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Die Ballade von Miron Cozma

Martin Leidenfrost besuchte einen rumänischen Bergarbeiter-Streikführer, der ein Held des Boulevards wurde

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Bergarbeiter aus dem Schiltal haben immer wieder die rumänische Politik aufgemischt, bei ihren »Mineriade« genannten Märschen auf Bukarest blieben Tote liegen. Ihr Führer war ein muskulöses Mannsbild mit schwarzen Locken. Miron Cozma wurde 1999 für die Mineriade von 1991 verurteilt, 2004 von seinem Schutzherrn, dem damaligen Präsidenten Ion Iliescu, begnadigt, saß später 13 Monate für die Mineriade von 1999 ab. Das Betreten des Schiltals wurde ihm verboten. Er ist heute ein Star der Boulevardmedien, wegen seines angeblichen Reichtums und seiner Liebe zum Ex-Model Marinela.

Nun erwarte ich den 63-Jährigen zwischen monströsen Bukarester Wohnblöcken. Seine langen Locken sind pechschwarz nachgefärbt, die Nase ist scharf geschnitten, der Blick stechend. Blaues Hemd, gemusterte Krawatte, den schwarzen Anzug behauptet er seit 19 Jahren zu tragen. Ein Nachbar spricht ihn hochachtungsvoll an.

Sein Schritt ist elastisch. Er bringt mich hoch hinauf in eine Wohnung. Die Fenster werden von Topfpflanzen blockiert, die nach meinem Dafürhalten anderswo gewachsen sind. Vor der Fensterfront im Wohnzimmer versperrt eine seltsam tangentiale Topfpflanzen-Reihe den Zugang zum Balkon. Die Wohnung wirkt nicht so richtig bewohnt: einige Kartons; ein Kleiderständer mit Hemden und Anzügen; ein meterhoher Stapel mit seinen »Dossiers«; ein halb so hoher mit seiner »Poesie«.

Er zeigt mir sein Schlafzimmer. Auf dem Doppelbett liegen Ikonen, auf dem Billigregal daneben Fotos seiner Eltern, seiner selbst und weitere Ikonen. »Leben Sie allein hier?«, frage ich ihn. Cozma, neuerdings auch »Präsident der christdemokratischen Bergarbeiter-Convention Heilige Barbara«, antwortet: »Marinela ist seit 2016 weg. No money, no honey.« - »Traurig darüber?« - »Ich bin sehr stark.«

Dann redet er unermüdlich auf mich ein, mit dröhnender Stimme und wilden, zackigen Gesten. Er behauptet, nicht einmal die Couch, auf der wir sitzen, gehöre ihm; eine »befreundete Dame« lasse ihn gratis hier wohnen. Seine Rente liege unter 400 Euro, er fahre einen Dacia Logan. Er zeigt auf die nackte Glühbirne an der Decke: »Siehst du?«

Schnell wird mir klar, dass ich mit einem Verrückten allein bin. Einmal unterbricht er sich warnend: »Vorsicht vor mir! Ich lüge nicht!« Ein andermal sagt er: »Ich bin kein Rumäne, ich bin Daker. Rumänen sind Diebe.« Ansonsten positioniert er sich als tiefchristlich-linksradikaler internationalistischer Antikommunist.

Er bereut nichts, schon gar nicht die Mineriaden, zumal »dieser Begriff nicht existiert«. Nach langem Nachfragen gibt er Tote zu, schuld seien aber Securitate-Leute gewesen, eingeschleust von seinem »Gegner« Iliescu. Ich frage: »Stimmt es nicht, dass Ihre Bergarbeiter 1990 auf dem Bukarester Universitätsplatz ›Tod den Intellektuellen!‹ brüllten?« - »Aber wo, ich bin selber ein Intellektueller! Ich war einer der fünf ersten DJs von Rumänien!«

So schreit er weiter auf mich ein, so nah, dass ich ihn riechen kann. Als er einsaß, hätten Menschen in 121 Ländern für ihn demonstriert, »mehr als für Nelson Mandela! Alle Gewerkschaften der Welt sind für mich! Und die deutschen Grünen!« Er habe in Brüssel eine Demo für Kuba und Venezuela organisiert, habe die europäische Bewegung für Lateinamerika angeführt, »Obama kam erst nach mir!« Er habe mit Nicolas Cage und der Tochter von Che Guevara zusammengearbeitet. 20 000 rumänische Ungarn hätten Eintritt bezahlt, um ihn in einem Stadion zu sehen. Er zeigt mir Aktenordner voller Briefe und Artikel. Ein Brief der französischen Gewerkschaft Force Ouvrière scheint tatsächlich Cozmas Freilassung zu fordern. Auf einem Foto ein Transparent: »Liberez Miron Cozma!« Als ich ein russisches Unterstützungsschreiben studieren will, blättert er hastig weiter.

Am häufigsten betont Miron Cozma, wie sehr ihn die Rumänen lieben. Sie hätten eine »Cozma-Ballade« für ihn gedichtet, und laut einer Umfrage fänden ihn 56 Prozent gut oder sehr gut. Er will daher nicht mehr mit der Splittergruppe »Sozialdemokratische Arbeiterpartei« herumstreiten, sondern aufs Ganze gehen: »Ich werde wie Lincoln für die Präsidentschaft kandidieren. Ich weiß, dass der Herrgott mit mir ist.«

Am Ende bringt er mich wieder runter. Im kalten Licht des Treppenhauses nehmen seine scharfen Gesichtszüge etwas Diabolisches an. Ich wundere mich, dass ich ihn erst jetzt zu fürchten beginne.

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