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Ein Wandbild und der Antisemitismus

Demonstration vor dem Parlament in London gegen Labour-Führer Jeremy Corbyn

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vor dem Parlament haben am Dienstag Hunderte Londoner demonstriert, zur Freude des stockkonservativen hauptstädtischen Blattes »Daily Telegraph«, der ihnen zwei volle Innenseiten widmete. 15 Labour-Abgeordnete waren dabei, darunter Yvette Cooper, Vorsitzende des Innenausschusses, die einstige Schattenkabinett-Gesundheitsministerin Luciana Berger (Liverpool Wavertree) und Louise Ellman ( Liverpool Riverside), geboren in einer britisch-jüdischen Familie. Diesmal ging’s nicht um Brexit, Austeritätspolitik oder Mordversuche an einem russischen Spion, sondern um den Vorwurf des Antisemitismus. Ausgerechnet gerichtet an die linke, antiimperialistisch gesinnte Labour-Opposition unter Corbyn.

Dazu aufgerufen hatten die jüdischen Organisationen Board of Deputies of British Jews und Jewish Leadership Council, die dabei auch an Corbyns einstige Einladungen an Vertreter von Hisbollah und Hamas zum politischen Dialog erinnerten, sowie an dessen Gespräch mit dem Holocaust-Leugner James Thring. Sie monierten auch Corbyns Lob für eine Wandmalerei in Ost-London: Mit vermeintlich »jüdischen« Merkmalen ausgestattete Bankiers spielten dort Monopoly auf den Rücken der Armen.

Der Labour-Chef hatte das Machwerk auf seiner Facebook-Seite wohl nur flüchtig angesehen und reflexartig die Vorzüge der künstlerischen Freiheit hervorgehoben, zweifellos ein Fehler. Am schlimmsten jedoch wog jedoch Corbyns gemeinsames Teetrinken mit dem Islamisten Sheikh Raed Salah, der laut »Telegraph« behauptet, Juden würden Christenblut trinken. In der Tat ein gefährlicher Schwachsinn, von dem sich nicht nur Corbyn hätte distanzieren sollen.

Doch ist dies nicht die ganze Geschichte. Zwar betonen die offiziellen Vertreter der jüdischen Organisationen, dass es zwischen Judenhass und Israelkritik einen klaren Unterschied gibt, Letztere sei durchaus zulässig. Doch ging es nach Aussage vielen Demonstranten weniger um Corbyns Fehlurteile als um sein langjähriges Eintreten für die Sache der von rechten Siedlern und der israelischen Armee unterdrückten Palästinenser.

Die Liebe vieler britischer Jüdinnen und Juden zu Israel als Zufluchtsort für Holocaust-Űberlebende und eigene Verwandte ist mehr als verständlich, ihr Misstrauen gegen einige Corbyn-Vertraute ebenfalls. Aber blinde Solidarität mit der Rechtsregierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und seiner Rechtsregierung, die von vielen seiner Landsleute in der Friedens- und Menschenrechtsbewegung abgelehnt wird, geht linken Corbyn-Anhängerinnen wie der im BBC-Fernsehen interviewten Jenny Manson viel zu weit. Die jüdische Labour-Aktivistin bescheinigte ihrem Parteichef, »keinen antisemitischen Knochen im Leib« zu haben und nahm an einer kleineren Pro-Corbyn-Demonstration vor dem Parlament teil.

Corbyn selbst fand starke Worte gegen den Antisemitismus, erinnerte an die durch die Labour-Baronesse Chakrabarti durchgeführte Analyse, die der Opposition eine relativ weiße Weste bescheinigt hatte. Er sprach von seinen Eltern, die 1938 mit den jüdischen und irischen Bewohnern der Londoner Hafenstraße Cable Street gegen Oswald Mosleys Schwarzhemden sowie die die Störer schützende Londoner Polizei demonstriert hatten. Doch übte er Selbstkritik und versprach Besserung. Antiimperialismus sowie Kritik an der fünfzigjährigen Besetzung und den Annexionsversuchen sollen nicht mehr in blanke antisemitische Stereotypen übergehen. Das ist gerade in den sozialen Medien leichter gesagt als getan. Fest steht jedoch: Antisemitismus ist nicht nur »der Sozialismus der Dummen«, nicht nur moralisch inakzeptabel: er könnte Labour bei der nächsten Wahl entscheidende Stimmen kosten. So gesehen spricht alles dafür, dass Corbyn die spät eingeschlagene harte Linie gegen Judenhass als Form des Rassismus beibehält und noch deutlicher ausdrückt.

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