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  • Wahlkampf in Sozialen Medien

Studie: »Geringere« Manipulation vor der Wahl in Deutschland als in den USA

Auswertung von Facebook- und Twitteraktivitäten zeigt Dominanz der AfD in sozialen Medien / Bots für maximal 14 Prozent aller Tweets zur AfD verantwortlich

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Es hat vor der Bundestagswahl Manipulationsversuche im öffentlichen Diskurs gegeben –aber nur in geringem Ausmaß. Das ist das Ergebnis einer Studie der TU München über Social-Media-Aktivitäten zur Bundestagswahl 2017. Der »Strukturwandel« zur Online-Gesellschaft habe in Deutschland erst begonnen, heißt es darin.

Der Social-Media-Wahlkampf werde in Deutschland nicht so intensiv wie in den USA geführt, so der Autor Simon Hegelich. Ebenso gebe es weniger Manipulationsversuche. Als einen Grund dafür sieht der Autor eine geringere die Polarisierung des politischen Meinungskampfes in Deutschland als in den Staaten. Manipulation durch Fake News habe es gegeben, aber nur in geringem Umfang – auch weil deutsche Medien solche »Einzelfälle« aufdeckten. Selbst das im aktuellen Datenmissbrauchsskandal durch Cambridge Analytica diskutierte »Micro-Targeting« habe nur eine »geringe Rolle« gespielt, weil sich die Parteien aus ethischen Bedenken zurückgehalten hätten.

Für die Untersuchung mit dem Untertitel »Die digitale Revolution in der Meinungsbildung« hat der Data-Science-Wissenschaftler Simon Hegelich die Facebook-Aktivitäten der deutschen Parteien analysiert. Per Machine-Learning-Auswertung untersuchte er im Auftrag der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung darüber hinaus 350 Millionen Tweets aus den sechs Monaten vor der Bundestagswahl.

Die Ergebnisse seiner Forschung zeigen die Dominanz der AfD in den sozialen Netzen. Die Partei hat deutlich weniger Twitter-Follower als die anderen Parteien, generierte aber die meisten Retweets von Nutzern, die Beiträge der Partei teilten. Am Wahltag selbst und in den Monaten davor dominierte die AfD und die Diskussion über sie die politische Twitterlandschaft in Deutschland. Häufiger direkt angesprochen durch die Erwähnung der Parteiaccounts wurden jedoch SPD und CDU.

Die Wutstrategie der AfD

Ein ähnliches Muster der AfD-Dominanz zeigt sich auf Facebook. Dort hat die Partei zwar ähnlich viele Beiträge verfasst wie die Konkurrenz, anders als die anderen Parteien setzt die Rechtsaußenpartei aber vor allem darauf Wut zu erzeugen. Diese dominiert in den Reaktionen auf Facebook-Beiträge der Partei. Das soziale Netzwerk bietet seinen Nutzern die fünf Emotionen »Wut«, »Haha«, »Liebe«, »Traurigkeit« und »Wow«. Bei den anderen Parteien dominiert hingegen die »Liebe«, wenn Facebook-Nutzer bewerten, was etwa SPD und LINKE posten.

Nur bei CDU und CSU dominiert das »Haha«. Hegelich vermutet, das könne nicht nur für Freude über die Inhalte der beiden Parteien stehen, sondern auch ein ironisches Lustigmachen sein. Mit der Wut-Strategie erreicht die AfD, dass ihre Beiträge häufiger geteilt werden als die aller Parteien zusammen. Gerade bei den »Shares« sei die Partei so besonders »wirkmächtig«. Die AfD nutze die Plattform »gezielt«, um die traditionellen Medien zu umgehen, schreibt Hegelich.

Teil dieser Strategie ist die offensive Aufforderung zum Weiterverbreiten von Inhalten (»TEILEN! TEILEN! TEILEN!«). So habe sich um die AfD eine loyale Anhängergemeinde gesammelt. Ihre Facebook Präsenz haben fast doppelt so viele Menschen mit »like« markiert als das Nutzer bei den Seiten anderer Parteien getan haben. Damit erreicht die Rechtsaußenpartei auf Facebook deutlich mehr Nutzer. Diesen wird auf ihrer Facebook-Startseite in einer rechten »Echokammer« ständig AfD-Propaganda angezeigt.

Massenhaftes Liken und automatisierte Verbreitung

Einige von ihnen werden durch diese offensive Weiterverbreitungsstrategie zu dem, was die Forschung »hyperaktive Nutzer« nennt. Sie versuchen, durch das massenhafte »Liken« den Diskurs im Internet zum Vorteil ihrer Partei zu manipulieren. Die vielen »Likes« würden dann vom Facebook-Algorithmus als »starkes Signal« wahrgenommen. So würden rechte Inhalte relevanter werden und teilweise sogar von traditionellen Medien aufgegriffen.

Hegelich hat darüber hinaus die Aktivität von Twitter-Bots untersucht – Computerprogrammen, die automatisch Inhalte teilen. Mittels verschiedener Techniken zur Messung von Bot-Aktivität kommt er auf einen durchschnittlichen Anteil von maximal 14 Prozent aller Tweets, in denen es um die AfD ging. Sie hätten für ein »kontinuierliches Grundrauschen« gesorgt, für eine massive Beeinflussung der öffentlichen Meinung sei ihr Anteil an den Tweets aber zu gering gewesen.

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In der Studie finden sich auch warnende Worte zur Wirkung des Online-Wahlkampfes. Ein Grund für die langen Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer Bundesregierung könne die durch soziale Medien beförderte politische Polarisierung sein. Auch sei die Forschung zu Manipulationsversuchen wenig entwickelt und könne kaum mit der technischen Entwicklung Schritt halten, so Hegelich weiter. Diese sei derzeit auch schneller als die Entwicklung demokratischer Entscheidungsprozesse. Die Politik müsste der Technik aber Grenzen setzen und diese regulieren.

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