Grandiose Luftnummer

Aequinox-Musiktage

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Wissen Sie, was ein Theremin ist? Nein, kein Medikament und auch kein Sportgerät, sondern ein Musikinstrument. Erfunden vor fast 90 Jahren vom russischen Physiker Lew Termen und anfangs unter dem viel schöneren Namen Aetherophon bekannt, besteht es - einfach gesagt - aus zwei Antennen, in deren Umfeld sich ein elektromagnetisches Feld aufbaut. Wer sich darin bewegt, erzeugt unweigerlich Töne. Das hat etwas von Luftgitarre - nur das bei streng disziplinierter Gestik tatsächlich Musik erklingt. Beherrscht man es virtuos (eine Hand steuert die Tonhöhe, die andere die Lautstärke), dann wird daraus große Kunst wie bei Carolina Eyck.

Eyck gehört trotz ihrer erst 30 Jahre zu den besten Interpreten auf dem selten gespielten Instrument und ist international viel beschäftigt. Eine der raren Möglichkeiten, sie zu erleben, boten die Aequinox-Musiktage im brandenburgischen Neuruppin, die zum neunten Male stattfanden. Eyck demonstrierte im Verein mit zwei ausgewiesenen Barockmusikern - dem Flötisten Martin Ripper und dem Lautenisten Wolfgang Katschner -, dass das elektronische Theremin äußerst wandlungsfähig ist und damit zu Stücken quer durch die Musikgeschichte passt. Ob Bach-Kantate oder lautmalerische Komposition aus jüngster Zeit, das Theremin und Carolina Eyck zaubern Klangfarben hervor, die von orgelähnlichen Tönen über Vogelgezwitscher bis zu sphärischem Nachhall reichen. Fantasien für die Ohren, völlig aus der Luft gegriffen.

Dieses Konzert war ein Beispiel dafür, dass die gastgebende Lautten Compagney, ein renommiertes Ensemble für Barockmusik aus Berlin, versucht, die Grenzen ihres Kernrepertoires immer weiter auszuschreiten und auszudehnen, Berührungspunkte zu anderen Genres und Kunstgattungen sucht. Experimente, die vom Publikum, das auch von fernher zum Festival kommt, gerne angenommen, inzwischen auch erwartet werden. Da trifft sich Alte mit zeitgenössischer Musik, Religiöses mit Folklore. Künstler aus anderen Regionen der Erde stehen mit Europäern auf der Bühne, Literatur wird zur Partnerin der Musik. Vor Jahren war Wu Wei zu Gast, der Artist auf der chinesischen Mundorgel, diesmal waren es iranische Musiker, die mit der Lautten Compagney die Konferenz der Vögel aufführten. Begegnungen mit dem Fremden nicht als Angstmoment wie so oft heutzutage, sondern als Bereicherung, Entdeckungsreise, künstlerische Offenbarung.

Schließlich, was 2018 nicht fehlen durfte: die Schweden. In der Ruppiner Gegend tobten Kämpfe des Dreißigjährigen Kriegs, der vor 400 Jahren begann; unweit, in Wittstock, erzählt ein Museum davon. Dorthin folgten die zahlreichen Besucher der Einladung von Festival-Organisatorin Gabriele Lettow. Säbelrasseln, Kriegsgeschrei, Heldenverehrung einerseits, Tod, Leid und Verderben andererseits - all das spiegelte sich in der Musik jener Zeit. Mit auf der Bühne das fabelhafte Ensemble Vokalharmonin aus Stockholm. Wem das noch nicht nachdrücklich genug gewesen sein mag, dem half das bitterkalte Winterwetter - zutreffend hieß das eisige Wetterphänomen Schwedenschelle.

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