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Mehr als nur Robin Hood

Die anarchistische Gruppe Rouvikonas organisiert spektakuläre Aktionen und verteilt nebenbei Medikamente

  • Von John Malamatinas
  • Lesedauer: 4 Min.

»Rouvikonas? Ich liebe Rouvikonas. Sie setzen sich wenigstens für mich ein«, sagt ein Mensch mittleren Alters gegenüber dem konservativen Sender »Skai« in Griechenland. Gemeint ist eine anarchistische Gruppe, die in den vergangenen Jahren mit ihren Besetzungsaktionen in dem nach wie vor krisengeplagten Mittelmeerland für Furore gesorgt hat. Mittlerweile wird in Umfragen sogar bestätigt, dass Rouvikonas, deutschsprachig »Rubikon«, bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde. Wer ist diese Gruppe, die sich als griechischer Robin Hood ausgibt?

Rouvikonas trat zum ersten Mal 2015 in Erscheinung mit der Besetzung der Zentrale der Regierungspartei Syriza. Etwa 40 Aktivisten entrollten am Gebäude ein Transparent gegen den Bau von neuen Hochsicherheitsgefängnissen. Wenige Tage später erschien die Gruppe sogar vor dem Haus von Premier Alexis Tsipras. Und schon kurze Zeit danach drang sie auf das Gelände des griechischen Parlaments vor - und behauptete in einer Erklärung, dass sie, wenn sie gewollt hätte, auch in das Parlament selbst gekommen wäre.

Sehr schnell richteten sich ihre Aktionen nicht nur gegen die aktuelle Regierungspartei. Im Mai 2015 besetzten die Aktivisten die Athener Zentrale von Siemens und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift »Keine Verhandlungen mit dem lokalen und internationalem Kapital«. Im Laufe der nächsten Jahre multiplizierten sich die Interventionen: Auch neoliberale Medien oder staatliche Einrichtungen wurden angegriffen. Wird ein Tod eines Arbeiters zum Arbeitsunfall erklärt, ein korrupter Arzt in den Medien bekannt oder Schmiergeldzahlungen zwischen Wirtschaftsvertretern und Politikern öffentlich - wie jüngst bei dem Schweizer Pharmakonzern Novartis -, kann damit gerechnet werden, dass Rouvikonas das Thema aufgreift.

Das Muster der Aktionen wiederholt sich: Eine Gruppe von etwa 15 bis 40 Personen taucht auf, dringt ins Gebäude ein, entrollt ein Transparent, wirft Flyer - je nach Lage wird eine offensivere Aktion gewählt. Mal wird Farbe an die Fassade des Gebäudes geworfen, oder es kommt zum Glasbruch. Jede Aktion wird auf dem eigenen Youtube-Kanal dokumentiert und in den sozialen Medien aufgegriffen. In den meisten Fällen schaffen es die Aktivisten, vor dem Eintreffen der Polizei zu flüchten. Um zu verhindern, dass seine Mitglieder ins Gefängnis gehen, wechselt Rouvikonas die Angreifer oft aus.

Der Name Rouvikonas ist inspiriert von dem historischen Grenzfluss Rubikon in Italien. Julius Caesar überschritt im Jahre 49 vor Christus mit seinen Truppen das Gewässer - gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung an den Römischen Senat. Caesar war sich bewusst, dass es ab diesem Punkt kein Zurück mehr gab, was er mit den Worten »Der Würfel ist geworfen worden« zum Ausdruck brachte. Die lebendige Überzeugung von Rouvikonas ist, dass Griechenland seinen »Rubikon« überschritten hat, als es im März 2012 sein zweites Rettungsabkommen mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds unterzeichnete.

Rouvikonas steht in einer langen Tradition des Anarchismus in Griechenland, die bis in die 70er Jahre zurückreicht. Die meisten Gruppen von Anarchisten operieren im Untergrund, die Zahl ihrer Mitglieder sind beschränkt. Sie lehnen in der Regel Lorbeeren für ihre Angriffe ab, zu denen unter anderem die Zerstörung von Geldautomaten oder Auseinandersetzungen mit der Polizei gehören.

Die neue Gruppe in Griechenland unterscheidet sich davon nicht nur in ihrer Offenheit, sondern auch in ihrer Handlungsvielfalt. Sie beteiligt sich auch an Demonstrationen, organisiert Veranstaltungen und leistet Theoriearbeit. Mitglieder von Rouvikonas kämpften im syrischen Bürgerkrieg aufseiten der kurdischen YPG-Miliz. Bekannt ist die Gruppe zudem für soziale Aktivitäten, etwa das Verteilen von Medikamenten oder Nahrungsmitteln - als Gegenmodell zu den Aktionen der neonazistischen Partei Goldene Morgenröte, die nur an weißhäutige Griechen verteilt.

Seit der ersten Aktion ist das anarchistische Projekt fester Bestandteil der politischen Landschaft des griechischen »Krisenlabors«. Dabei fehlt nicht die Hetze aus rechten Kreisen: Der Vorsitzende der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia, Kyrgiakos Mitsotakis, erwähnt Rouvikonas in jeder dritten Rede. »Der Polizei werden klare politische Anweisungen gegeben, bei solcherart Phänomenen nicht zu stören, die uns in vielen Fällen international blamieren«, so der Politiker in einem Interview gegenüber CNN. Syriza zeige gegenüber Rouvikonas seiner Meinung nach Toleranz, weil viele Menschen mit solchen Praktiken sympathisieren würden - »Chaos« regiere als Folge das Land.

Die Räumungen von besetzten Häusern in Griechenland in den vergangenen Jahren könnten als Machtdemonstration der Regierung gewertet werden. Möglicherweise will sie so beweisen, dass sie auf dem anarchistischen Auge nicht blind ist. Tatsächlich sind Mitglieder von Rouvikonas in der Vergangenheit schon öfter in Gewahrsam gekommen, Polizei und Justiz sehen sich aber nicht in der Lage die Aktionen langfristig zu unterbinden. Aber sie machen Fortschritte: Im März wurde bekannt, dass ein Prozess gegen zwölf identifizierte Mitglieder von Rouvikonas eröffnet wird. Die Vorwürfe: Sachbeschädigung, der Einsatz illegaler Gewalt und Landfriedensbruch. Darunter fällt auch eine der spektakulärsten Aktionen, die Beschädigung des Zauns an der Residenz des deutschen Botschafters.

Syriza befindet sich in einer schwierigen Position: Wie kann man eine in nicht unwesentlichen Teilen der Bevölkerung beliebte Gruppe ausschalten, ohne noch mehr Zustimmung zu verlieren? Unbestritten ist: Trotz Prozessen und Kriminalisierung hält Rouvikonas weiter an seinem Motto fest - »Kein Zurück«.

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