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Auf eine Suppe in Karlshorst

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Restaurant, das sich für die täglich ins Büro pilgernden Angestellten komplett verschließt, hat ein gewagtes Konzept gewählt. Geöffnet ist das »Dampf und Zucker« in Karlshorst montags bis freitags zwischen 11.30 und 16.30 Uhr. Mutig muss man das Konzept nennen. Ausgeschlossen sind die, die früh auf dem Weg zur Bahn noch schnell einen Kaffee holen wollen, zu spät dran sind die, die sich als zähe Masse nach 18 Uhr aus den S-Bahnwaggons drücken, um sich über die Treskowallee hinweg langsam zu verflüssigen.

Den Öffnungszeiten geschuldet, sind im »Dampf und Zucker« vor allem Elternzeitmenschen anzutreffen. Was in Prenzlauer Berg durch Poller verhindert werden sollte, ist hier zum Statement geworden. Kinderwagen gehören zum Interieur, niemand beschwert sich, keiner grummelt vor sich hin, Platz ist irgendwie immer, auch wenn der Rückbildungskurs von nebenan ausgerechnet mittags endet.

Jeden Tag präsentiert der Laden zwei verschiedene, selbst gemachte Suppenkreationen, über 100 Rezepte sind so in den letzten Jahren entstanden. Schon die Namen machen willenlos: Blumenkohlcreme mit Ofenaubergine, Kichererbsen-Kokos-Topf, persische Joghurtsuppe, Kichererbsen-Spinattopf mit Kurkuma. Kurz bevor der Laden öffnet, posten die Köche Bilder ihrer Kreationen bei Facebook oder Twitter. Die alleine sind Kunst, ohne je die Suppe gegessen zu haben. Curry und Lauch verbinden sich zu einer Farbsymbiose, Nudeln und Erbsen in perfekter Symmetrie. Die Suppenschalen gibt es in zwei Größen- und Preisklassen. Wer zu spät kommt, kann Pech haben, die Töpfe sind nicht unerschöpflich.

Wer die Suppe immer unterschätzt hat, sie für eine Vorspeise, aber keine vollwertige Mahlzeit hielt, der wird hier, in der Dönhoffstr. 7, seine Ignoranz bis zum kalten weißen Schalenboden auslöffeln müssen. Die Kartoffelstücke sind grob geschnitten, schmecken kräftig, sind keine fisseligen kleinen Bröckchen, die auch Styropor sein könnten, wie man Kartoffeln aus Mensen kennt. Paprika und Schoten sind beim Köcheln knackig geblieben.

Wer den großen Teller geschafft hat, wird sich unweigerlich der Kuchenvitrine widmen müssen, an der man ständig auf dem Weg zum selbst gebackenen Sauerteigbrot vorbeiläuft, das es am Tresen gibt. Im Glasschränkchen präsentieren sich weitere Köstlichkeiten: New York Cheesecake, Karottenkuchen, Apfeltarte. Natürlich selbst gemacht.

Das Publikum ist angenehm unhip, warum sollte es auch anders sein. Karlshorst halt. Die Einrichtung tut es dem gleich. Backsteinwände und Holztische, ein paar Bücher an der Wand, Magazine liegen aus.

Alles ist so liebreizend präsentiert und gemacht, dass es einen überhaupt nicht wundert, dass eines Tages die Suppen, in Einmachgläser verpackt, vor der Tür standen, mit dem Hinweis, der Laden müsse wegen Krankheit heute geschlossen bleiben. Man solle aber wenigstens die Gläser wieder zurückbringen.

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