ursachenforschung feststellte. Multitasking und der Druck, immer mehr in immer kürzerer Zeit leisten zu müssen, schmälern offenbar die Bereitschaft und Fähigkeit zum Lesen. Hinzu kommt eine Zeitverknappung auch in der Freizeit, da das Angebot an Unterhaltungs- und Medienformaten wächst. Die Befragten bestätigen, was Schirrmacher in »Payback« feststellte: Je höher die Dichte an verfügbaren Informationen wird, desto geringer die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitabschnitt zu konzentrieren. Eine Nebenwirkung des Aufmerksamkeitsdefizits: Nicht nur das Lesen selbst, sondern auch der Austausch über Bücher spielt in der digitalen Dauerkommunikation eine immer geringere Rolle.

Auf der Leipziger Buchmesse, zu der von Donnerstag bis Sonntag über 250 000 Besucher erwartet werden, steht das Buch im Fokus der Aufmerksamkeit. Zum konzentrierten Lesen wird im Getümmel der Messehallen zwar kaum Gelegenheit sein, umso mehr zum Endecken künftiger Lektüren, zum Zuhören bei den Hunderten Veranstaltungen der Reihe »Leipzig liest«, zum Gespräch über Literatur, Gesellschaft und Politik.

Den gesellschaftlichen Dialog mit der Politik über die Literatur suchen dabei nicht zuletzt die unabhängigen Verlage, die der Strukturwandel des Buchmarkts am härtesten trifft. 60 deutsche Indie-Verlegerinnen und -Verleger hatten im Februar eine »Düsseldorfer Erklärung« verabschiedet, in der sie Vorschläge für eine nicht-projektgebundene Subventionierung ihrer leidenschaftlichen, aber häufig am Rande der Existenz geleisteten Arbeit unterbreiten und Unterstützung beim Sichtbarmachen ihrer Produkte und Protagonisten einfordern. Angela Merkels vages Bekenntnis zum Buch und zum Lesen dürfte ihnen noch in den Ohren klingen, wenn sie am Freitag in Leipzig unter dem Titel »Reden wir über Geld!« zur Podiumsdiskussion laden.

Gespräche über Geld und Zahlen lassen sich angesichts der Lage auch auf einer Publikums-Buchmesse nicht vermeiden. Viel größeren Raum nimmt in Leipzig aber traditionell der Austausch über Form und Gehalt der Romane, Gedichtbände, Pamphlete und Sachbücher ein, die hier präsentiert werden. »Die Bedeutung eines Buches«, schreibt der Literaturkritiker Jörg Magenau in seiner soeben erschienenen Geschichte der »Bestseller« in der BRD nach 1945, »seine bewusstseinsprägende Kraft, kann durch die bloße Verkaufszahl nicht wiedergegeben werden.« Nur lässt sich diese Kraft eben kaum entfalten, wenn die Leser den Weg zum Buch nicht mehr finden.

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