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Opferrolle als Masche

Robert Meyer zur Kritik an Uwe Tellkamp und seine Reaktion darauf

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kenn Sie das auch? Friseursalons sind eigentlich nicht primär Orte, an denen einem die Haare gewaschen, geschnitten, gefärbt oder mit Spray zubetoniert werden. Nein, sie sind ein öffentlicher Marktplatz des Tratsches und des politischen Austausches. Das heißt: Sie müssen es in irgendeiner, nicht näher terminierten Vergangenheit gewesen sein, glauben wir der Schriftstellerin Monika Maron. Sie erklärte im Interview auf deutschlandfunk.de, inzwischen würden sich die Leute im Friseursalon erst vergewissern, »mit wem sie reden und ob sie offen reden wollen oder nicht«. Bei der Äußerung eines womöglich falschen Gedankens drohe zwar kein Gefängnis, wohl aber »eine kleine oder größere Ächtung«.

Maron erzählt dies, weil sie solch eine Situation an Uwe Tellkamp erinnert. Ihren Schriftstellerkollegen erwähnte sie keinesfalls, weil dieser ins Gespräch mit einem Barbier vertieft den Nahostkonflikt oder die Integrationsfrage löste, sondern weil der Dresdner Autor auf einer Podiumsdiskussion Dinge gesagt hat, die seit vergangener Woche das deutsche Feuilleton nicht mehr loslassen. Maron sieht Tellkamp an den Pranger gestellt: »Was ist denn das für ein Streitgespräch, wenn ich das damit bezahle, dass mich am nächsten Tag alle möglichen Leute anspucken?«

Sprachbildlich ist das natürlich - ganz die Literatin eben - eine blumige Übertreibung dafür, dass Tellkamp öffentlich Kritik einstecken muss, weil sein Publikum nun weiß, dass der Mann eben nicht nur buchpreiswürdig stilistisch anspruchsvoll mit Worten umgehen kann, sondern dass in ihm auch ein schnöder Besorgtbürger steckt, der locker montags bei Pegida mitmarschieren könnte. Leider geht in der Debatte inzwischen unter, was Tellkamp da letzte Woche überzeugt war, kundtun zu müssen. Unter anderem hatte er behauptet, dass mehr als 95 Prozent der nach Deutschland Geflüchteten nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen, sondern Wirtschaftsflüchtlinge seien, die in die deutschen Sozialsysteme »einwandern wollen«.

Es war Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer, der meinte, Tellkamp beispringen zu müssen und als einer der Ersten den Schriftsteller verteidigte, indem er sich eines alten rhetorischen Kniffs bediente und die Kritik und Klarstellung einer haltlosen Behauptung in eine »Verurteilung« des Autors und eine »schon wieder beginnenden Stigmatisierung« umdeutete. Das »ist der Mechanismus, das ist der Trick, wie er von Rechten etwa auch in den USA verwendet wird: Man gibt sich verfolgt, während man ja ständig selbst andere attackiert, man ist selbst aggressiv in Wort und Tat«, beschreibt Georg Diez auf spiegel.de diese manipulative Technik. »Jedes Mal, wenn der Vorwurf erhoben wird, man dürfe in diesem Land nicht sagen, was man will, wird so ausführlich darüber berichtet, dass das Echo auf ein angebliches Sprechverbot ungleich lauter ist als die eigentliche Aussage.« Mit jedem dieser Anlässe verschiebe sich der Diskurs ein wenig weiter nach rechts, so Diez.

Wem das bekannt vorkommt, der denkt nicht zufällig an die AfD, deren Geschäftsmodell darin besteht, sich am liebsten in den 20-Uhr-Nachrichten von einer Meinungsdiktatur bedroht zu fühlen.

Gerrit Bartels nennt dieses Vorgehen auf tagesspiegel.de ein »Ritual, das sich jedwede Kritik gleich vorab verbittet«. Auch Tellkamp habe sich dessen bedient, als er seine Meinung vor fast tausend Leuten kundtat, »sie wird diskutiert, im Wortlaut auf Youtube gestellt und nachgedruckt. Der Schriftsteller meint aber gleichzeitig, in Dresden auf dem Podium, er könne sie nicht sagen, er bekomme dafür im selben Moment Ohrfeigen? Als gehöre besonderer Mut dazu, hier nun frei sprechen zu können.«

Johan Schloemann schreibt auf sueddeutsche.de von einem liberalen Dilemma in der Debatte. Es gebe »einfach Grenzen zwischen Meinung und Ressentiment, zwischen konservativen politischen Positionen und Wahnsystemen«, die sich aber niemand traue, zu definieren. Dies führe dazu, dass es am Ende wieder nur um die Diskursdebatte gehe und eben nicht um die Sache an sich, was exakt aber die Strategie der Ressentimentparteien sei. Genau diese stilisieren Tellkamp nun zum Helden ihres Kampfes.

»Diejenigen, die sich zu Opfern stilisieren, haben null Interesse an Emanzipation, mehr Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger oder Engagement für die Demokratie«, schreibt der Theologe Christian Wolff auf vorwaerts.de. Womit Tellkamp aber rechnen müsse, dass er als Person des öffentlichen Lebens auch nach seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung gefragt und auch mit den Folgen seiner Überzeugungen konfrontiert werde. Genau das wird derzeit getan. »Daraus aber abzuleiten, dass die Meinungsfreiheit bedroht sei, ist nicht nur verwegen, sondern offensichtlich Teil« einer Masche. Denn damit entziehen sich die Sarrazins, Tellkamps und Co. der argumentativen Auseinandersetzung.

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