Weltturnier im Hinterhof

Im Berliner Kühlhaus messen sich acht der besten Schachspieler. Ein Besuch beim WM-Kandidatenturnier

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 5 Min.

Mehr als 600 Millionen Menschen sollen angeblich Schach spielen, behauptet der Schachweltverband FIDE immer wieder. Auch die 23 Prozent der Deutschen, die laut einer Umfrage von 2012 regelmäßig am Brett mit den 64 weiß-schwarzen Feldern sitzen sollen, führt die FIDE gern an. Turnierveranstalter zitieren hingegen häufig Steve Martin, Chef der weltweit agierenden Sportwerbeagentur M&C Saatchi Sports: »Schach ist ein schlafender Riese«, soll Martin gesagt haben.

Wer sich dieser Tage nach Berlin-Kreuzberg begibt, kommt darüber leicht ins Grübeln. Im hippen Kühlhaus in der Luckenwalder Straße liegt zwar derzeit der Nabel der Schwachwelt: Acht der neun weltbesten Schachspieler ermitteln hier nämlich denjenigen, der im November den Schwachweltmeister Magnus Carlsen zum WM-Duell herausfordern darf. Doch des Nachmittags ist es vor dem Klinkerbau in der kurzen Einbahnstraße menschenleer. Kaum ein Passant biegt in die lila ausgeleuchtete Toreinfahrt ab, die zum Haupteingang im Hinterhof führt.

Auch im Inneren des schwarz verhängten Kühlhauses verlieren sich nur wenige Dutzend Besucher auf den insgesamt fünf Etagen des Gründerzeitbaus, in dem sonst beispielsweise die Modemesse »Premium« oder demnächst die Digital-Konferenz »re:publica« abgehalten werden.

Als um 15 Uhr der erste Zug vollführt wird, stehen etwa 50 Zuschauer auf den Balkonen im zweiten Stock. Rund um einen Würfel im Zentrum sitzen die acht Spieler an vier Tischen. Der Russe Alexander Grischuk hat wie immer seine Verpflegung im Jutebeutel mitgebracht, sein heutiger Rivale Wesley So (USA) hingegen begnügt sich mit einem Schokoladenriegel. Auf allen Tischen ist auch der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen indirekt präsent - in Form der markanten Flaschen eines norwegischen Mineralwasserherstellers. Derlei Dinge können Schachfans nun aus der Nähe begutachten, die erste Viertelstunde ist auch Fotografieren erlaubt, weswegen es in allen Ecken surrt und fiept. Das Klacken der Kameras prägt die ersten 15 Minuten im »Kubus« genannten Atrium des Kühlhauses, dann wird es ruhiger.

Die Spieler sind wenig begeistert von den Gegebenheiten beim Berliner Kandidatenturnier. »Ich mag die Fotos nicht, den Austragungsort nicht, manchmal war es auch sehr laut. Ich will nicht sagen, dass ich deswegen verloren habe. Aber eigentlich mag ich nichts«, klagte Sergej Karjakin aus Russland nach dem ersten Spieltag. Beim Auftakt des mit 420 000 Euro Preisgeld dotierten Spitzenturniers bemängelten er und seine Kollegen zudem die Bedingungen auf den Spielertoiletten. Auch die Lautstärke in dem hohen Saal empfanden einige der Spieler als Problem.

Mittlerweile ist es besser: »Das Thema Lautstärke hat der Veranstalter durch mehr freiwillige Helfer sofort in den Griff bekommen«, sagt Klaus Deventer, der deutsche Hauptschiedsrichter des Turniers. »Auch der Rohrbruch, der zu einem Ausfall der Waschbecken im Spielerbereich geführt hat, ist mittlerweile behoben.« Aus seiner Sicht gebe es an den Bedingungen in Berlin nun wirklich nichts mehr zu bemängeln.

Ein gewisser Unmut herrscht indes beim Publikum auf den Rängen, das zum größten Teil aus Herren der Altersklasse Ü50 besteht. Nicht genug, dass sie zwischen den Etagen allerlei Treppen zurückzulegen haben - noch schwerwiegender ist das modernistische Konzept des russischen Turnierveranstalters AGON, den Zuschauern am Ort des Geschehens keinerlei Sitzplätze anzubieten. Für ein Sportereignis, das teilweise bis zu fünf Stunden oder sogar noch länger dauern kann, ist dies zumindest »ungewöhnlich«, wie sogar Hauptschiedsrichter Deventer einräumt.

Schon nach wenigen Spielminuten begeben sich viele der Zuschauer in die vierte Etage, wo sie die Partien in der sogenannten »Fun Area« verfolgen können. Im »Spaßbereich« des Turniers sind auch ein paar Tische mit Schachbrettern aufgebaut, die schnell von den Amateuren in Beschlag genommen werden. Andere sehen sich beim Merchandising um. Hier gibt’s das Turnierschachbrett für 150 oder den Figurensatz für 320 Euro zu kaufen. Am Stand ist wenig los.

Gut gefüllt sind im vierten Stock hingegen die weißen Sitzbänke vor dem Podium von Ilja Zagaratski. Der deutsche Spitzenspieler und sein Großmeisterkollege Christof Sielecki kommentieren von hier aus das Geschehen an den vier Spieltischen. Auf großen Monitoren schalten sie sich nach Belieben in die jeweiligen Stellungen der vier Partien und überlegen, was die Herren da unten im Saal wohl so im Schilde führen.

Die beiden Großmeister sind angetan vom Geschehen an den Tischen. Der überraschend in der Gesamtwertung führende Fabiano Caruana (25) aus den USA beispielsweise liefert sich einen spannenden Kampf mit dem Chinesen Ding Liren. Das stets politisch aufgeladene Duell zwischen dem Armenier Levon Aronjan und dem Aserbaidschaner Schachrijar Mamedjarow dagegen plätschert so dahin, wie auch das Duell Wesley So (USA) gegen Alexander Grischuk. Am Schluss enden diese drei Partien remis, nur das innerrussische Duell zwischen dem WM-Finalisten von 2016, Sergej Karjakin und Altmeister Wladimir Kramnik findet nach 41 Zügen in Karjakin schließlich einen würdigen Sieger.

Über eines herrscht aber am Ende des Tages bei allen Einigkeit: Derart spannendes Schach wie beim Kandidatenturnier 2018 in Berlin gibt es sonst bei Turnieren so gut wie nie zu sehen. Dass es nur einer aus dem Achterfeld schafft, beflügelt die Großmeister ganz offensichtlich. Bei der abschließenden Pressekonferenz antwortet der Gesamtführende Fabiano Caruana die Frage, ob er manchmal auf der Straße erkannt werde, mit Nein: »Und das ist mir sehr recht.«

Gut möglich, dass sich das bald ändert - sollte er in Berlin weiter so glänzen und schließlich das WM-Duell gegen Carlsen im November erreichen.

Stand nach 9 von 14 Runden: 1. Caruana (USA) 6,0, 2. Mamedjarow (Aserbaidschan) 5,5, 3. Grischuk 5,0, 4. Karjakin (beide Russland) 4,5, 5. Ding (China) 4,5. 6. Kramnik (Russland) 3,5, 7. So (USA) 3,5, 8. Aronjan (Armenien) 3,5.

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