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  • Europa und Nordamerika dominieren die Spiele

Die Paralympics verzerren das Bild

Europa und Nordamerika dominieren die Spiele, behinderte Menschen aber kommen meist aus Entwicklungsländern

  • Von Ronny Blaschke, Pyeongchang
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor der letzten Kurve rutscht Elaheh Gholifallah aus der Spur und stürzt. Schnell rappelt sie sich auf, rückt ihre rote Mütze zurecht, sticht ihre Skistöcke wieder kraftvoll in den Schnee. Kurz darauf ist die blinde Skilangläuferin aus Iran mit ihrer Begleiterin im Ziel. Fast neuneinhalb Minuten hat sie für die 1,5 Kilometer gebraucht, mehr als doppelt so lange wie die Gewinnerin. Gholifallah belegt in der Qualifikation den letzten Platz, doch Zahlen sind für sie nicht so wichtig. Sie hat es zu den Winter-Paralympics geschafft, nach einigen Minuten ist sie wieder bei Atem - und freut sich.

570 Athleten aus 49 Ländern nehmen in Pyeongchang teil, mehr als drei Viertel stammen aus Europa und Nordamerika. Im Zentrum stehen die Seriensieger wie Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber aus Deutschland oder Skilangläufer Brian McKeever aus Kanada. Doch ihre mediale Präsenz verzerrt ein bisschen die Wirklichkeit. Von weltweit einer Milliarde Menschen mit Behinderung leben 80 Prozent in Krisen- und Entwicklungsregionen. Sport als Selbstverwirklichung ist dort für viele ein Luxusgut.

Aufstiege wie jene der 21-jährigen Elaheh Gholifallah, sollen dazu beitragen, dass die Weltspiele des Behindertensports globaler werden. Mit fünf Jahren litt sie unter einer Gehirnerkrankung, seitdem ist sie blind. Sie wurde dennoch früh aktiv, ging klettern, probierte Rollerskating, lernte über Umwege das Nationale Paralympische Komitee Irans kennen.

Anfang des Jahres wurde die Englisch-Studentin dann nach Freiburg eingeladen, wo das Internationale Paralympische Komitee (IPC) einen Workshop abhielt. Mit 50 Sportlern aus 13 Ländern spurtete sie durch den Schwarzwald, erst auf Rollerblades, dann auf Ski. Teilnehmer aus Georgien, Nordkorea und Tadschikistan nahmen an Trainerseminaren teil und sahen Filme über die paralympische Geschichte. Sie alle erhielten eine Klassifizierung für Pyeongchang, und ihre Nationen sind nun erstmals bei Winterspielen dabei.

Gholifallah führte die iranische Delegation bei der Eröffnungsfeier mit der Fahne ins Stadion. Sie sagt: »Das war mein größter Moment.« Sie wollte nicht begleitet werden, stattdessen erhielt sie die Richtungshinweise über einen Kopfhörer. Eine Medaille war danach für sie aussichtslos, aber vielleicht motiviert sie einige Landsleute zu mehr Bewegung.

Für die Verwurzelung des Behindertensports jenseits der Industrienationen ist beim IPC seit ihrer Gründung 2008 die Agitos-Stiftung zuständig. Einer ihrer 13 Mitarbeiter, der Spanier Jose Gabo, eilt in diesen Tagen von Termin zu Termin, er möchte von den Verbänden den Entwicklungsstand erfahren. Gabo hat Internationale Beziehungen studiert, war lange für die Vereinen Nationen tätig. Auch bei Agitos ist die Friedensbildung nun ein Teil seiner Arbeit, durch Parasport in Kolumbien, Sudan oder Ruanda. »Wir möchten, dass sich unsere Teilnehmer langfristig zum Sport verpflichten«, sagt Gabo. »Das Ganze soll nicht über Nacht wieder einstürzen.«

Mit Blick auf Pyeongchang hat Agitos 500 Sportler, Trainer und Betreuer geschult. Das IPC kann von den Milliardeneinahmen des Internationalen Olympischen Komitees nur träumen, dennoch kann seine Stiftung zumindest ein paar Dutzend Ausrüstungen für Schlittenhockey oder Skilanglauf bereitstellen. Die Jahreskosten dafür: 700 000 Euro, doppelt so viel wie vor zwei Jahren. Jose Gabo formuliert das Ziel, dass auch in Entwicklungsländern bald weniger Sportler von Technik abhängig sein soll. Kosten für hoch spezialisierte Geräte wie Anna Schaffelhubers Monoski in Höhe von 30 000 Euro zu übernehmen, bleibt aber weiterhin utopisch.

Es muss aber auch nicht das Beste sein, findet Christian Ribera, der mit 15 Jahren jüngste Teilnehmer der Paralympics. Ribera wurde mit einer Gelenksteife in den Beinen geboren, er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. 21 Operationen hat er über sich ergehen lassen. Er sagt, der Sport habe ihm geholfen, eine Struktur in seinen Alltag zu bringen. Erst Schwimmen, dann Leichtathletik.

Bei einem Workshop des IPC fand Ribera Gefallen am nordischen Skisport. Er trainierte in seiner kleinen Ortschaft im Amazonas auf Rollerblades. in Pyeongchang hat er nun im Langlauf der sitzenden Klasse den sechsten Rang belegt. Nie zuvor war jemand aus Brasilien bei Winterspielen besser platziert, weder bei den Paralympics, noch bei Olympia. »Irgendwann kann er eine Medaille gewinnen«, sagt Jose Gabo von der Agitos-Stiftung. Ab April wird Gabo seinen Schwerpunkt auf Tokio 2020 legen. In Afrika gibt es zehn Länder, die noch nicht an Sommerspielen teilgenommen haben. Auf der paralympischen Weltkarte ist also noch Platz.

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