Werbung

Thatcher On Ice

Mehr als ein Biopic: Der Film »I, Tonya« zeichnet eine hintergründige Karikatur des amerikanischen Traums

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Filmische Biographien müssen enttäuschen. Sie provozieren die Erwartung, getreu zu erzählen, wie es war, und langweilen, wenn sie das tun, weil das Ende doch immer schon bekannt ist. Jeglicher Film über Jesus wird dessen Tod am Kreuz zeigen, jeder Film über die US-amerikanische Eiskunstläuferin Tonya Harding den Hergang des Attentats auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan erzählen. Also kommt es hier mehr noch als in der reinen Fiktion darauf an, wie die Sache erzählt wird. Was immer sich sonst für oder gegen »I, Tonya« vorbringen ließe, dieses Problem hat der Film exzellent gelöst.

Bemerkenswert, dass diese Lösung nicht durch die Struktur entsteht. Die Erzählung bleibt weitgehend linear, der Wechsel von retrospektiven Interviews und szenischer Darstellung ist konventionell und macht alles, was Szene ist, zur Rückblende. Auch die technischen Mittel sind geschickt eingesetzt, aber nicht außergewöhnlich. Bei den Eislaufszenen zeigen sich sogar ein paar Schwächen, indem die üblichen Tricks (visuelle Nachbereitung, Nähe der Kamera, schnelle Schnitte) nicht kaschieren können, dass Margot Robbie weniger gut ist in der Disziplin Eiskunstlauf, als die von ihr dargestellte Tonya Harding es war.

Nicht die Erzählweise also, der Inhalt selbst löst das Problem. Nämlich durch einen flapsigen Umgang mit der Wahrheit, der nicht als Nachlässigkeit, sondern als Programm verstanden werden muss. Die eröffnende Texttafel (»Based on irony free, wildly contradictory, totally true interviews«) geht in diesem Moment noch als Witz durch, doch schnell hat man raus, dass damit das Konzept des gesamten Films angedeutet wurde. Bilder widersprechen Worten, Worte widersprechen Worten, und ein Feuerwerk aus rüder Sprache und situativer Komik gibt die Figuren immer wieder der Lächerlichkeit preis. Überhaupt ist das alles sehr unterhaltsam und dynamisch, doch auf intuitive, möglicherweise ganz unbewusste Weise haben Autor und Regisseur hier einen wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhang erspürt.

Am Anfang des Tonya-Komplexes steht die böse Mutter. LaVona Harding, gespielt von der alles überragenden Allison Janney, hat eine starke Waffe: Sie weigert sich, ihrer Tochter Liebe zu zeigen. Das führt bei der sonst robusten Tonya zu hilflosen Gesten, im Wechsel aus Trotz und Sehnsucht. Noch am Ende will sie, unbelehrt von aller Enttäuschung, bloß in den Arm genommen werden. Kein Kind kann anders als seine Eltern zu lieben, und sei es in Form des Zorns gegen die Zurückweisung.

Mit einem Satz wie »I made you a fighter« rationalisiert Mama ihre körperliche Gewalt und seelische Grausamkeit. Diese Art Erziehung sollte Tonya ermöglichen, aus dem Mist herauszukommen, und hat tatsächlich dafür gesorgt, dass sie den Mist mit sich herumträgt, wohin immer sie noch gehen wird. Zuerst natürlich in die Ehe mit Jeff, in der Tonya wiederum Gewalt erfährt, jetzt aber mit Gewalt reagiert. Das Verhältnis zur Mutter setzt sich insofern fort, als die Tochter auch hier den Schatten der Übermacht bloß bekämpft anstatt aus ihm herauszutreten. So nimmt sich ihr Leben aus als eine einzige Lektion darüber, dass Gesellschaft kein Miteinander sein kann, nicht einmal in ihren intimsten Zusammenhängen. Und diese Lektion ist Tonyas Mutter nicht einfach unterlaufen, es ruht dahinter eine schwer verrückbare Ideologie.

»That girl is your enemy«, schreit LaVona übers Eis, als ihre Tochter mit einem anderen Kind redet, das neben ihr trainiert. Und ihrem Schwiegersohn Jeff teilt sie mit, wie sie sich die Liebe denkt, man sei entweder Gärtner oder Blume, Subjekt also oder Objekt. Dem Professor Higgins in George Bernard Shaws »Pygmalion« gleich, nur aller Selbsttäuschung ledig, betrachtet sie Liebe als asymmetrisch und ist ihr auch im Verhältnis des Liebens der Liebende sich selbst stets am nächsten. - Was als Kehrseite des amerikanischen Traums nicht bloß interpretiert werden kann, sondern im Film ganz ausdrücklich wird.

Ein Umfeld, in dem der Subjektgedanke stets vor den sozialen Gedanken geschaltet wird, muss, so wie auf der Sonnenseite joviale Liberalität, einen destruktiven Subjektivismus hervorbringen, der durchaus zu dem führen kann, was im Film als »der Vorfall« (the incident) bezeichnet wird, weil keiner wirklich gern dieses Kind beim Namen nennen will. Tonyas Herkommen aus der Unterschicht verleiht ihrem Erfolg Grenzen, die ihr von Anbeginn gesteckt sind. Sie hat die Ideologie des Aufstiegs, in der sich jeder selbst am nächsten ist, vollends verinnerlicht, kann aber den Geruch des white trash nicht ablegen. Technisch bei weitem die beste Läuferin, verliert sie immer wieder in der B-Note. Ihr fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder gehobener Milieus sich im Eiskunstzirkus bewegen. Den grazilen Stil kann man nicht einfach lernen, wenn die Zuspielungen des Unbewussten fehlen. Die Jury nimmt diese Schwäche auf, denn für sie geht es in diesem Sport nie bloß nur um den Sport, sondern immer auch um Marktwerte, die auf der Identifikation des Publikums mit dem Athleten beruhen. Dieses Wissen um die durch die Jury gesteckten Grenzen schlägt bei Tonya ins Destruktive um. Der Wettbewerbsgedanke, besser zu sein als die Andere, bringt den Gedanken hervor, dass hierzu ja auch reicht, die Andere schlechter zu machen. Tonya mag von dem Attentat auf ihre Konkurrentin nichts gewusst haben, aber ihr Handeln gegen Nancy, ihre vormalige Freundin, war auch vorher schon destruktiv.

Soweit entfaltet wird möglich, jenen flapsigen Umgang mit der Wahrheit, den der Film regelrecht zur Schau stellt, als Kunstgriff zu deuten. Dem hemmungslosen Egoismus im Praktischen korrespondiert ein Subjektivismus im Gedanklichen. Von Margaret Thatchers »There is no such thing as society« ist es nur ein kleiner Schritt zu »There is no such thing as truth«. Und mit diesen Worten, in der Tat, endet denn auch der Film. So ist der Vorsatz, keine eindeutige Geschichte zu erzählen, sondern gegensätzliche Narrative aufeinanderprallen zu lassen, keine Grußbotschaft postmoderner Beliebigkeit, sondern genauer Ausdruck jener Bewusstseinslage, die zu beschreiben der Film sich vorgenommen hat.

»I, Tonya«, USA 2017. Regie: Craig Gillespie. Drehbuch: Steven Rogers. Darsteller: Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan. 120 Min.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen