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Intelligenz ohne Nachdenken

Radikale Linke müssen sich der Debatte um künstliche Intelligenz stellen - hier werden Fragen von Kontrolle, Partizipation und Klasse verhandelt

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Wenigen wird dabei der 1734 geborene Hofkammerrat Wolfgang von Kempelen ein Begriff sein. Doch anhand seiner Erfindung, des »Schachtürken«, lassen sich heutige Debatten um KI bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Seine Konstruktion von 1769 erweckte bei den Zuschauer_innen den Eindruck, dass sie selbstständig Schach spielen würden. Tatsächlich saß in der Maschine ein menschlicher Schachspieler. Edgar Allan Poe hatte die Maschine seinerzeit erlebt und in seinem Essay »Maelzels Schachspieler« verarbeitet. Poe vermutete von Anfang an einen Menschen in der Maschine. Sie sei lediglich ein Schaustellertrick. Ängstlicher war der Schriftsteller Jean Paul, der sich schon 1789 Sorgen um Arbeitsplätze machte: Die »Maschinen, welche die Menschen außer Nahrung setzen, indem sie die Arbeiten derselben besser und schneller ausführen«, seien eine Gefahr. Denn: »Zum Unglück machten die Maschinen alle Zeit recht gute Arbeit und laufen den Menschen weit vor.«

Aktuelle Diskussionen über KI ziehen sich vom Schachcomputer »Deep Fritz«, der 2006 den Weltmeister Wladimir Kramnik besiegte, bis hin zum Sieg der Google-Software »Alpha Go«, die 2016 den Spitzenspieler Lee Sedol im Brettspiel Go besiegte. Das Neue am Go-Computer war jedoch, dass das System das Spiel ohne menschliches Zutun lernte und danach auch seine Vorgängerversionen besiegte. Befinden wir uns im Zeitalter der Computer-Emanzipation, in dem Maschinen bald klüger werden als Menschen?

Nicht nur in Spielen werden sogenannte denkende Roboter eingesetzt. Gerade für die Industrie sind sie reizvoll. Sie werden so ausgerichtet, dass sie mit Menschen Hand in Hand arbeiten können, ihn ergänzen und ihm assistieren. Die Roboter werden trainiert, um Bewegungen und Handlungen besser und effizienter durchzuführen. Dabei sind sie untereinander vernetzt und bekommen so Zugriff auf riesige Datenmengen. Aus diesen können sie Muster und Kausalitäten erkennen, Vorhersagen treffen und sich sogar an veränderte Bedingungen selbsttätig anpassen. Von dieser sogenannten »Lernfähigkeit« der Maschinen profitieren wir alltäglich durch Spracherkennung, Übersetzungsprogramme oder verbesserte Suche in Datenbanken.

Dabei ist natürlich nicht alles Gold, was glänzt. Ein großes Problem, das die Forscher_innen intensiv beschäftigt, sind die »Black Boxes«, also die Undurchsichtigkeiten, wie die Algorithmen der Maschinen zu ihren Ergebnissen kommen. Die Prozesse sind so komplex, dass niemand genau nachvollziehen kann, was KI eigentlich so treibt. Für die Soziologin Carolin Wiedemann kommt hier der gesellschaftliche Aspekt von KI zum Tragen. »Rassismus, Sexismus und andere Herrschaftsverhältnisse werden durch KI-Techniken verstärkt«, so Wiedemann. »Die Maschinen sollen ja vor allem Muster erkennen und darauf basierend Vorhersagen über die Zukunft treffen. Dies ist aber meist eine Oberflächenanalyse, und zwar nach den Kriterien, die die Macher der Technologien definieren. Und so lautet die Vorhersage der Maschine dann bei Polizeikontrollen etwa: Schwarze Menschen werden eher eine Straftat begehen als weiße. Das ist die Scheinkorrelation, basierend auf dem Muster, das der Computer erkannt hat.«

KI handelt somit auf Basis von Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Sie setzt selbst keine moralischen oder ethischen Standards, sondern übernimmt sie von Menschen und reproduziert diese. KI ist nicht an sich rassistisch oder sexistisch, sondern in eine rassistische und sexistische Gesellschaft eingebunden. Die Roboter tun das, was sie tun, weil es Herrschaft gibt.

Wiedemann ist daher skeptisch, was die tatsächliche Intelligenz der Maschinen betrifft: »Es zeigt sich ein neo-positivistisches Verständnis von Wissen und Intelligenz, das alles als vermessbar ansieht. Alles, was ist und was passiert, kann in dieser Vorstellung codiert, entschlüsselt werden.« Die KI folgt somit einem falschen Intelligenzbegriff, die sie auf Effizienz verkürzt. Es ist eine Intelligenz ohne Reflexion, auch ohne Spontaneität und Kreativität. Dies ist jedoch notwendig beim (emanzipatorischen) Nachdenken über KI. Aufgrund der scheinbaren Objektivität und Fehlerlosigkeit werden ihre Entscheidungen von vielen immer weniger hinterfragt.

Für die Frage, wer sich von Maschinen kontrolliert fühlt und wer tatsächlich die Maschinen kontrolliert, spielt jedoch immer noch die Klassengesellschaft eine Rolle. Fragen sozialer Ungleichheit dürfen bei Debatten um KI nicht vergessen werden. Gerade daher ist es für eine (radikale) Linke so wichtig, sich mit dem Thema KI zu beschäftigen. So zeigen sich auch hier die Probleme von Partizipation und Ausschluss, Kontrolle und Herrschaft, aber eben auch von neuen Entwicklungen, auf welche die politische Linke eine Antwort finden muss. Fehlerhaft wäre Panikmache. Es geht nicht darum, dass die Herrschaft der KI über den Menschen angebrochen sei. Man sollte vielmehr erkennen, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen mittels KI sich verändert hat. Dies muss das Thema für eine Linke auf Höhe der Zeit werden.

Die Äußerungen von Edgar Allen Poe und Jean Paul zeigen, dass bereits die Schachmaschine Kempelens ein Nachdenken über die gesellschaftliche Entwicklung ausgelöst hat. Eines der schönsten Gleichnisse zur Schachmaschine stammt von Walter Benjamin, der sarkastisch den Schachspieler gegen die »materialistische« Maschine in Stellung bringt: »In Wahrheit saß (in dem Automaten) ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe mit Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ›historischer Materialismus‹ nennt. Sie kann es ohne Weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.«

Wie damals Benjamin den »Schachtürken« als Metapher gegen einen dumpfen Fortschrittsglauben in der Geschichte verwendet hat, gilt es auch heute, nicht einem blinden Technikdeterminismus zu verfallen.

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