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  • Kultur
  • Kinofilm "Vor uns das Meer"

Seemannsgarn

Im Kino: »Vor uns das Meer« ist eine Parabel auf den gesellschaftlichen Charakter der Lüge

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Schwächen dieses Films wären weniger ärgerlich, wenn er nicht so gut wäre. Das beginnt beim deutschen Titel, in dem der Schlüsselcharakter des originalen »The Mercy« missachtet wird, der mit »Begnadigung« oder »Erbarmen« gut übertragbar wäre. Das setzt sich fort bei der größerenteils schwachen Besetzung. Und reicht bis zum Drehbuch, dessen Anlage so grandios wie seine Ausführung synthetisch ist.

Erzählt wird das Schicksal des Seglers Donald Crowhurst, der vor bald 50 Jahren beim Versuch, die Welt zu umrunden, starb. Doch es ist kein Abenteuerplot, sondern die Geschichte eines Betrugs und seiner Folgen. Dramaturgisch luzide wird eine Art Logik der Lüge anschaulich. Don ist ein erfolgloser Geschäftsmann, der versucht, seine Situation mit dem Preisgeld einer Regatta zu lösen. Dabei übergeht er, dass ihm Erfahrung mit der hohen See fehlt, wie auch, dass das Geld aus ihm keinen besseren Geschäftsmann macht. Sein späteres Verhalten deutet sich hier schon an. Fehlende Einsicht in eigene Grenzen führt zur Ausweichhandlung, die das Problem auf einem anderen Feld zu kompensieren sucht. Alle Lösung ist immer nur Aufschub. »Er ist ein Mann«, sagt Donalds Frau Clare unfreiwillig doppeldeutig, »der immer einen Ausweg findet.«

Obwohl das Boot nicht ausgereift und die Ausrüstung ungenügend ist, sticht Crowhurst in See. Zu diesem Zeitpunkt schon handelt er nicht mehr frei. Die geweckten Erwartungen drücken ihn ebenso wie die Angst, alles zu verlieren, denn um den Stichtag halten zu können, hat er Liegenschaften und Firma als Sicherheiten eingesetzt. Seiner Frau verschweigt er das, was als initiale Lüge ebenfalls schon ein Handlungsmuster andeutet. Auf See erweist sich bald, dass Don nicht gewinnen kann; dennoch segelt er weiter, um das Gesicht zu wahren. Da sein Boot nicht hochseetauglich ist, verbleibt er im vergleichsweise ruhigen Atlantik. Er beschließt - die zweite, Dons große Lüge -, der Rennleitung falsche Positionen anzugeben, die den Eindruck einer Rekordfahrt erzeugen. Zu Hause entsteht Euphorie. Das Werbemärchen, das die bürgerliche Gesellschaft sich ununterbrochen selbst erzählt, vom Außenseiter, der allein durch seinen Willen siegt, begeistert die Medien, während Crowhurst vor der Küste Argentiniens die Zeit totschlägt.

Irgendwann wird ihm klar, dass der Schwindel aufliegen muss, spätestens wenn die Experten seine Logbücher prüfen. Er beschließt - Lüge No. 3 -, absichtlich zu verlieren, da bei den Verlierern wohl weniger genau hingesehen wird. So gerät, was überhaupt erst Grund für die Lüge war, zur Rettung vor ihr. Wie Richard III. eine ganze Handlung lang alles tut, das Königreich an sich zu reißen, und am Ende diesen ganzen Handlungsgrund für ein einziges Pferd opfern will, so opfert Don seinen Sieg, der ihm alles war, um nicht als Betrüger dazustehen. Nachdem die Konkurrenten allerdings nach und nach scheitern, bleibt ihm die Chance, sieglos heimzukommen, verstellt. Er ist zum Gewinnen verdammt, und sein Schwindel wird damit sicher auffliegen.

Don kann nicht zurück. Die einzig verbliebene Bindung zur Heimat ist die von ihm selbst entwickelte Rolle Seemannsgarn. Seine Manöver haben alles Wahrhaftige an ihm getilgt; er wird nur als Betrüger in Erinnerung bleiben. Die Lüge als Wahrheitsereignis, und es bleibt dem Mann, der immer einen Ausweg fand, als letzter Ausweg nur der Tod, den er als Gnade empfindet. Im Widerschein dieses Schicksals entscheidet sich Crowhurst ein letztes und erstes Mal für die Wahrheit. Er lässt die Tagebücher, die seine Lüge dokumentieren, an Bord zurück, wodurch alles herauskommen kann.

Was für eine Fabel, was für ein Stoff! Das verstörend tiefe Psychogramm eines zerbrechlichen Menschen und die große Parabel, die Lügen nicht bloß als individuellen Akt, sondern als gesellschaftliches Ereignis erzählt, greifen organisch ineinander. Zum einen wird das Individuum der bürgerlichen Gesellschaft skizziert, das, zu Voluntarismus und Self-made-Denken genötigt, nur nach vorn schauen darf und zu funktionieren hat, wenn es im buchstäblichen Sinne nicht untergehen will. Zum andern entsteht ein unwirklicher Kontrast zwischen dem dramatischen Jubel in der Heimat und der Langeweile an Bord, der exemplarisch ist: Ein gegebener Mythos wird zur strukturellen Lüge, die funktioniert, weil viele davon profitieren. Die Wahrheit liegt eingeschlossen auf einem kleinen Boot im Ozean, während die Lüge sich auf dem Festland zu einer Gegenwelt ausbreitet.

Dass diese Konstruktion so gut ins Hirn geht, ist auch den szenischen und spielerischen Qualitäten zu danken. Mit Colin Firth, dem charismatischen Spezialisten für gebrochene Rollen, gelang eine ideale Besetzung. Vom ersten Auftritt an legt er Crowhurst als unglücklichen Menschen aus, dem tiefe Traurigkeit im Gesicht steht. Wie ein Fluchttier hat er jederzeit die Umgebung im Auge, wirkt gequält, selbst wenn er gerade fröhlich ist. Besonders in der Boarding-Szene ist alles an ihm zögerlich und verunsichert; die schlechte Vorbereitung im Hinterkopf, kann er der festlichen Stimmung nicht beifallen, hat keinen Sinn für die Bitte seines Sohnes, einmal kurz das Schiff betreten zu dürfen, ist so in sich gekehrt, dass er nicht richtig Abschied nimmt von seiner Familie, was umso mehr bedrückt, als der Zuschauer schon weiß, dass dieser Abschied der letzte gewesen sein wird.

Der Fluch dieser Besetzung ist, dass der restliche Cast gegen Firths Genie abfällt. Das betrifft nicht nur Rachel Weisz, von der in puncto Charakterspiel ohnehin nicht viel zu erwarten war, sondern selbst einen Mark Gattis, dessen charismatische Kauzigkeit hier ganz beiläufig bleibt. Und auch die szenische Stärke hat ihre Kehrseite, indem bei der Konzentration auf das Verhältnis Meer - Festland übersehen wurde, dass die Fabel eigentlich eine triadische Struktur fordert. Donald hat nicht einen Gegenspieler - die Gegenwelt auf dem Festland -, sondern zwei: Eine dramatische Kollision ergibt sich ebenso aus dem Kampf mit seinem Boot. Es wäre ratsam gewesen, das Boot wie eine Figur zu behandeln, es ruhiger einzuführen, mehr aufs Szenenbild und die technischen Tücken zu verwenden. Viel zu schnell wird das Publikum in den Kahn geworfen, sodass ein Gefühl für die Architektur dieses wichtigen Handlungsorts kaum entsteht.

Ein Ärgernis ohne jegliche Kehrseite ist dann der Schluss. Anstatt auf See zu enden, wird der Film unfassbar geschwätzig und Instrument der eigenen Umdeutung. In einer selbstgerechten Rede klagt Clare die Meute der Journalisten an, was schon deshalb absurd wirkt, weil auch sie, wie eine Rückblende zeigt, Don überredet hatte, sein Vorhaben nicht aufzugeben. Nur spielt der Film mit diesem Widerspruch nicht, er übersieht ihn einfach. Und davon abgesehen, geben die Äußerungen kaum mehr als Gesellschaftskritik der gammligen Sorte. Zu prominent zeigt der Finger auf die Lügenpresse, als ob insbesondere sie Schuld sei, dass allenthalben alles der Idee des persönlichen Erfolgs untergeordnet wird. Diese Idee hat keine andere Funktion, als die Verantwortung von der Gesellschaft insgesamt weg auf den Einzelnen zu lenken, keine andere also als die, die auch die Rede selbst bedient, weshalb dieser Film über eine große Lüge, unfreiwillig, selbst mit einer Lüge endet.

»Vor uns das Meer« (»The Mercy«), Großbritannien 2018. Regie: James Marsh; Drehbuch: Scott Z. Burns; Darsteller: Colin Firth, Rachel Weisz, David Thewlis. 102 Min.

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