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Der gute Mensch von Kalifornien

Andrew W. K. hat sich weiterentwickelt und produziert nicht mehr nur Party-Metal-Hymnen

  • Von Torsten Gaitzsch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das zehnte Album von Andrew Wilkes Krier, der unter dem Künstlernamen Andrew W. K. bekannt ist, heißt »You’re not alone«, und schon beim ersten Titel muss man lachen: »The Power of Partying«. Seit gut zwei Jahrzehnten produziert der inzwischen fast Vierzigjährige Party-Metal-Hymnen mit dem Wort »Party« im Titel, grölt zu treibenden Party-Powerklängen Party-Aufforderungen zum Sichgehenlassen (auf Partys). Er ist der unangenehme Onkel, der nach der Konfirmationsfeier zwinkernd den Flachmann aus dem Sakko zieht und später die zerbrochene Vase auf seine Kappe nimmt. Er ist der kinderlos gebliebene Mitleidsgast mit dem peinlichen Tattoo, der sich nach dreißig Minuten Pogo dann doch mal kurz hinsetzen muss, weil der linke Oberarm schon wieder so beunruhigend kribbelt. Mensch, Andrew, such dir doch ’nen neuen »Schtick«, möchte man ihm zubrüllen, aber er hört’s ja nicht in seinem Gitarren-Drums-Synthie-&-Mehrspursingsang-Wellenbad.

Alsbald schwant es einem, dieser langhaarige Muskelproll mit dem stockfleckigen Shirt muss ein Alter Ego sein, eine Persona, eine Kunstfigur des Geschäftsmanns K. Sein Swimmingpool ist mit Sicherheit frei von Bongwasser und Supermodelschweiß, wird stattdessen turnusmäßig gechlort, während er, Krier, bedächtig in seinem Arbeitszimmer über neuen sommertauglichen Lyrics brütet.

Nimmt man sich den Longplayer dann doch mal genauer vor, muss man dieses Urteil revidieren. Und just kommt die Erweckung. Andrew W. K., man muss es so pathetisch formulieren, hat sich weiterentwickelt. Gewiss, der Sound ist wiedererkennbar, oft geht es hektisch, selten im Mid-tempo zu, das Partymachen spielt selbstverständlich die zentrale Rolle, aber das Partymachen ist zu einer regelrechten Philosophie erhoben worden. Als Antidepressivum versteht er seine Lieder, als geradezu heilsam das Feiern, natürlich nicht im engeren Sinne; das wäre schlechterdings höhnisch: Wer bereits das halbe Wochenende regungslos auf die Decke starrend im Bett verbracht hat, rafft sich nicht überschwänglich auf, weil er eine Einladung zum Abrocken bekommt - und wenn doch, wird er später allenfalls leidend in der Ecke stehen und/oder sich, mit üblen Konsequenzen, besaufen ... Nein, Andrew W. K. geht es um ein »Party mindset« (Track 6), um einen ganzheitlichen party-basierten Optimismus.

Das darf man ebenso platt finden wie die drei Spoken-word-Stücke auf der Platte, die einem nicht besonders tiefsinnigen Selbsthilfekurs entsprungen sein könnten (W. K. war in den letzten Jahren tatsächlich als Motivationstrainer unterwegs). Es geht um positives Denken statt allein um Rumhüpfen und Bierverschütten, wie man a prima vista denken mag. Andrew W. K. und seine Gefolgschaft (englisch: party) reicht uns die Hand: »If you’re feeling bad, if you’re feeling hurt (...), we will raise you up. We will heal your heart.« Will man sich darüber lustig machen?

»Music makes life worth living«, heißt es an anderer Stelle, »music makes me want to stay alive.« Das ist Schopenhauer zu Ende gedacht, das ist, wie man heutzutage sagt, wholesome, das ist in einer Zeit, in der jeder fünfte Jugendliche der sogenannten westlichen Welt psychische Probleme hat, einfach nur nett. »Hedonismus ist auch nur noch ein anderes Wort für harte Arbeit am Selbst«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung« in zynischer Verkennung. Nun, die American Association of Suicidology hat Andrew W. K. zur Person des Jahres ernannt. Gute Sache, cooler Typ.

Andrew W.K.: »You're not alone« (Bee & El/Sony Music)

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