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Bis zu 50 Millionen Facebook-Profile missbraucht

Ein Datenanalyst ist am Wochenende zum Kronzeugen gegen die Firma geworden, die angeblich der Trump-Kampagne half Wähler, zu manipulieren

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 10 Min.

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Nach neuen Enthüllungen über den Missbrauch von Facebook-Nutzerdaten geraten die Big Data Firma Cambridge Analytica und Facebook unter politischen Druck. In zwei US-Bundesstaaten leiteten Staatsanwälte Untersuchungen ein, Politiker in den USA und Großbritannien und die EU-Kommission fordern eine schärfere Regulierung digitaler politischer Wahlkampfhilfe. Auf die Daten von bis zu 50 Millionen Facebook Profilen habe Cambridge Analytica Zugriff gehabt und die Informationen entgegen anderslautender Beteuerungen nicht gelöscht. Mit diesem Vorwurf gingen am Wochenende die »New York Times« und der »Guardian« an die Öffentlichkeit.

Die Firma, die auf ihrer Webseite damit wirbt, »Verhaltensänderungen« bewirken zu können, ist eine Tochter der britisch-amerikanischen Strategic Communication Laboratories Group (SCL) – einer Firma, die weltweit in den letzten 25 Jahren unter anderem für militärische Auftraggeber tätig war in einem Feld, das im Geheimdienstjargon »information warfare« genannt wird, die gezielte Beeinflussung der Bevölkerung. Schon vorher war bekannt gewesen, dass die Datenanalyse-Firma die Trump-Kampagne 2016 mittels psychologischer Wählerprofile und darauf zugeschnittener Anzeigen unterstützt hatte, unklar war wie genau.

Ein Milliardär, ein rechter Stratege und der Computerspezialist

Kronzeuge für die Vorwürfe ist der Whistleblower Christopher Wylie. Der ehemalige Cambridge-Analytica Mitarbeiter, der 2008 für die Obama-Kampagne und später für Justin Trudeaus Liberaldemokraten in Kanada gearbeitet hatte, war offenbar fasziniert von den Möglichkeiten, die ihm sein neuer Arbeitgeber Cabridge Analytica im Jahr 2013 bot.

Er traf auf den US-Milliardär Robert Mercer, der ihm – einem erst 24-jährigen Computerspezialisten – aufmerksam zuhörte und schließlich 15 Millionen US-Dollar in Cambridge Analytica investierte. Wenig später machte Wylie die Bekanntschaft von Breitbart-News-Chef Steve Bannon. Der wurde als Berater von Mercer zum Vize-Präsident von Cambridge Analytica und spielte eine zentrale Rolle in Trumps Wahlkampf. Als neurechter Kulturkrieger war er fasziniert von den Möglichkeiten der psychologischen Manipulation, die Wylie versprach.

Cambridge Analytica sagte dem jungen Datenjongleur volle Freiheit zur Verwirklichung seiner Ideen zu. Wylie wollte Wähler nicht nur nach »standarddemografischen« Merkmalen wie Geschlecht und Alter auswählen und erreichen. Microtargeting heißt diese Methode des datengetriebenen, gezielten Wahlkampfes, der mittlerweile in verschiedenen Formen auf der ganzen Welt eingesetzt wird. Stattdessen sollten Wähler noch geschickter gemäß ihrer psychologischen Eigenschaften angesprochen werden.

Doch Wylie hatte ein Problem: Er hatte nicht genug Daten, um die Persönlichkeitsprofile zu erstellen, die er seinen Kunden versprach. Um das zu ändern, sprach er die Forscher vom »Psychometrics Center« der University of Cambridge an, deren Forschungspapier zu Psychometrie er zuvor verschlungen hatte. Sie lehnten ab.

Ein Persönlichkeitstest

Doch ein anderes Mitglied des Instituts willigte ein, der russisch-amerikanische Professor Aleksandr Kogan. Für die Zahlung von einer Million Dollar an seine Firma »Global Science Reserarch« duplizierte er den Test, den seine Kollegen entwickelt hatten, um Daten zu fünf grundlegenden Charaktereigenschaften zu erheben, die diese Schule bereits seit den 80er Jahren erforschte und deren verschiedene Kombinationen Cambridge Analytica später zu 32 Persönlichkeitstypen weiterentwickelte. 270.000 User nutzen schließlich die von Kogan entwickelte Facebook-App »this is your digital life«, die ihren Nutzern einen Persönlichkeitstest bot, gleichzeitig aber im Hintergrund über eine Programmierschnittstelle die Ergebnisse der Tests sammelte. Im Kleingedruckten gaben die Nutzer vor dem Test ihre Einwilligung zur Verwendung der so gesammelten Daten zu »wissenschaftlichen Zwecken« des Forschers Kogan.

Angaben von 50 Millionen Profilen gesammelt

Weil die Facebook-Programmierschnittstelle in diesen Jahren auch den Zugriff auf die Nutzerprofile und die »Likes« der Freunde derer, die den Persönlichkeitstest machten, anbot, sammelte Kogan im Frühjahr 2014 aber weit mehr Daten. Im Durchschnitt gab jeder Nutzer auch die Daten von 160 Freunden preis – sie konnten nicht in die Weitergabe ihrer Informationen einwilligen. Am Ende war der Datensatz auf bis zu 50 Millionen Profile angewachsen – rund ein Viertel aller US-Wähler.

Bei 30 Millionen davon waren die Angaben etwa über den Wohnort offenbar so genau, dass sie mit weiteren zugekauften Daten wie Wählerlisten zu statistischen Modellen kombiniert werden konnten, um genaue psychologische Profile von Facebook-Nutzern vorherzusagen. Mit dem »Trainings«-Datensatz von Kogan wurde so offenbar ein Algorithmus entwickelt, um die Persönlichkeit anderer Facebook-Nutzer vorherzusagen. Im Wahlkampf sollte so Wählern auf ihren so prognostizierten Persönlichkeitstypus zugeschnittene Facebook-Werbung ausgespielt werden, um sie zur Wahl von Donald Trump zu bewegen, oder diese – im Fall der Clinton-Anhänger – mit abschreckenden Informationen zur Wahlenthaltung zu bringen. Ängstliche republikanische Wähler etwa sahen Anzeigen mit emotionalen Bildern von Pistolen vermeintlicher Einbrecher, schwarze Clinton-Wähler Ausschnitte aus einem Interview aus den 90er Jahren, in dem Hillary Clinton vermeintlich schwarze Jugendliche als »Raubtiere« bezeichnet hatte.

»Wir haben ihre inneren Dämonen angesprochen«, erzählt Wylie. Doch die Firma ging vielleicht noch weiter: Man könnte auch mit Ex-Geheimdienstlern belastendes Material über Politiker für anschließende zielgerichtete Online-Beeinflussung recherchieren, erzählten Cambridge-Analytica-Mitarbeiter Undercover-Reportern der britischen »Channel 4 News«. Wie effektiv die Arbeit der Firma tatsächlich war und ob Cambridge Analytica seine Fähigkeiten vor Investoren nicht übertrieb, wie andere Marktforscher und republikanische Strategen schon letztes Jahr anmerkten, ist unklar.

Klar ist hingegen, dass die Trump-Kampagne Cambridge Analytica 6,2 Millionen Dollar für ihre Dienste vor der Wahl gezahlt hat. Damit habe die Firma nur eine kleine Rolle in der Kampagne des aktuellen US-Präsidenten gespielt, heißt es aus Trumps Team. Klar ist auch: Ende 2015 erfuhr Facebook, dass die angeblich nur für wissenschaftliche Zwecke erhobenen Daten verkauft worden waren, ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen. Man beließ es bei einer freundlichen Lösch-Aufforderung – Monate später. Ein entsprechendes Schreiben der Facebook-Anwälte erreichte Wylie im August 2016 – zu Hochzeiten des Präsidentschaftswahlkampfes in den USA.

Wurden die Daten tatsächlich gelöscht?

Als der Brief wochenlang nicht beantwortet wurde, weil Wylie verreist war, wurde nicht nachgehakt. Eine Überprüfung der Datenlöschung fand nicht statt, der junge Cambridge Analytica-Mitarbeiter musste nur in einem Onlineformular versichern, dass er die Daten gelöscht habe.

Darauf beruft sich Facebook nun. Man habe die glaubhafte Versicherung von Cambridge Analytica bekommen, die Daten seien gelöscht worden. Cambridge Analytica selbst wiederum spricht in einer Erklärung davon, dass man in den Verträgen mit Kogan selbstverständlich die Einhaltung der Nutzungsbedingungen vereinbart habe. So habe man »nicht wissentlich« gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen.

Als klar geworden sei, dass Kogan mit der Datensammlung gegen die Nutzungsbedingungen von Facebook verstoßen habe, habe man die Daten gelöscht, wiederholt die Firma in der aktuellen Erklärung die bisherige Position, die ihr Großbritannien-Chef Alexander Nix schon 2016 in einem Interview mit dem Technologiemagazin »Wired« vertreten hatte.

Erst letzten Monat erklärte Cambridge Analytica-Chef Alexander Nix gegenüber einem parlamentarischen Untersuchungskommitee in Großbritannien, die Bemühungen von Global Science Reserarch seien »fruchtlos« geblieben und man habe die Daten nicht im US-Wahlkampf verwendet.

Doch nach Informationen des Guardian, die sich auf ein halbes Dutzend ehemaliger Cambridge Analytica-Mitarbeiter und Subunternehmer sowie Dokumente und E-Mails beruft, besaß die Firma den Datensatz letztes Jahr noch immer. Als »Kogan-Import« soll sie nur einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern zugänglich sein, die den Data Science- und IT-Bereich der Firma verwalten.

Nach zweijähriger relativer Untätigkeit im Fall Cambridge Analytica versuchte Facebook am Freitag offenbar noch die Veröffentlichung der neuen Anschuldigungen zu verhindern. Laut John Mulholland vom »Observer« drohte Facebook, die Zeitung zu verklagen.

Facebook sperrt Cambridge Analytica aus

Nur Stunden vor der Veröffentlichung erklärte das soziale Netzwerk in einer Mitteilung plötzlich, man habe Cambridge Analytica bis auf Weiteres »suspendiert« - damit kann die Firma keine Anzeigen mehr für Kunden auf Facebook schalten. Kogan habe Facebook »belogen« und Daten an Cambridge Analytica und SCL weitergegeben, erklärte Facebook. Man werde die Vorwürfe »aggressiv verfolgen«, sie seien eine »inakzeptable Vertrauensverletzung«, schrieb Facebook Vize-Präsident Paul Grewal Freitagnacht in einem Blog des Unternehmens. Am Montag wurde außerdem bekannt, dass Facebook seinen Sicherheitschef Alex Stamos versetzt hat.

Facebook biete Firmenkunden wie Cambridge Analytica Daten in einem »noch nie da gewesenen Umfang«, habe aber keine Kontrollmechanismen, wie diese verwendet würden, kritisierte das »Wired« die Rolle von Facebook im Fall Cambridge Analytica. NSA-Whistleblower und Überwachungskritiker Edward Snowden schrieb am Wochenende auf Twitter: »Das Geschäft von Facebook ist die Ausbeutung und der Verkauf von intimen Details aus dem Leben von Millionen Menschen weit über das hinaus, was sie freiwillig von sich preisgeben oder öffentlich posten. Sie sind keine Opfer, sie sind Komplizen.«

Datenhändler Facebook

Anlass für diesen Verdacht gibt auch die Personalpolitik des sozialen Netzwerks. Einer der Ko-Direktoren und damaliger Mitgründer von Global Science Reserarch (GSR) ist derzeit Facebook-Angestellter: Joseph Chancellor. Zwei Monate nachdem er im November 2015 GSR verließ, heuerte er als Quantitativer Sozialpsychologe bei Facebook an, wo er bis heute arbeitet – auch wenn unklar ist, wie viel er von der Arbeit seines Kollegen Kogan wusste. So geraten derzeit Cambridge Analytica und Facebook zusammen in den Fokus von Aufsichtsbehörden und Politikern. »Die Bürger von Massachusetts verdienen Antworten von Cambridge Analytica und Facebook«, schrieb die Staatsanwältin des US-Bundesstaates am Wochenende, als sie – genau wie ihre Kollegen in Pennsylvania – eine Untersuchung der Vorfälle ankündigte.

Der ehemalige Verbraucherschützer der Federal Trade Commission, David Vladeck, sagte der »Washington Post«, Facebook könne im Fall Cambridge Analytica zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verdonnert werden. Vladeck war 2011 an einem Vergleich beteiligt, in dem sich Facebook verpflichtete, bessere Datenschutzstandards einzuhalten, etwa die ausdrückliche Zustimmung zur Datenweitergabe. Verstöße dagegen können mit bis zu 40.000 US-Dollar Strafe geahndet werden – pro Einzelfall. Wohl auch wegen der Bestimmungen des US-Verbraucherschutzrechts betonte Facebook in einem Update seines Blogposts am Wochenende, der Fall sein »kein Datenklau« - es seien schließlich keine Accounts gehackt worden. Diese Einordnung ist wichtig, weil nach einem Datenklau Unternehmen die Betroffenen informieren müssen, was in diesem Fall nicht geschah. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe brach die Facebook-Aktie am Montag um sieben Prozent ein, erholte sich danach aber leicht.

Online-Wahlkampf als »Wilder Westen«

Der Fall Cambridge Analytica zeige, dass der Markt für politische Online-Anzeigen wie der »wilde Westen« sei und mit seiner Intransparenz Täuschung und Betrug ermögliche, empörte sich US-Senator Mark Warner. Der Demokrat will in Zukunft mit dem »Honest Ads Act« Online-Anzeigen genauso regulieren, wie Fernseh- und Radioanzeigen. Für die gelten gewisse Veröffentlichungsfristen oder Hinweise auf ihre Urheberschaft. Auch andere Politiker äußerten ihr Unverständnis.

»Sie sagen «Vertraut uns», aber ich denke, nun muss Mark Zuckerberg über den Missbrauch von 50 Millionen Facebook Profilen vor dem Senat aussagen«, erklärte US-Senatorin Amy Klobuchar. In Großbritannien beschwerte sich der Abgeordnete Damian Collins, der ein Parlamentskomitee zum Fall leitet. Er werde nun persönlich an Facebook schreiben, um zu erfahren, was die Firma wirklich wüsste. »Es kann nicht sein, dass sie Leute schicken, die auf schwierige Fragen hin behaupten, diese könnten sie nicht beantworten, weil sie davon nichts wüssten«, so Collins. In Großbritannien wollen die Datenschutzbeauftragte und Parlamentarier den Fall untersuchen und digitale Wahlkampfhilfe transparenter machen. Schon nächste Woche soll ein – ähnlich zum Honest Ads Act in den USA – Zusatz zum Datenschutzgesetz Großbritanniens im Parlament debattiert werden. Auch die EU-Kommission will sich dem Fall annehmen und stehe in Kontakt mit Facebook, um die Daten europäischer Nutzer zu schützen, hieß es am Montag.

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