Naziverbrechen leicht verständlich geschildert

Behindertenbeauftragte Bentele und Dusel informieren sich in der Gedenkstätte für die Euthanasie-Morde

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Totenbuch, das in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg/Havel ausliegt, stehen unter den einzelnen Namen unterschiedliche Geburtsjahre, aber immer nur ein Sterbejahr: 1940. Von Januar bis Oktober 1940 wurden am Nicolaiplatz mehr als 9000 Menschen mit Kohlenmonoxid erstickt - psychisch Kranke, geistig Behinderte und jüdische Patienten. Es war auch eine Art Auftakt zum Holocaust.

2012 wurde die Gedenkstätte eröffnet. 2015 suchte Leiterin Sylvia de Pasquale Partner für inklusive Angebote und fand die Lebenshilfe. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind zu Guides ausgebildet worden, die für anderen Menschen mit solchen Einschränkungen leicht verständliche Führungen anbieten. Dass es solche speziellen Führungen gibt, haben sich die Brandenburger von anderen Euthanasie-Gedenkstätten in ehemaligen Tötungsanstalten in Hadamar und Grafeneck abgeschaut. Wahrscheinlich einzigartig ist aber bislang, dass die Lernbehinderten die Führungen in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte selbst mit entwickelt haben, hebt Historiker Christian Marx hervor, der an der Brandenburger Einrichtung als Gedenkstättenpädagoge tätig ist. Die Idee dabei: Menschen, die in der Nazizeit in höchster Lebensgefahr geschwebt hätten, die bisher keine Stimme hatten, erzählen nun, wie es damals gewesen ist. Zum Beispiel Katrin König. »Euthanasie heißt: ›Der gute Tod.‹ Ich finde da nichts Gutes dabei. Wer das gut findet, der hat eine Schraube locker«, sagt sie und macht eine passende Geste an ihrem Kopf. Für die Führungen sind extra Materialien entwickelt worden - mit großer Schrift, in leicht verständlicher Sprache, mit vielen Bildern, die gezeigt werden können.

»Dieses Projekt liegt mir schon lange am Herzen«, sagt der Landesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel. »Entsetzliche Dinge sind hier geschehen«, beklagt er. »Die Behinderten müssen das erfahren, gerade heute, wo wieder versucht wird, Menschen auszugrenzen.« Am Mittwoch ist Jürgen Dusel gekommen, um eine dieser speziellen Führungen zu erleben. Mitgebracht hat er die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele. Die sollte sich das auch einmal »anschauen«, wobei für sie beide anschauen schwierig sei, bemerkte Dusel ist seiner manchmal selbstironischen Art. Denn er selbst und Verena Bentele sind sehbehindert.

Es sollte nicht der einzige Termin der beiden Behindertenbeauftragten an diesem Tag sein. Anschließend wollten sie noch das Sandmännchen in Potsdam-Babelsberg besuchen. Der Anlass dafür: Seit einem Jahr lässt das rbb-Fernsehen die beliebte Kindersendung in Gebärdensprache übersetzen. Darum kümmert sich das Zentrum für Kultur und visuelle Kommunikation der Gehörlosen. Dort schauten Dusel und Bentele vorbei. Sehen können sie zwar nicht gut, aber mit allen ihren Sinnen nehmen sie sehr genau auf, was um sie herum geschieht und worauf es ankommt.

Das weiß auch Kulturministerin Martina Münch (SPD), die am Mittwoch mit in die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie gekommen ist. Sie mahnt, wie wichtig das Erinnern sei, wo Antisemitismus und Rassismus zunehmen, was sie in ihrer Wahlheimat Cottbus hautnah erleben muss.

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