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Demokratie nur noch verpixelt

Ein Dokumentarfilm beleuchtet die Repression gegen die G20-Gipfelproteste von Hamburg

  • Von Ralf Hutter
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Hund liegt im öffentlichen Raum auf dem Boden, im Hintergrund sind Menschen. Die Kamera fixiert den Hund einige Sekunden lang, doch seine Augen sind von einem filmisch drübergelegten schwarzen Balken verdeckt. Der Hund, der doch rein gar nichts tut, wird anonymisiert.

Die Szene ist einer der wenigen Akzente, die Lars Kollros in seinem kürzlich erschienenen Dokumentarfilm »Festival der Demokratie« setzt. Der Autor wirft darin Polizei und Hamburger Senat eine (zum Teil gesetzlose) Eskalation der Gewalt und Grundrechtsbrüche bei den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor. Allerdings bleibt der Film unter den Möglichkeiten, die das Thema bietet.

Eine Ausnahme ist die Szene mit dem Hund. Sie spricht filmisch eine nachträgliche Erkenntnis zum Hamburger Protestgeschehen an. Kollros hat eine ganze Woche lang gefilmt, nach einigen Tagen begleitet von einer ebenfalls filmenden Partnerin. In den vielen Aufnahmen verschwimmen die mal kleinen, mal großen Gruppen der Protestierenden aber fast immer zu einer etwas amorphen Masse - denn sie sind verpixelt. »Da die Staatsanwaltschaft und die Justiz in Hamburg schon die Teilnahme an einer Demonstration kriminalisieren, wurden in diesem Film Personen unkenntlich gemacht«, ist zu Beginn zu hören. In Sachen Rondenbarg-Demo sieht die Staatsanwaltschaft schon durch die bloße Teilnahme den Tatbestand des Landfriedensbruch als erfüllt an, wofür sie aber einen Präzedenzfall anwendet, der sich explizit nicht auf politische Demos, sondern auf Hooligangewalt bezieht. Selbst die Großdemo am Ende der Gipfelproteste ist im Film verpixelt.

Lars Kollros erzählt im nd-Gespräch, dass er »aus der Welt der Kurzfilme« kommt und beim G20-Gipfel eigentlich mit kurzen Videos eine schnelle Gegenöffentlichkeit bei der Protestberichterstattung schaffen wollte. Angesichts der Ereignisse entwickelte er die Idee für einen Langfilm, sagt der 1979 geborene Autodidakt, der in Hamburg bei einer Filmproduktionsfirma arbeitet und seit dem vergangenen Herbst in Wien Videokunst studiert. Ein Crowdfunding, das über 9000 Euro erbracht hat - und weiterläuft -, sicherte die Finanzierung von »Festival der Demokratie«. Nun wird der Film bundesweit gezeigt, der Autor ist oft dabei.

»Es soll kein neutraler Film sein«, sagt Lars Kollros offen. Sein Ansatz: Protest- und Gewaltbilder wechseln sich ab mit Auszügen aus fünf nachträglichen Interviews. Zu Wort kommen Christiane Schneider, die Linksfraktionsvorsitzende in Hamburg; Thomas Wüppesahl von der Bundesvereinigung kritischer Polizisten; ein Anwalt, der beim Gipfel im Polizeigewahrsam arbeitete; ein Protestmitorganisator aus den Reihen der linksradikalen »Interventionistischen Linken« (IL) sowie ein Bewohner des Schanzenviertels. Sie alle kritisieren aufgrund eigener Anschauung, parlamentarischer Erkenntnisse und Insiderwissens das Vorgehen der Polizei gegen die Gipfelproteste, angefangen bei der Auswahl des Gesamteinsatzleiters Hartmut Dudde, über die Repressalien vor der Protestwoche bis hin zur nachträglichen Rechtfertigung der Polizeigewalt, die Schneider teils als unwahr und »Verhöhnung der Öffentlichkeit« bezeichnet.

Den damaligen Regierenden Bürgermeister und jetzigen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat Kollros übrigens ebenfalls angefragt, berichtet er, aber keine Antwort erhalten. Polizisten habe er nicht angefragt, denn die würden ihre Position gefährden, wenn sie etwas Kritisches sagen, meint er. Zudem sollte der Film »so schnell wie möglich fertig werden«.

Das Ergebnis ist zwiespältig, denn Kollros lässt nur Bilder und die fünf Interviewten sprechen, umgeht also eine genauere Rekonstruktion einzelner Situationen. Das liefert wenig Neues - insbesondere zu einem von der breiten Öffentlichkeit bisher wenig beachteten Punkt: dem Angriff auf den hinteren Teil der Demo »Welcome to Hell«. Bisher kursiert die - wenn auch vielfach angegriffene - Polizeiversion, die Demo sei wegen Vermummung an der Spitze gestoppt, dann gewalttätig und deshalb aufgelöst worden. Das wird noch unglaubwürdiger, wenn - wie mehrere Berichte bezeugen - auch der weder vermummte noch organisiert auftretende Schwanz der Demo von der Polizei attackiert wurde. Dieser befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs noch am Auftaktort.

Kollros erklärt also selbst nichts, überfordert aber andererseits Unbeleckte damit, dass er die ganze Protestwoche abbilden will. Täglich andere Aktionen von unterschiedlichen Gruppen mit unterschiedlichem Verlauf - wer nicht schon Bescheid weiß, muss wohl den Überblick verlieren. Weniger wäre mehr gewesen, also eine Konzentration auf die Analyse von Polizeigewalt, ohne alle Protestaktionen anzusprechen. Den Autor selbst bedrohten am Abend des letzten Protesttages mehrmals Polizisten wegen des bloßen Filmens, wie er erzählt: »Da ist die Stimmung krass gekippt.«

Das von Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) im Vorfeld angekündigte »Festival der Demokratie« hätte besser verfilmt und recherchiert sein können. Der gleichnamige Film zeigt aber immerhin: Ab sofort ist Demokratie ohne Verpixelung riskant.

Vorführungstermine unter www.festival-der-demokratie.de

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