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»Niemand möchte eine Gesellschaft aus Nullen und Einsen«

Der Sozialwissenschaftler Tilman Santarius über Chancen und Gefahren der Digitalisierung

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Herr Santarius, Ihr neues Buch »Smarte grüne Welt« geht stellenweise hart mit der Digitalisierung ins Gericht. Müssen wir jetzt alle unser Smartphone entsorgen und unser Netflix-Abo kündigen?

(Lacht) Zum Glück nicht. Aber in dem derzeitigen medialen Hype um die angeblichen Wunderwirkungen der Digitalisierung sollten wir einen Moment innehalten. Und zwar jedes Mal, wenn wir selber das Smartphone aus der Tasche ziehen. Noch mehr aber, wenn es darum geht, die nächste Welle der Digitalisierung unserer Gesellschaft mitzumachen. Die Smartphonisierung wird nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein.

Was folgt denn noch?

Smart Cities, Industrie 4.0, Virtual Reality und Künstliche Intelligenz - das sind lauter mögliche Entwicklungsrichtungen, bei denen noch nicht ausgemacht ist, ob sie unser Leben unterm Strich besser machen. Und es besteht ein hohes Risiko, dass mit zunehmender Digitalisierung noch mehr Energie und Ressourcen verbraucht werden, anstatt uns einer nachhaltigen Lebensweise näherzubringen.

Aber können nicht gerade durch die Digitalisierung Energie und Ressourcen eingespart werden?

Im Einzelfall durchaus. Das Herunterladen eines Musikalbums zum Beispiel spart gegenüber dem Kauf einer CD ein bis zwei Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid, das Streaming eines Films gegenüber dem Leihen einer DVD rund ein Drittel Treibhausgasemissionen. Aber wenn wir einberechnen, was die Herstellung eines mp3-Players oder die Dateninfrastruktur fürs Streaming an Energie und Ressourcen verschlingt, sieht die Bilanz eher wie ein Nullsummenspiel aus. Und wenn wir dann noch berücksichtigen, dass mithilfe digitaler Tools insgesamt oft mehr produziert und konsumiert wird - dass wir mehr Musik hören, mehr Filme schauen - offenbart sich das Risiko der hypereffizienten und multioptionalen Digitalgesellschaft.

Das klingt nach dem Rebound-Effekt. Was besagt er?

Mithilfe von Streaming-Portalen, Online-Shopping und Internetplattformen sparen wir einen Menge Geld, Zeit und Mühe beim Konsumieren. Unser Konsum wird effizienter. Meine Forschung zum Rebound-Effekt zeigt, dass Effizienzsteigerungen oft in steigenden Konsum umgesetzt werden. Das Geld, das Menschen sparen, wenn sie sich mit Preissuchmaschinen das günstigste Angebot aus dem Netz fischen, stecken sie oft in weiteren Konsum. Die Zeit, die wir sparen, weil wir eine Nachricht per WhatsApp oder Twitter in Sekunden rausjagen können, führt bei vielen von uns dazu, dass wir tagtäglich umso mehr Nachrichten empfangen und senden. Effizienzsteigerungen beim Konsum führen eben selten zu weniger, sondern meist zu mehr Nachfrage. Natürliche Ressourcen und Energie werden daher nicht gespart.

Sie haben an anderer Stelle argumentiert, dass der Rebound-Effekt letztlich ein spezifisches Gesicht des Gewinnstrebens ist. Das müssen Sie erläutern.

Stellen wir uns ein gesellschaftliches Umfeld vor, in dem es nicht darum geht, immer mehr wirtschaftliche Leistung oder immer spektakulärere persönliche Erlebnisse aus unserem Leben herauszuholen. Dann würde die Mühe und die Zeit, die wir beim Konsum mithilfe smarter Technologien sparen, vielleicht tatsächlich dazu führen, dass wir unser Leben entschleunigen und dematerialisieren - also dass wir mehr Zeitwohlstand und weniger materiellen Wohlstand genießen. Aber das Credo des Schneller, Weiter, Mehr steckt tief in uns drinnen.

Und am Arbeitsplatz wird genau das gefordert.

Ja, vielen von uns verlangt auch der Job laufend Produktivitätssteigerungen ab. In so einer Situation wirken digitale Technologien als Trendverstärker und treiben das Wirtschaftswachstum an. In einer Leistungsgesellschaft nutzt jeder Einzelne digitale Technologien, um seinen persönlichen Gewinn an Einkommen, Status und Erlebnissen zu steigern.

Also Schluss mit Leistungsgesellschaft und Gewinnstreben? Und als ersten Schritt dahin »Zerschlagt die digitalen Monopole«, wie es jüngst Paul Mason, der Theoretiker des Postkapitalismus, forderte?

Eine zentrale Forderung in unserem Buch ist, dass wir das Internet als öffentliches Gut, als Commons wiederherstellen müssen. Das Internet ist ein Superbeispiel für eine moderne Allmende: Es besteht überhaupt nur deswegen, weil wir NutzerInnen es tagtäglich hervorbringen. Aber mittlerweile wird es von riesigen profitorientierten Konzernen dominiert. Alleine Alphabet, der Konzern hinter Google, und Facebook teilen sich rund die Hälfte der 270 Milliarden US-Dollar jährlicher Einnahmen aus Online-Werbung. Der Grund: Sie haben die Macht über die Informationen, die sie an ihre Kunden verkaufen können. Die Kunden von Google, WhatsApp sind nicht wir, die NutzerInnen, sondern sind die Marketingfirmen, die uns dann personalisierte Werbung anbieten. Das pervertiert die Idee des Internets als Allmende. Und deswegen müssen wir monopolrechtlich und auch mithilfe strengerer Datenschutzvorgaben die Internet-Konzerne regulieren.

Sie und Ihr Co-Autor diskutieren auch die Möglichkeiten einer dezentralen Wirtschaftsdemokratie. Was sind deren wichtigste Elemente?

Die Digitalisierung offenbart großartige Chancen für eine Demokratisierung und Regionalisierung der Wirtschaft: Über Tauschbörsen können KonsumentInnen zu sogenannten Prosumern werden; mithilfe guter Sharing-Plattformen, die nicht nach den kapitalistischen Modellen à la AirBnB oder Uber funktionieren, können wir teilen statt besitzen; eine Digitalisierung der Energieversorgung erlaubt dezentrale, kleinteilige Stromverbünde, bei der Menschen mit Photovoltaikanlagen oder kleinen Windrädern zu den hauptsächlichen Produzenten werden. Eine »transformative Digitalpolitik«, wie wir das nennen, wird nicht nur regulieren, sondern genau solche Chancen fördern.

Haben Sie ein Beispiel?

Beispielsweise durch Unterstützung von Plattformkooperativen, bei denen die AnbieterInnen und NutzerInnen die Eigentümer der Internet-Plattformen sind und entscheiden, was mit den Gewinnen geschieht. Etliche kooperative Taxi-Apps, Fairmondo, Taskrabbit, MyHammer und andere machen es vor. Wenn das Mainstream wird, sehen die Plattformkapitalisten von heute alt aus.

Welche Chancen sehen Sie, dass der privatwirtschaftliche Kapitalismus durch eine, wie sie schreiben, »gemeinwirtschaftliche und demokratische Ökonomie« transformiert wird?

Von alleine wird das natürlich nicht kommen. Auch die virtuelle Wirtschaft braucht Druck aus Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit und dann auch entsprechende Regeln von der Politik, um transformiert zu werden. Momentan passiert ja das Gegenteil: Sechs der weltweit größten Konzerne sind digitale Player, neben dem »alten« Monopolisten Microsoft sind das Apple, Alphabet, Facebook, Amazon und der chinesische Konzern Tencent. Es wäre naiv zu glauben, dass die einfach die Hände in den Schoß legen. Nun heißt es, schnell zu sein und die Politik zum Handeln zu bewegen, bevor diese Konzerne in den Hauptstädten dieser Welt ihre Lobbymächte noch stärker ausgebaut haben.

Zurzeit kursieren Schreckensstudien, wonach die Digitalisierung binnen 20 Jahren bis zu jeden zweiten Job vernichtet. Was ist da dran?

Einige Szenarien mögen etwas übertreiben und zu wenig berücksichtigen, dass mit der Digitalisierung auch neue Jobs in Bereichen entstehen werden, die wir heute noch gar nicht kennen. Aber auch unsere Analyse zeigt: Die Digitalisierung wird in historisch kurzer Zeit und viel radikaler als in früheren Epochen der Industrialisierung Arbeitsplätze wegrationalisieren.

Und die soziale Ungleichheit sicher verstärken?

Genau. Denn damit wird sich das Einkommen noch stärker zwischen Arm und Reich polarisieren. Der soziale Frieden unserer Gesellschaft wird bedroht. Wir fordern daher, dass Automatisierungsgewinne besteuert werden müssen, und im gleichen Zug sollte die Care-Ökonomie mithilfe öffentlicher Unterstützung ausgebaut werden.

Sie plädieren für eine sanfte Digitalisierung als Element des notwendigen Wandels hin zu einer gerechteren und nachhaltigeren Gesellschaft. Wie muss man sich das vorstellen?

Nach wie vor glauben viele an wundersame digitale Disruptionen, die mit einem Handstreich alles moderner und besser machen. Doch wir meinen, dass die emanzipatorischen Chancen der Digitalisierung viel besser genutzt werden können, wenn wir den Wandel bedachtsam gestalten.

Wie kann das gelingen?

Zuerst brauchen wir eine öffentliche Debatte darüber, welche Digitalisierung unsere Gesellschaft überhaupt möchte! Und dann müssen NutzerInnen, Zivilgesellschaft, Politik mitgestalten, anstatt die Transformation den Technologie-Begeisterten aus dem Silicon Valley zu überlassen, die vielleicht große Vorteile für sich daraus schlagen, aber weder um den Schutz des Planeten noch um jene Menschen bemüht sind, die dabei den Anschluss verlieren. Niemand möchte eine Gesellschaft aus Nullen und Einsen. Stattdessen sollten wir für eine Digitalisierung nach menschlichem und ökologischem Maß kämpfen!

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