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Eine Tankstelle vor dem Balkon

Chemnitzer Genossenschaft bietet Mietern Solarstrom an - auch als »Sprit« für E-Autos

  • Von Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf dem Land und im »Speckgürtel« der Großstädte ist Elektromobilität kein Problem, zumindest, was das Laden anbelangt. Man wohnt im eigenen Haus, unter dessen Carport sich auch eine Steckdose findet. Auch vor Supermärkten, an Tankstellen und in Innenstädten stehen in wachsender Zahl Zapfsäulen zum Betanken von E-Autos. Wie aber, fragt Axel Viehweger, verhält es sich in Wohngebieten mit Hunderten Wohnungen? »Soll man dort für jeden Mieter eine Ladesäule errichten?«, fragt der Chef des Verbands sächsischer Wohnungsgenossenschaften: »Im Quartier wird es schwierig.«

In Chemnitz beginnt man jetzt immerhin Erfahrungen zu sammeln. Am Rand einer stillen Nebenstraße in einem Wohnviertel aus den 70er Jahren sind vier Parkplätze in leuchtendem Grün gepflastert. Weiße Signets weisen darauf hin, dass die Säulen am Bordstein keine Parkuhren sind, sondern zum Betanken von Elektroautos dienen. Der Strom kommt - zumindest wenn die Sonne scheint - direkt vom Dach eines benachbarten Wohnhauses. Die dortigen Solarzellen versorgen aber nicht nur die Tankstelle vorm Balkon, sondern auch Lampen und Waschmaschinen in den Wohnungen, deren Mieter den Strom vergünstigt beziehen können.

Die Chemnitzer Siedungsgemeinschaft (CSG) betritt mit der Kombination von Ökostromerzeugung für Mieter und E-Tankstelle bundesweit Neuland. 2015 wurde die Idee entwickelt, zwei Jahre später ein Förderantrag beim Bundesministerium für Wirtschaft bewilligt, wo zahlreiche Forschungsvorhaben zum strombasierten Verkehr laufen, darunter eines mit dem sperrigen Titel »Wohnungswirtschaftlich integrierte, netzneutrale Elektromobilität in Region und Quartier« (Winner). Kerngedanke: Die Vermieter erzeugen sauberen Strom, der auch E-Autos antreibt.

Großvermieter wie die CSG reißen sich eigentlich nicht gerade um das Thema, sagt Viehweger; Stromerzeugung sei »nicht unser Thema«. Man greife es eher »gezwungenermaßen« auf, »weil wir uns über die Höhe der gesamten Miete Gedanken machen.« Energie frisst einen wachsenden Teil der Einkommen auf, was Spielräume für die Kaltmiete und damit die Sanierung der Häuser beschränkt. Selbst erzeugter »Mieterstrom«, der kostengünstig an die Hausbewohner abgegeben wird, ist eine Alternative.

Naheliegend ist zudem der Gedanke, überschüssigen Ökostrom zu nutzen, um E-Autos zu betanken. Würden mehr von diesen genutzt - etwa auch von Handwerkern und Pflegediensten -, würde die Luft im Quartier sauberer, sagt Miko Runkel (LINKE), Umweltbürgermeister in Chemnitz. Die Stadt hat sich ehrgeizige Ziele zur Verringerung der Emissionen von klimaschädlichem CO2 gesetzt; ohne Elektromobilität seien diese nicht zu erreichen. Die Ladesäulen im Wohngebiet hält er für eine gute Idee. »So etwas weckt Interesse«, sagt der Mann aus dem Rathaus: »Anwohner sehen, dass es funktioniert.«

Allerdings hat das Projekt in anderthalb Jahren Planung und Errichtung auch gezeigt, was nicht oder nur mit teils irrwitzigen Umwegen funktioniert. Mieterstrom etwa klingt nach einer tollen Idee; in der Praxis aber riskieren Genossenschaften und andere Vermieter, wenn sie selbst als Erzeuger und Verkäufer von Strom in Erscheinung treten, ihre weitgehende Befreiung von der Gewerbesteuer. Im Chemnitzer Fall wurde deshalb ein Anbieter zwischengeschaltet, was die Kosten in die Höhe treibt. Auch rund um die Ladeinfrastruktur gibt es viele offene Fragen und zu komplizierte Regelungen, sagt Klaus Hoffmann, dessen Firma HEOS Energy das Projekt im Auftrag des Vermieters entwickelt hat - angefangen von hohen Kosten für das grüne Pflaster, das an Ladestellen vorgeschrieben ist, bis hin zur fehlenden Kompatibilität der Ladesysteme untereinander.

Dennoch neigt Hoffmann nicht zu Schwarzmalerei. Er sieht in dem Thema viel Potenzial, scheint die Probleme eher als sportliche Herausforderung zu begreifen und sagt: »Man muss einfach loslegen.« Einige Hürden könnten bald abgebaut werden, sagt Christian Liebich vom Referat »Digitale Technologien« im Bundeswirtschaftsministerium. Mit Verweis auf den Koalitionsvertrag stellt er Änderungen im Mieterstrom-Gesetz in Aussicht, dank derer Großvermieter nicht mehr ihr Steuerprivileg einbüßen, wenn sie direkt Strom verkaufen. Auch rechtliche Erleichterungen für Ladestationen, wie sie die CSG hat errichten lassen, seien angekündigt.

Das Chemnitzer Modellprojekt hält der Ministeriumsmitarbeiter für wegweisend. Nach den verbleibenden anderthalb Jahren Projektdauer, in denen Wissenschaftler von der Uni Jena auch Daten zur Stromnutzung in den Wohnungen und an den Ladesäulen erheben, werde sich zeigen, ob sich solche Anlagen wirtschaftlich selbst tragen. »Wenn das gut läuft«, prophezeit Liebich, »stehen die Interessenten hier bald Schlange.«

Die Autofahrer werden wohl noch nicht so bald Schlange stehen an den beiden Ladesäulen. Bisher, sagt der Umweltbürgermeister, gibt es der sächsischen Stadt erst 131 batteriebetriebene Autos sowie einige Hybridfahrzeuge, die neben einem Elektro- auch einen Verbrennungsmotor haben. Die Stadtverwaltung hat erst drei E-Autos, dazu zwei Pedelecs »und drei Elektro-Transportkarren«, sagt Runkel. Im Vergleich dazu gebe es in der Stadt eine große Zahl an Ladestationen, sagt Klaus Hoffmann: »So gut wie jetzt wird es nie wieder.« Auf zwei der vier grünen Ladeplätze vor dem CSG-Häusern stehen freilich ohnehin Elektroautos eines Carsharing-Anbieters - quasi zum Probieren.

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