Werbung

Genie und Popstar

Weltberühmter Physiker, Simpsons-Fan und Kriegsgegner: Der britische Astrophysiker Stephen Hawking ist tot

  • Von Martin Koch und Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 8 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Auch wenn man mit Superlativen sparsam sein sollte: Stephen Hawking gehört zweifellos zu den bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Manche vergleichen ihn sogar mit Albert Einstein, denn wie dieser versuchte Hawking, die Geheimnisse des Universums in einem großen theoretischen Entwurf zu enthüllen: »Ich möchte das Universum ganz und gar verstehen. Ich möchte wissen, warum es so ist, wie es ist, und warum es überhaupt existiert.« Obwohl er diese im Grunde philosophischen Fragen wissenschaftlich nicht beantworten konnte, trug Hawking mit seinen Arbeiten wesentlich dazu bei, unser Verständnis von den Gesetzen der Natur zu vertiefen.

Am 8. Januar 1942, auf den Tag genau 300 Jahre nach dem Tod von Galileo Galilei, kam Hawking als Sohn eines Arztes in Oxford zur Welt. Er studierte Physik an der dortigen Universität und ging anschließend als Doktorand an die Universität Cambridge, wo er 1966 mit einer Arbeit über die Eigenschaften des expandierenden Universums promoviert wurde. Schon damals offenbarte er seine außergewöhnliche Begabung. Denn er erbrachte den Beweis, dass unter allgemeinen Voraussetzungen in Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie eine Singularität unvermeidlich ist. Als Singularität bezeichnet man in der theoretischen Physik einen Punkt, in dem der analytische Ausdruck für eine physikalische Größe unendlich wird und die bekannten physikalischen Gesetze ihre Gültigkeit verlieren. Das trifft auf die Anfangssingularität des Urknalls ebenso zu wie auf die Raumzeit-Singularität eines Schwarzen Lochs.

Schwarze Löcher waren Hawkings große Leidenschaft. Lange schien es, als würden diese sonderbaren kosmischen Objekte, denen nicht einmal Licht zu entkommen vermag, auf ewig existieren und nichts Verschlungenes je wieder freigeben. Mit Hilfe der Quantentheorie sowie thermodynamischer Überlegungen konnte Hawking 1974 jedoch zeigen, dass ein Schwarzes Loch durchaus Masse verlieren und langsam »verdampfen« kann. Die dabei ausgesandte Strahlung nennt man heute Hawking-Strahlung. Dank dieser faszinierenden Entdeckung, schrieb der amerikanische Physiker Heinz Pagels, seien die Schwarzen Löcher »vom Stand mathematischer Kuriositäten in das Zentrum der spekulativen Astronomie« gerückt.

Obwohl er in der Öffentlichkeit nicht selten als heißer Favorit auf den Nobelpreis gehandelt wurde, hat Hawking die hohe Auszeichnung nie erhalten. Die Frage nach dem Warum musste sich gelegentlich auch die Schwedische Akademie der Wissenschaften gefallen lassen. »Wir sind mit den Jahren vorsichtig geworden«, antwortete Lars Brink vom Nobel-Komitee für Physik. »Hawking hat in der Theorie einige wichtige Entdeckungen gemacht. Aber wir müssen sicher sein, dass sie stimmen.« Tatsächlich ist es bis heute nicht gelungen, die Hawking-Strahlung experimentell nachzuweisen.

Trotz der hohen medialen Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde, blieb Hawking bescheiden. Er verdanke seine Berühmtheit nicht nur seinen Leistungen, sagte er einmal, sondern auch seiner Behinderung. Immerhin sei er so etwas wie reiner Geist in einem fast funktionslos gewordenen Körper. Bereits im Alter von 21 Jahren war Hawking an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt, einer unheilbaren Nervenkrankheit, die mit fortschreitenden Muskellähmungen einhergeht. Die Krankheit verläuft schmerzlos und beeinträchtigt nicht den Intellekt, allerdings führt sie gewöhnlich nach wenigen Jahren zum Tod. Nicht so bei Hawking. Mehr als 50 Jahre lebte er mit der Krankheit und feierte – einem medizinischen Wunder gleich – im letzten Jahr seinen 75. Geburtstag. Im Rollstuhl zwar, aber voller Hoffnung, sich auch weiterhin in aktuelle wissenschaftliche und philosophische Diskussionen einmischen zu können.

Bis zu seiner Emeritierung blieb Hawking der Universität Cambridge treu. Bereits 1979 war er hier auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen worden, den einst Isaac Newton innehatte. Seine Antrittsvorlesung hielt Hawking zum Thema »Ist ein Ende der theoretischen Physik in Sicht?«. Darin gab er sich optimistisch, dass die lange gesuchte Weltformel bzw. Theorie von Allem am Ende des 20. Jahrhunderts vorliegen werde. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat. Und die sich, betrachtet man die komplexe Vielfalt der Welt, wohl auch nicht erfüllen wird.

Während er 1985 das europäische Kernforschungszentrum CERN bei Genf besuchte, erkrankte Hawking an einer schweren Lungenentzündung. Ärzte retteten sein Leben durch einen Luftröhrenschnitt. Dabei verlor der Physiker seine natürliche Sprechfähigkeit und war fortan auf einen Sprachcomputer angewiesen, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Konnte er diesen anfangs noch mit den Fingern bedienen, benutzte er dafür später subtile Augenbewegungen.

Von 1965 bis 1990 war Hawking mit der Romanistin Jane Wilde verheiratet. Die Ehe, aus der eine Tochter und zwei Söhne hervorgingen, endete im Streit. Nach der Scheidung lebte Hawking mit seiner Pflegerin Elaine Mason zusammen, die er 1995 heiratete. Nach neun Jahren wurde auch diese Ehe geschieden, wobei Mason in Verdacht stand, ihren Mann misshandelt zu haben. Im Jahr 2014 wurde Hawkings ungewöhnliches und turbulentes Leben unter dem Titel »Die Entdeckung der Unendlichkeit« verfilmt. Die Hauptrolle übernahm der junge britische Schauspieler Eddie Redmayne, der dafür zahlreiche Auszeichnungen erhielt, unter anderem den Oscar als bester Darsteller. Auch die Kritik reagierte überwiegend positiv. So beschrieb etwa das Branchenblatt »Variety« den Film als »ergreifende und bittersüße Liebesgeschichte mit geschmackvollem, gutem Humor.«

Obwohl Hawking bei seiner Arbeit gewissermaßen in höheren geistigen Sphären schwebte, schaffte er es in seinen Büchern, die komplizierten Zusammenhänge der Physik anschaulich und einprägsam darzustellen. 1988 veröffentlichte er »Eine kurze Geschichte der Zeit«. Er habe Geld für die Ausbildung seiner Tochter gebraucht und den Menschen etwas von der Faszination der Kosmologie vermitteln wollen, erklärte er dazu. Das Buch wurde in 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Für die Londoner »Times« war Hawking damit endgültig zum »Popstar der Physik« geworden, der es sich nicht nehmen ließ, auf dem Pink-Floyd-Album »The Division Bell« einen Song mittels Sprachcomputer einzuleiten.
Hawking nutzte beinahe jede Gelegenheit, um sich und seine Ansichten medienwirksam zu präsentieren. So etwa in der Zeichentrickserie »Die Simpsons«, in der er gleich mehrfach auftauchte und die er für »das Beste im amerikanischen Fernsehen« hielt. Weitere Gastauftritte hatte er in den US-Serien »Star Trek« und »The Big Bang Theory«. Außerdem nahm Hawking an einem Parabelflug der NASA teil, bei dem er ohne Rollstuhl den Zustand der Schwerelosigkeit genießen durfte. Bekannt war der Physiker überdies für seinen trockenen britischen Humor. So erzählte er gelegentlich, dass er mehr Bücher über Physik verkauft habe als Madonna über Sex. Und auf die Frage eines Journalisten, was er als Erstes täte, wenn er für einen Tag in einen gesunden Körper schlüpfen könnte, surrte sein Sprachcomputer: »Die Antwort wäre nicht jugendfrei.«

Auch für Fragen der Politik interessierte sich Hawking lebhaft. Bereits als Student nahm er an Protestaktionen gegen den Vietnam-Krieg teil. Ein anlässlich seines Todes vielfach im Internet verbreitetes Foto zeigt den jungen Hawking 1969 bei einem Protestmarsch an der Seite des britischen marxistischen Autors und Filmemachers Tariq Ali. Schon damals zeichnete ihn seine Krankheit so stark, dass er an der Demonstration nur auf Krücken teilnehmen konnte.

Später wandte er sich gegen die atomare Aufrüstung und trat für ein Verbot autonomer Waffensysteme ein. Obwohl er selbst in hohem Maße von den Möglichkeiten der modernen Technologie profitierte, sah er deren Entwicklung durchaus skeptisch. 2015 titelte die »Frankfurter Allgemeine« über ihn: Der »Kapitalismus macht Stephen Hawking Angst«. Anlass für diese Feststellung war eine Interview mit der US-Plattform Reddit. Angesprochen auf die Frage, was Hawking von der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung halte, wurde er grundsätzlich. Er habe Zweifel, ob der durch Roboter produzierte rasant wachsende Wohlstand von den Reichen tatsächlich mit allen Menschen geteilt werden würde. Klar war für Hakwing auch: Durch die Roboter-Konkurrenz würden insbesondere Ärmere aus dem Arbeitsmarkt gedrängt. Seine Lösung? Die Verteilungsfrage. »Wenn Maschinen all das herstellen, was wir brauchen, wird das Ergebnis davon abhängen, wie diese Dinge verteilt sind«. Jeder könnte »ein Leben voll luxuriösen Müßiggangs führen, wenn der von den Maschinen produzierte Wohlstand geteilt« werde.

Ob die Menschheit noch lange diesen Wohlstand genießen könnte, daran zweifelte Hawking. Die Zukunft des Homo sapiens malte der Physiker in düsteren Farben. Wenige Monate vor seinem Tod schockierte er mit der Prognose, die Erde würde sich »in 600 Jahren in einen glühenden Feuerball verwandeln«, wenn der Mensch den Planeten weiter so gnadenlos ausbeute wie bisher.

Im US-Präsidenten Donald Trump und dessen Skepsis gegenüber dem menschengemachten Klimawandel sah er eine Bedrohung. Die Warnung mochte stellenweise wie ein apokalyptisches Bild geklungen haben, doch hatte Hawking auch eine Lösung parat. Wohl oder übel müsse der Homo sapiens zu fremden Planeten aufbrechen, wenn er sein eigenes Aussterben verhindern wolle. Hilfe »von oben« sei dabei nicht zu erwarten, spöttelte der bekennende Atheist Hawking, der nie einen Gedanken an das Jenseits verschwendete. »Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren. Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer; das ist ein Märchen für Leute, die Angst im Dunkeln haben.«

In den letzten Jahren warb Hawking für die Legalisierung der Sterbehilfe bei todkranken Personen, die dies ausdrücklich wünschten. »Wir lassen Tiere nicht leiden, wieso dann Menschen?«, fragte er in einem Interview mit der BBC.

In der Nacht zum Mittwoch starb der britische Astrophysiker Stephen Hawking im Alter von 76 Jahren. Er sei in seinem Haus in Cambridge friedlich entschlafen, teilten seine Kinder Lucy, Robert und Tim gegenüber der Presse mit. »Wir werden ihn für immer vermissen. Er war ein großartiger Wissenschaftler und ein außergewöhnlicher Mann, dessen Arbeit und Vermächtnis viele Jahre weiterleben werden.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen