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  • Fotograf Robert Lebeck

Eine andere Seite von 1968

Wie uns der Fotograf Robert Lebeck eine Korrektur des gewohnten Blicks zurück ermöglicht

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 7 Min.

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Dieses Foto: Gretchen und Rudi Dutschke auf der Rückbank eines Cabrio, im Hintergrund ein Stück Prag in Licht getaucht, das Prag des Frühlings von 1968, der zu dieser Zeit noch einer war; das Gesicht der westdeutschen Studentenbewegung hat den Kopf zur Seite geneigt, halb liegt er auf dem Arm, halb greift dieser über an die Schläfe; am unteren Bildrand sieht man noch einen Fotoapparat in seiner Hand, Gretchen schaut, sich an der Lehne des Vordersitzes abstützend, wie abwesend auf Dutschke, der Mund deutet ein kommendes Lächeln an.

Es ist Anfang April 1968. Eine Welt im Umbruch. Das Foto aus Prag kann den rasenden Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Ein paar Tage später überlebt Dutschke in Berlin nur knapp das Attentat auf ihn vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm. Ein Mordanschlag, der vieles ändert, der auch die Richtung der Aufmerksamkeit umlenkt.

Irgendwann zwischen jenem 3. April, an dem Dutschke im Philosophischen Seminar der Karls-Universität zu tschechoslowakischen Studenten spricht, und dem 11. April, an dem der Hilfsarbeiter Josef Bachmann die drei Schüsse abdrückt, Munition aus Springer-Schlagzeilen, wird der Film, den der Fotograf Robert Lebeck aus Prag mitbringt, im Labour entwickelt. Der Fotoreporter ist da längst auf dem Sprung zur nächsten Reportage: erst eine Industriellen-Beerdigung in Wolfsburg; dann ein Shooting mit Diana Rigg und Curd Jürgens bei Dreharbeiten in Venedig, später ein Fototermin mit Erich Maria Remarque zu dessen 70. Geburtstag. Hunderte Fotografien, die Lebeck für den »Stern« aus Prag mitgebracht hat, bleiben in der Redaktion liegen, fast alle für immer.

Was die Bilder erzählten, war nicht mehr das, wovon die Illustrierte erzählen wollte. Oder, die Aktualitätsschere im Kopf macht schnipp, glaubte, nicht mehr erzählen zu können.

Lebeck, geboren 1929 in Berlin, hat einmal gesagt: »Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt«. In einer bestimmten Weise mag das richtig sein. Lebeck gehörte nicht der Generation an, die bis heute die Jahreszahl als Signum an sich herumträgt. Er war auch nicht in dem klassischen Sinne ein Parteigänger des Aufbruchs wie andere seiner Generation, er habe, sagt Lebeck, »die Sache einfach nicht ernst nehmen« können.

Und doch führt Lebecks Satz in die falsche Richtung. Gerade weil es keine dieser zu Ikonen gewordenen Bilder von 1968 sind, die er von seinen Reportagen mitbrachte und die jetzt im Wolfsburger Kunstmuseum zu sehen sind. Es sind Fotografien, die eine Korrektur unseres eingeübten, gewohnten Blicks zurück ermöglichen.

Eine Ebene dieser Korrektur könnte als Ausweitung des Horizonts beschrieben werden - hierbei rücken Lebecks Arbeiten die Tatsache wieder in den Blick, dass 1968 nicht nur »Studentenbewegung« in ein paar Ländern »des Westens« war, sondern eben viel mehr. Eine ganze Welt drehte sich weiter. Und nicht überall nach der Melodie von »1968«.

Lebeck besucht eine Kinder-Militärakademie in den USA: Lachende Jungen zielen mit ihren Gewehren direkt in das Objektiv - ein Bild wie die Rückseite von Fotografien der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Lebeck besucht mit Paul VI. Kolumbien: die erste Reise eines Papstes nach Lateinamerika - und eine Erinnerung daran, dass eine Kirche, die reaktionär in der Sexualmoral ist, fortschrittlich ökonomische Ungleichheit anprangern kann. Lebeck fährt 1968 nach Nordirland, um die wachsenden Spannungen zwischen protestantischen und katholischen Wohnvierteln zu dokumentieren - eine seiner frühesten Farbserien, die aber erst viel später im »Stern« gedruckt werden.

Eine andere Ebene der Korrektur, die Lebecks Bilder im eigenen visuellen Gedächtnis ermöglichen, verläuft vertikal - sie präzisieren den Blick in jene Zeit des großen Umbruchs, indem sie die Kraft des kleinen Alltags dokumentieren. Eine fast soziologisch anmutende Serie zum 30. »Geburtstag« von Wolfsburg zeigt Schützenverein, Retortenstadt, Jugendengagement und Fabrikrealität, ohne dass diesen Bildern schon der Stempel »1968« aufgeprägt ist.

Auf einer dritten Ebene der Korrektur des Rückblicks, die uns Lebecks Bilder erlauben, geht es um die Gewichtung von Ereignissen im zeitlichen Verlauf. Seine Freigang-Reportage mit der wegen Totschlag verurteilten Gisela Kreutzmann, die die Ehefrau ihres Liebhabers erschossen und darüber von Martin Walser quasi »betreut« ein Buch im Knast geschrieben hatte, schildern eine Auseinandersetzung zwischen Familienmoral, von Erniedrigung in der Ehe und Freiheitssehnsucht - noch bevor die Politisierung des Privaten zum Markenzeichen des Aufbruchs von »1968« geronnen war.

Ähnlich die Serie selbstbewusster Frauen, die nach der Scheidung zwar alleinerziehend, aber doch glücklich sind, deren Abdruck im »Stern« zwar darauf deutet, dass hier und verbunden mit dem Signum »1968« eine Emanzipation stattfindet, die aber schon viel länger laufen muss, denn geschieden sind die Frauen ja schon früher. Was man sieht, ist bereits das Resultat eines gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses, wenn auch dieser in Lebecks Fotografien zunächst als ein rein privater erscheint - keine der berufstätigen Frauen ist beim Arbeiten zu sehen, die Bilder schildern nur die Vertrautheit der häuslichen Situation, und markieren damit die Möglichkeit des Glücks auch jenseits der klassischen Ehe.

Am Prager Frühling, den Lebeck sieht und fotografiert, als dieser noch einer ist, lässt sich die politische Dimension solcher Korrektur der überlieferten Bilderwelt zeigen. Das Gedächtnis jenes demokratisch-sozialistischen Aufbruchs ist ikonografisch auf sein Scheitern, auf die Niederschlagung durch den von Moskau befehligten Einmarsch reduziert. Wer heute Prager Frühling sagt, sieht Militärs im Spätsommer, Demonstranten, die mit nichts als einer tschechoslowakischen Fahne bewaffnet gegen Panzer stehen. Vielleicht noch ein Porträt von Alexander Dubček.

Was dabei durch verengte Erinnerung zum Verschwinden gebracht wird, ist der Frühling selbst, der nicht nur ein Frühling von oben war, angezettelt von einem Flügel der herrschenden Partei. Sondern bald auch und gerade ein Frühling von unten. Lebeck fotografiert Prager beim Zeitungslesen an der Bushaltestelle, Verkäufer von Zeitungen, und dann noch mehr Zeitungsleser, die Freiheit, kritisch schreiben zu können, stößt auf die Freiheit, kritisch lesen zu können. Wunderbare Momente, Augenblicke, die miteinander verbunden sind, und die nicht ohne Folgen bleiben, wie Lebecks Fotos von Demonstrationen, Wahlkämpfen und diskutierenden Menschenansammlungen zeigen.

Und zugleich ist eben ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz, von dem Dubček sprach, auch nicht denkbar ohne das ganz allein Menschliche - die Männer an der Trinkhalle, die Pärchen an der Prager Burg, die Frauen bei der Raucherpause, die Jugendlichen auf dem Friedhof. Lebecks Bildersprache, sein autodidaktisch erworbenes Gespür für jenen einen Augenblick, in dem eine Demonstration nicht nur eine Demonstration ist, lässt seine Fotografien zu Entdeckungsräumen werden. Man muss nur lange genug hinsehen, um zu sehen.

Zurück zu Dutschkes Auftritt in der Karls-Universität. Ein Pullover mit Zopfmüsterchen. Aschenbecher und rauchende Studenten. Fast nur Männer. Ernste Blicke, auch abwesende Gesichter. Der Mann vom deutschen SDS spricht auf Deutsch über den tschechoslowakischen Aufbruch. Spricht über die »wirkliche Basisrevolution«, über den »Bewusstwerdungsprozess« und warum man »bürgerlich-parlamentarische Modelle« nicht übernehmen dürfe. Gretchen Dutschke wird später schreiben: »Sie verstanden seinen Marxismus nicht.«

Erst viel später, am 1. September 1968, erscheint im »Stern« das Foto von Rudi und Gretchen im Cabriolet. Es ist die einzige der Aufnahmen, die Lebeck aus Prag mitbringt, die auch veröffentlicht wird. Sie illustriert einen Leserbrief, in dem Freude über die Genesung Dutschkes nach dem Attentat zum Ausdruck gebracht wird - dazu das Bild der beiden, im offenen Wagen, im Frühling von Prag, darunter die Zeile: »Rudi Dutschke mit seiner Frau im Urlaub«.

Als das Foto erscheint, haben wenige Tage zuvor sowjetischen Panzer den Moskauer Winter nach Prag gebracht. Bevor er im Winter 1979 an den Spätfolgen des Attentats stirbt, wird Dutschke gefragt, was er über den legendären Mai ’68 in Frankreich zu sagen habe. Nicht viel, ist seine fast schroffe Antwort, »weil ich damals im Krankenhaus lag; vor allem aber, weil im Rückblick das entscheidende Ereignis des Jahres 1968 in Europa nicht Paris war, sondern Prag. Damals waren wir unfähig, das zu sehen.«

Robert Lebeck, der einmal gesagt hat, »1968« habe ohne ihn stattgefunden, hat es gesehen. Auf seine Weise.

»Robert Lebeck: 1968«, bis zum 22. Juli im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Der Katalog ist im Steidl- Verlag erschienen, er umfasst 360 Seiten und 226 Abbildungen und kostet 38 €.

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