Werbung

»Sehr wahrscheinlich« - aber kein Mordbeweis

In Großbritannien wurde ein Anschlag auf einen russischen Ex-Agenten verübt - Premierministerin May geht Moskau massiv an

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Salisbury, eine Stadt südwestlich von London, ist eigentlich ein beschaulicher Ort. Er liegt am Zusammenfluss der Flüsse Avon und Wylye, die gut 40.000 Einwohner führen ein eher unaufgeregtes Dasein. Einzig die Touristen, die sich die mittelalterliche Kathedrale anschauen oder das »Food and Drink«-Festival besuchen, bringen Bewegung in die Stadt.

Seit der vergangenen Woche jedoch ist hier der Teufel los: Ein Großaufgebot an Polizei sowie 180 Spezialisten der Armee, viele in Schutzanzügen, sorgen für Aufregung. TV-Teams und andere Medienleute haben sich darum gekümmert, dass Salisbury weltweit Schlagzeilen macht.

Am 4. März waren der 66-jährige Russe Sergei Wiktorowitsch Skripal und seine 33-jährige Tochter Yulia im Maltings Shopping Centre aufgefallen. Sie saßen auf einer Bank und sahen aus, als »hätten sie etwas ziemlich Starkes eingenommen«, sagte eine Zeugin. Er machte »seltsame Handbewegungen und blickte nach oben ...«, die Frau »lehnte reglos an seiner Schulter«. Im Krankenhaus hieß es später, die Patienten seien einer »noch nicht identifizierten Substanz ausgesetzt gewesen«.

Da sprachen die britischen Strafverfolgungsbehörden schon davon, dass Vater und Tochter Opfer eines Mordversuchs geworden seien. Tatwaffe? Nervengift. Der brave Bürger denkt sofort daran, wie Nordkoreas Machthaber jüngst seinen Halbbruder meucheln ließ. Doch die Schuld im Salisbury-Fall trägt - laut Premierministerin Theresa May am Montag - »sehr wahrscheinlich« die Regierung in Moskau. Entweder direkt oder sie habe zugelassen, dass das Gift weitergegeben worden sei.

Noch bevor in der vergangenen Woche das sogenannte Cobra-Komittee unter dem Vorsitz von Innenministerin Amber Rudd alle Daten auf dem Tisch hatte, kündigte Außenminister Boris Johnson eine »angemessene und robuste Reaktion« an, falls sich der Moskau-Verdacht erhärten sollte. In Washington sprach man am Montag von einer »Gräueltat« und auch Rex Tillerson, zu diesem Zeitpunkt noch US-Außenminister, behauptete zu Wochenbeginn, dass Russland »wahrscheinlich« für den Giftanschlag verantwortlich sei. Den Verantwortlichen, »sowohl denen, die das Verbrechen begangen haben, als auch denen, die es in Auftrag gegeben haben«, müssten »angemessene, ernsthafte Konsequenzen« drohen. Pflichtgemäß zeigte sich die NATO »sehr besorgt« über den Einsatz »von Nervengift militärischer Qualität«.

Beweise für irgendeine Täterschaft gibt es nicht, May, die von Russland ultimativ eine Erklärung forderte, operiert mit Indizien. Welche sind das?

Da ist zunächst die Person Sergej Skripal. Der in Kaliningrad Geborene diente bei den sowjetischen Luftlandetruppen, kämpfte in Afghanistan, absolvierte eine Militärakademie, wurde vom Militärgeheimdienst GRU verpflichtet, war Mitarbeiter an Moskaus Botschaft in Malta und später russischer Militärattaché in Madrid. Dort haben ihn die Briten offenbar als Doppelagenten geworben. Wieder in der Heimat soll Skripal angeblich die GRU-Kaderabteilung geleitet haben.

Erst nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst fiel 2004 auf, dass er Diener zweier Herren war. Vor Gericht warf man ihm vor, 100.000 Dollar vom britischen MI6 erhalten zu haben. Dieses »Fremdgehen« wurde mit 13 Jahren Arbeitslager bestraft, doch 2010 begnadigte ihn der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew. Um ihn in Wien mit drei weiteren Gefangenen gegen zehn russische Spione auszutauschen, die das FBI in den USA verhaftet hatte. Boulevardblätter auf der ganzen Welt brachten die Geschichte - in der jedoch nicht Skripal, sondern Moskaus Super-sexy-Spionin Anna Chapman die Hauptrolle spielte.

Skripal ließ sich in Großbritannien nieder, kaufte in Salisbury unter seinem Klarnamen ein Haus und lebte dort mit seiner Frau und den beiden Kindern. Die letzten Monate verbrachte Skripal allerdings sehr einsam. Die Gattin starb 2012, Sohn Sasha kam mit Leberversagen von einem Urlaub in St. Petersburg zurück. Die Ärzte konnten nichts für ihn tun. Tochter Yulia lebte inzwischen wieder in Russland, sie war dieser Tage lediglich auf Besuch beim Vater.

Wollte wirklich jemand die ganze Familie Skripal auslöschen, wie britische Medien mutmaßen? Dann wäre das Motiv interessant. Rache? Kaum denkbar. Oder hat sich der Rentner wieder ins Geheimdienstgeschäft eingemischt? Doch warum setzten die Killer Nervengift ein? Gerade der GRU wird von Experten als höchst intelligent bewertet. Der hätte andere, unauffälligere Mordmöglichkeiten gekannt. Spuren des Nervengifts wurden im Pub »The Mill« und im Restaurant »Zizzi« entdeckt. Die Gesundheitsbehörden gehen davon aus, dass bis zu 500 Menschen kontaminiert sein könnten.

Besuchern beider Lokale wurde nur geraten, ihre persönlichen Gegenstände zu waschen. Das ist seltsam, denn als weiteres Indiz für eine Mitwirkung Russlands wird das Gift selbst angeführt. Es stamme aus der Nowitschok-Reihe, die zwischen 1970 und 1990 in der Sowjetunion getestet wurde. Brauchbar war wohl nur das Zeug mit der Seriennummer 813. Das jedoch ist zehnmal so stark wie das bekannte VX - und das wirkt bereits innerhalb von Sekunden mit tödlicher Sicherheit. Socken waschen reicht da nicht.

Der aktuelle Fall erinnert an einen anderen Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland. Hintergrund war da der Mord an dem Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Litwinenko. Der sogenannte Kremlkritiker starb 2006 in London, vergiftet durch radioaktives Polonium. Beweise für Moskaus Mörderschaft gab es auch da nicht. Nur Indizien. Großbritannien verlangt die Auslieferung der in Rekordzeit ermittelten Hauptverdächtigen: Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun, zwei Geschäftsleute mit Verbindungen zu einem russischen Geheimdienst. Die britische Justiz erließ internationale Haftbefehle. Der Kreml verweigerte eine Auslieferung und forderte seinerseits von London die Überstellung des dort im Asyl lebenden russischen Oligarchen Boris Beresowski. Ihm warf der Kreml Umsturzpläne gegen Präsident Wladimir Putin vor. Der, so entgegnete die britische Regierung, habe zumindest vom Mord an Litwinenko gewusst. In der Folge setzten beide Seiten Diplomaten vor die Tür. Russland entzog BBC World die Radiolizenz, schloss Kulturinstitute. London veranstaltete ein öffentliches Anhörungsverfahren.

Experten sehen im Verhältnis zwischen britischen und sowjetischen oder russischen Geheimdiensten seit Jahrzehnten viel, wofür es in der Psychiatrie Begriffe gibt. Die gegenseitig beigebrachten Verletzungen sind sehr speziell. Schon in den ersten nachrevolutionären Jahren mischten sich britische Spione kräftig in den Aufbau des Kommunismus ein. Die Sowjetunion revanchierte sich alsbald mit den »Cambridge Five«: Donald Maclean, Guy Burgess, Anthony Blunt und John Cairncross und Kim Philby, Männer aus den besten britischen Kreisen, spionierten im Zweiten Weltkrieg und vor allem danach in maßgebenden britischen und US-Geheimdienststellungen für Moskau.

Höchst effektiv. Gerade der Verrat des Diplomatensohns Philby traf die Briten hart. Er avancierte beim britischen Geheimdienst zum Leiter der Abteilung, die für die Bekämpfung des Kommunismus zuständig war und koordinierte die Zusammenarbeit der US-amerikanischen und britischen Dienste. Dabei informierte er über die US-Atombombenpläne, die dann - der spätere DDR-Bürger - Klaus Fuchs, den die Briten zum US-Atomwaffenprojekt delegiert hatten, im Detail verriet. Ein Topagent Moskaus war auch George Blake. Dank dessen Arbeit buddelte die CIA acht Monate ziemlich umsonst einen Abhörtunnel von West- nach Ostberlin.

London mühte sich ebenfalls erfolgreich - siehe Sergej Skripal - um Überläufer. Bekannt sind Boris Karpichkov und Oleg Gordijewski. Letzterer versorgte den Westen elf Jahre lang mit geheimsten KGB-Fakten und annoncierte schon früh den Aufstieg des späteren KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow.

Angeblich bereitet man derzeit in London schon Sanktionen gegen Russland vor. Wie gehabt will man Diplomaten ausweisen und Visa annullieren, die man Russen ausgestellt hat, die Verbindungen zum Kreml haben. Russlands Botschaft in London klingt besorgt. Die aktuelle Politik der britischen Regierung sei »ein sehr gefährliches Spiel mit der öffentlichen Meinung«. Es dränge nicht nur die Untersuchung des Falls »in eine wenig hilfreiche politische Richtung«, sondern berge auch »das Risiko ernsthafterer, langfristiger Konsequenzen für unsere Beziehungen«.

Es ist offensichtlich, das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland strebt einem neuen Kalten Krieg zu. Aus Sicht des Westens sitzt das »Böse« abermals in Moskau. Dort rüstet man auf, manipuliert US-Wahlen, hackt deutsche Regierungsnetzwerke und plant - wie passend - den Mord an Altersrentnern in Großbritannien. »Sehr wahrscheinlich« jedenfalls.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen