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FKK kann mich nicht schockieren

Sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung kannte Negin Behkam schon aus Iran. Fremd war ihr dagegen die deutsche Art zu schenken

  • Von Negin Behkam
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Das war für dich bestimmt ein Kulturschock, oder?« Diese Frage habe ich mehrfach gehört, seit ich in Deutschland lebe. Die Menschen erwarteten, dass ich nicht damit zurecht gekommen bin, als ich zum ersten Mal sah, wie zwei Menschen sich küssten, oder als ich zwei Homosexuellen begegnete, die kuschelten. Oder sie denken, dass ich schockiert war, als ich zufällig bei einem FKK-Strand mit nackten Menschen landete. Sie dachten, dass ich eingeschüchtert davongelaufen bin. Aber nein, keine dieser Situationen war ein Kulturschock für mich.

Sie haben bestimmt gehört, dass Iraner*innen für das Austauschen von Geschenken bekannt sind. Auch diplomatische Beziehungen bleiben davon nicht unberührt. So bringt eine iranische Reisegruppe selbst einer Regierung, mit der keine engen diplomatischen Beziehungen bestehen, exquisite Teppiche oder archäologisch wertvolle Gegenstände mit. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Geschenke einen speziellen Stellenwert im Einkaufskorb jeder iranischen Familie haben. Auch wenn sie nicht genug Geld für ihre eigenen Angelegenheiten haben, verschenken sie wertvolle Gegenstände. Lange Zeit war ich von diesem übertriebenen Schenken und Beschenktwerden genervt.

Stellen Sie sich nun vor, ich komme mit diesem kulturellen Hintergrund nach Deutschland, wo die Leute in die andere Richtung übertreiben. Sie gucken auf jeden Cent. Einen Kulturschock habe ich also nicht an den FKK-Stränden erlebt. Ich habe selbst jahrelang für eine selbstbestimmte Wahl der Kleidung gekämpft und mit Millionen anderer Frauen unter Repressionen gelitten. In meinen Augen ist die Liebe von Homosexuellen genauso schön wie die Liebe von heterosexuellen, trans- oder intersexuellen Menschen, und ich fühle mit Menschen in der ganzen Welt mit, die keine sexuelle Freiheit genießen können.

Ein Kulturschock war für mich also der Moment, als ich im Supermarkt stand und der deutsche Mann, mit dem ich seit ein paar Monaten zusammen war, eine Tafel Schokolade im Wert von einem Euro holte, mir einen stolzen Blick zuwarf und meinte: »Ich spendiere dir eine Tafel Schokolade.«

Das hat mich derart durcheinander gebracht, dass ich mich bemühen musste, nicht zu weinen. »Nein, danke!«, habe ich gesagt. Ich habe ihm die Einkäufe aus der Hand gerissen und an der Kasse bezahlt. Ich hörte zum ersten Mal, dass das Verb »spendieren« in diesem Zusammenhang benutzt wird. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass man es statt »schenken« benutzt.

Doch nun bin ich auf Thomas de Maizières Art »integriert« und nicht mehr schockiert, wenn ich auf der Straße einen Vater sehe, der zu seinem Kind sagt: »Ich spendiere dir ein Eis!« Ich werde nur traurig, wenn ich höre, wenn man das Verb »investieren« für eine Freundschaft benutzt. Es mag sein, dass das alles nur Begriffe sind, aber sie haben Geschichten und Hintergründe.

Es ist schwierig für mich, all die kulturellen Werte, die ich durch die persische Literatur gelernt und verinnerlicht habe, zu vergessen und Freundschaft und Liebe rechnerisch zu betrachten. Weder halte ich es für richtig, Liebe und Freundschaft mit teuren Geschenken zu beweisen oder zu bewahren, noch ist es schön, bei Freundschaft und Liebe den Taschenrechner rauszuholen und die Widerspiegelung dieser Mentalität in der Sprache zu erkennen.

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst bei Amal Berlin erschienen. Übersetzt wurde er in Kooperation mit Media Residents von Zoha Aghamehdi.

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