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Predigt und Polemik

Vor 250 Jahren starb Laurence Sterne, der antimoderne Begründer der modernen Literatur.

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 7 Min.

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Vor den Romanen erschienen ihre Parodien. Denn dieses eine hat der Roman, das bürgerliche Genre schlechthin, allen anderen literarischen Genres voraus: Bevor er sich ernst gab, machte er sich über sich selbst lustig. Bevor die großen, heute noch gelesenen Romane von Tolstoi bis Thomas Mann entstehen konnten, lachte bereits alle Welt mit »Tristram Shandy« über diese Kunst. Laurence Sternes Roman führt wie kaum ein zweiter seine eigene Form ad absurdum. Erschienen ist er in mehreren Lieferungen ab 1759.

Gewöhnlich erzählt ein Roman die Geschichte eines einzelnen Helden. Dieser Held steht nicht wie Odysseus oder Ödipus für viele, für Prinzipien und Mächte, sondern erst einmal nur für sich selbst. Er wähnt sich, mit mal mehr, mal weniger Erfolg, der freie Unternehmer seines Lebens. Er erscheint wie aus der Gesellschaft, die nurmehr als Hintergrund dient, abgezogen. So verhält es sich auch mit dem »Tristram Shandy«, der streng genommen ein »Entwicklungsroman« ist, weil er das Heranwachsen Tristrams schildert oder jedenfalls schildern will. Doch da hakt es auch schon. Gezeugt wird Tristram zwar auf den ersten Seiten des ersten Bandes, aber erst im dritten kommt er auf die Welt.

Wenn eine andere, kaum bekannte Parodie auf den Roman, »Sekunde durch Hirn« (1920) von Melchior Vischer, ein beschädigtes Leben, ja eine ganze Welt in eine einzige, die letzte Sekunde des Helden zusammendrängt, dehnt Sterne den Lebenslauf Tristrams bis zum Äußersten aus. Um dessen Geburt und seine weiteren Abenteuer - etwa die unfreiwillige Beschneidung des Fünfjährigen, als er aus einem geöffneten Schiebefenster pinkeln will, das unversehens herunterkracht - so weit wie möglich hinauszuschieben, sind Sterne alle Mittel recht: Er schweift in die Geschichte seiner Nebenfiguren ab, er wendet sich direkt an die Leser, er schaltet leere, geschwärzte, marmorierte Seiten, außerdem Grafiken ein und weicht immer wieder vom Weg ab, ohne ihn jemals ganz zu verlassen. Am liebsten veräppelt er die hochgelahrten Diskussionen von Forschern und Theologen.

Dass Shandys Mutter seinen Vater mitten im Zeugungsakt mit der Nachfrage verstört, ob er auch die Standuhr aufgezogen habe, soll die Lebensgeister zerstreut und infolgedessen den »Homunkulus« des Kindes beeinträchtigt haben. Die abstruse Idee vom Homunkulus, also davon, dass im Spermium bereits der fertige Mensch als Miniatur sitze, hat sich keineswegs Sterne bei Portwein und Pfeife ausgedacht, sondern geht auf den Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723) zurück und war bis Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitet.

Außer mit solchem köstlichen Unsinn aus dem Reiche der Gelehrsamkeit vergnügt Sterne seine Leser mit den »Steckenpferden« der Protagonisten, insbesondere von Onkel Toby. Toby, der bei der Belagerung von Namur am Schambein verletzt wurde, stellt seine nicht geschlagenen Schlachten an Modellen nach. Er reitet also ein Steckenpferd, was im Deutschen harmloser klingt, als es im Englischen gemeint ist. Der Roman quillt von Zoten fast über, was seinen Bewunderer James Joyce und dessen Bewunderer Arno Schmidt sichtlich beeinflusst hat.

»Tristram Shandy« ist ein spöttisches, oft giftiges Werk, das den 19-jährigen Karl Marx so begeisterte, dass er in seinem Stil das Romanfragment »Scorpion und Felix« (MEGA, Band I, 1) schrieb. Das Spiel, das »Tristram« mit den Wörtern und Formen, sogar mit der Typografie treibt, nimmt sowohl die komische als auch die experimentelle Literatur des 20. Jahrhunderts vorweg. So ließe sich sagen, dass der »Tristram Shandy« der erste wirklich moderne Roman sei. Geschrieben hat ihn aber ein alles andere als moderner, eher verstockt konservativer Mann, der obendrein ein Opportunist war.

Sternes Eltern stammten beide aus dem militärischen Milieu. Der Vater war Fähnrich, die Mutter Tochter eines Marketenders. Ein bescheidenes Leben in Baracken, das Umherziehen von einer Kaserne zur andern, der Tod der Geschwister noch im Säuglingsalter - so verlief die Kindheit Sternes, die damit endete, dass der Vater starb, als der Junge noch nicht 18 war, und die Familie mittellos zurückließ. Nur der Großzügigkeit von Verwandten hatte Sterne es zu verdanken, dass er studieren konnte. Die mehr oder weniger einzige Karriere, die einem wie ihm danach offenstand, war die des Priesters, und sie schlug er auch ein.

Gut zwanzig Jahre lang war Sterne ein anglikanischer Dorfvikar, der in seinen Predigten streng dem herrschenden »Latitudinarismus« folgte, das heißt der Absage sowohl an die Schwarmgeister als auch an die Papisten. In seiner Predigt »Über die Schwärmerei« heißt es etwa, die christliche Religion bestehe aus nüchternen und gefestigten Grundsätzen. Zu warnen sei vor Fanatikern, die sich brüsteten, mit Gott auf Du und Du zu stehen und dabei gegen die »Grammatik ihrer eigenen Muttersprache und die Gebote des gesunden Menschenverstands« verstießen.

Das war keineswegs ironisch gemeint, sondern die feste Überzeugung Sternes, der der Lehre vom »gesunden Menschenverstand«, also vom goldenen Mittelweg, der nötigen Mäßigung der Emotionen und der Verächtlichkeit alles bloß Intellektuellen, bis ans Ende seines Lebens anhing. Zwar kann der »gesunde Menschenverstand« manches erklären, etwa Sternes Seitenhiebe gegen die Gelehrsamkeit, auch den moderaten Ton seines Spätwerks, der »Empfindsamen Reise« (1768), aber ganz bestimmt nicht die Kapriolen von »Tristram Shandy«. Der Ursprung von dessen Stil liegt nicht in den Predigten oder jedenfalls nicht in ihnen allein, sondern vor allem in den Polemiken.

Sterne stand nämlich vorübergehend in Diensten seines Onkels Jaques, der den »York Gazetteer« herausgab, ein Propagandaorgan der liberalen Whigs. Der Onkel ließ den Neffen gern als Bluthund von der Leine. In Sternes Polemiken zeichnet sich die spätere Zotigkeit bereits deutlich ab, so schreibt er über einen Gegner, er sichere »seinen Rückzug mit den Dünsten seines eigenen Drecks und Kots«.

Es darf bezweifelt werden, dass der eifrige Polemiker ein Anhänger der Whigs war. Denn kaum hatten sie 1742 mit Robert Walpoles Rücktritt als Premierminister eine schwere Schlappe erlitten, bot Sterne auch schon den Tories seine Dienste an, was ihm der Onkel zeit seines Lebens nicht verziehen hat. Entscheidend ist, dass die Polemiken Sterne die Möglichkeit gaben, Zucht und Ordnung zeitweise außer Kraft zu setzen. Wie die Polemiken den Roman vorbereitet haben, zeigt keine von ihnen so deutlich wie die »Political Romance«, die im selben Jahr wie der »Shandy« herauskam. Michael Walter, der Übersetzer der gerade erschienenen Werkausgabe, verdeutscht sie gemütlich-historistisch als »Politisches Märlein« (Celan-Preisträger Friedhelm Rathjen rühmt Walters Übersetzung vorsichtshalber als »absoluten Meilenstein«, da von einem relativen noch nicht zu hören war).

Diesmal hatte nicht Onkel Jaques, sondern Sterne sich selbst den Auftrag gegeben. Gegner war ein Freund des Onkels, ein gewisser Francis Topham, der im Geistlichen Rat Richter war und diese Pfründe an seinen Sohn zu vererben gedachte. Die dreiste Selbstbereicherung missfiel sowohl dem zuständigen Dekan als auch dem Erzbischof, und diesen beiden wiederum wollte Sterne gefallen, indem er das »Politische Märlein« veröffentlichte, das Wolfgang Hörner in der Werkausgabe ein »mutwillig groteskes Stück« nennt. In diesem Stück heißt Topham, wie kurz später der Untergebene von Onkel Toby, »Trim«, weil er eben »vertrimmt«, gestutzt oder beschnitten wird.

Doch so viel servile Mutwilligkeit gefiel der temperierten Kirche nicht. Nach einer Aussprache mit allen Beteiligten befahl Erzbischof Gilbert, sämtliche noch greifbaren Exemplare zu verbrennen. Tief enttäuscht gestand Sterne einer Bekannten: »Ich bin es wahrlich leid, meinen Kopf zum Nutzen anderer Leute arbeiten zu lassen.« Das war geflunkert, denn er hatte sich ja selbst Vorteile von seiner Polemik gegen Topham versprochen, aber die Umwege zum Erfolg verließ er augenblicklich und steuerte ihn nunmehr direkt an. Er schreibe, erklärte er, nicht »des Brots, sondern der Berühmtheit« wegen. Und berühmt wurde er noch im selben Jahr mit »Tristram Shandy«. Er war 46 Jahre alt.

Zwar half er seinem Erfolg ein wenig nach, indem er ein Loblied auf sich selbst dem von ihm sehr verehrten Schauspieler David Garrick zuspielte. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen, das Buch verbreitete sich auch so binnen kurzem in ganz Europa. Auf seiner Reise durch Frankreich ließ sich der vorher völlig unbekannte Autor von der französischen Intelligenz, darunter Denis Diderot, auf Händen tragen. »Tristram Shandy« ist die komische Kollision von Sternes Predigten mit seinen Polemiken, von Vernunft mit Übermut, von Biederkeit mit Trieb, von Mäßigung mit Exzess. Dr. Johnson, der witzigste Gelehrte Englands, irrte, als er annahm, etwas so Seltsames werde sich nicht halten. Aber Laurence Sterne selbst konnte den ersehnten Ruhm nicht lange auskosten, er starb acht Jahre nach Drucklegung, am 18. März 1768, mit 54 Jahren an Tuberkulose.

Laurence Sterne: Werkausgabe, drei Bände mit Beiheft, Galiani, 1952 S., 98 €.

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