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Wer bin ich?!

Slavoj Žižek im Interview über Kommunismus, die DDR, falsches Bewusstsein sowie Marx, Hegel und Heidegger

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 17 Min.

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Herr Žižek, muss Wolfgang Fritz Haug sein »Historisch-Kritisches Wörterbuch« noch einmal aufmachen, um ihren philosophischen Leitbegriff der Disparitäten aufzunehmen?

Ich kenne Wolfgang Fritz Haug. Sein »Historisch-Kritisches Wörterbuch« ist ein großes, ehrgeiziges Projekt. Aber ich würde ihn nicht nötigen wollen, mir einen Eintrag zu gewähren.

Von Ungleichheit spricht schon Hegel im Vorwort seiner »Phänomenologie des Geistes« - dreimal. Ich nutze den Begriff, um die Inkongruenz unserer Wirklichkeit zu beleuchten, gleichzeitige Ungleichheiten. Disparität zielt auf ein Ganzes, dessen Glieder nicht zusammenpassen, ein künstlich Zusammengesetztes, dessen organische Einheit zerstört ist.

Es gibt kein gesellschaftliche »Wir«, wie in Sonntagsreden von Politikern oft zu hören ist und von Populisten vorgegaukelt wird.

Wir leben in einer total verrückten Situation. Einerseits ist klar, dass der Kapitalismus an seine Grenzen gestoßen ist, das gestehen sogar die Bosse der großen Kooperationen wie Facebook und Apple, Mark Zuckerberg und Bill Gates. Selbst Francis Fukuyama, der 1992 das »Ende der Geschichte« verkündete, ist kein Fukuyamist mehr. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, kann nicht überleben. Auf der anderen Seite müssen wir registrieren, dass die Linke keine Alternative anzubieten hat.

Haben Sie eine anzubieten?

Nein. Es ist aber unsere Aufgabe, Aufgabe der Marxisten, eine Alternative zu entwickeln. Wir müssen unsere Arbeit besser machen als alle Gates und Zuckerbergs dieser Welt. Nur so hat der Kommunismus eine Chance.

Sie glauben noch an den Kommunismus. Sie sind überzeugt, dass er machbar ist?

Ja, absolut. Nicht Sozialismus, sondern Kommunismus. Das sozialdemokratische Projekt ist gescheitert. Die ganze politische Szenerie wechselt. Wir haben nicht mehr einerseits die moderate Linke und andererseits die moderate Rechte. Wir haben ein neoliberales Zentrum, das prokapitalistisch ist, und um das Populismen kreisen. Der Populismus übernimmt stets dort das Feld, wo die wahre Linke fehlt, versagt, gescheitert ist. Das zeigt sich sehr deutlich in der Stimmungsmache gegen Immigranten. Oder in Trumps Politik. Er praktiziert einen »Sozialismus« für die Reichen.

Und doch glauben viele einfache US-Amerikaner, dieser Präsident würde endlich mal etwas für sie tun.

Das ist die Paradoxie der Gegenwart. Der rechte Populismus, ebenso in Deutschland, Frankreich und anderswo, gebärdet sich als Vorkämpfer für soziale Wohlfahrt, was früher das Privileg der Linken war. Man muss nach dem fundamentalen Unterschied fragen. Martin Schulz mag eine sympathische Person sein, aber das ist nicht genug. Und mit welch hehren Ansprüchen ist SYRIZA in Griechenland angetreten? Heute ist sie Vertreterin der Austeritätspolitik, weil das Establishment ihr gnädig erlaubte, in Regierungsmacht zu bleiben.

Der Sozialismus ist für Sie perdu?

Er vermag ebenso wenig wie der Kapitalismus die großen Probleme der Zeit, die ökonomischen, ökologischen, intellektuellen, zu bewältigen. Zum Beispiel das derzeitige Topthema: Die Immigranten werden als ein kommunales oder regionales Problem betrachtet, statt den globalen Ursachen auf den Grund zu gehen. Was geschieht warum in Jemen, in Syrien und anderswo? Anstatt diese Probleme zu diskutieren und zu lösen, wird ein künstlicher Konflikt konstruiert: »Die Migranten stehlen uns die Arbeitsplätze, bedrohen unsere Existenz.« Die Medien kolportieren diesen Quatsch auch noch. Das ist stupid und gefährlich. Die Herrschenden, die an der globalen Misere schuld sind, gebärden sich dann auch noch als Streiter gegen Rassismus und Unmenschlichkeit.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, heißt es bei Marx. Jene Menschen, die den Rechtspopulisten hinterherrennen, knabbern mehrheitlich nicht am Existenzminimum. Woher kommt dieses falsche Bewusstsein?

Wenn man Marx genau liest, und das sollte man, stößt man auf den Begriff des falschen Bewusstsein als Teil der ökonomischen Basis. Marx nutzt den Begriff als eine herrschaftskritische Kategorie. Aus dem Klassencharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse ergibt sich, dass die Gedanken jener Klasse, die Eigentümer der Produktionsmittel ist, auch die herrschenden Gedanken sind.

Manche Vertreter der Frankfurter Schule haben nur zwei, drei Kapitel von Marxens erstem Band des »Kapitals« gelesen, nicht die Bände 2 und 3, die extrem wichtig sind zum Verständnis der aktuellen Krisen.

Man hört oft, wir würden in einem postideologisches Zeitalter leben?

Das ist Quatsch. Ideologie ist Teil unseres gesellschaftlichen Seins. Die Deutschen haben damit aber offenbar ein besonderes Problem. Ich bemühe hier gern einen derben Vergleich: Im Gegensatz zu den französischen und amerikanischen Toiletten, wo die Scheiße sofort im Loch verschwindet, wird sie in deutschen Kloschüsseln aufgefangen. Die Deutschen können sich von ihrer Scheiße nicht so leicht trennen.

Man konnte das auch sehr gut nach der Wende in der DDR studieren - das heißt: wie Ideologie funktioniert. Die Ostdeutschen übernahmen ohne große Diskussionen das westdeutsche Modell. Es gab einige Utopisten, die meinten, dass der Zerfall der DDR die Chance für einen neuen Sozialismus biete. Sie waren weniger ideologisch als jene, die apologetisch das westliche System priesen und kritiklos annahmen. Die Utopier sahen klar, der Kapitalismus bringt neue Probleme, ist nicht die finale Lösung.

In Zeiten des sogenannten Endes der Ideologien präsentiert sich Ideologie gern als Anti-Ideologie: Wir akzeptieren nur Fakten, kümmern uns nicht um Ideen. Aber wie man Fakten oder angebliche Fakten serviert und akzeptiert, ist Ideologie. Die Herrschenden brauchen die progressiven Kräfte nicht direkt zu unterdrücken. Einfacher ist es, Hoffnung zu töten. Die herrschende Ideologie konfirmiert, adaptiert Ideen. Es wird nicht plump behauptet, der Kapitalismus sei das beste System. Nein, man räumt ein, dass er Shit ist. Aber man suggeriert: Es gibt keine Alternative, jede Alternative wäre schlimmer, bringt Gulag und so weiter. Man lässt keine Perspektive denken. Und da müssen wir ansetzen. Zurück zur Kritik der politischen Ökonomie.

Der Kapitalismus hat eine 500-jährige Geschichte hinter sich, der »reale« Sozialismus existierte nicht einmal ein Jahrhundert.

So ist es. Uns Marxisten mangelt es noch an einer exakten Analyse, warum der Sozialismus unterging. Ich habe gute Freunde, die in der DDR Wunderkinder der Computerisierung waren, Programme entwickelten. Sie erläuterten mir die Tragödie der DDR. Ulbricht war eigentlich begeistert, besessen …

... von der Kybernetik, für die sich nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Arbeiter, LPG-Bauer, Kindergärtnerinnen interessieren sollten und die auch im FDJ- und Parteilehrjahr Pflichtlektüre war.

Es funktionierte nicht. Kybernetik war ein neues Produktionsmittel und die gesellschaftlichen Verhältnisse waren nicht fähig, es zu adaptieren. Auch die marxistischen Erklärungsdissidenten - »Bla, bla, bla ...« - hatten zur neuen Stufe der Produktionsverhältnisse nichts zu sagen. Die Digitalisierung von Sozialismus und Kommunismus konnten sie nicht denken.

Sie denken gern an die DDR zurück?

Ich bin kein DDR-Nostalgiker. Aber ja, ich mag beispielsweise den Film »Die Legende von Paul und Paula«. Während er in einer Versammlung sitzt, sinniert sie in einer Cafeteria: »Fuck, wer ist dieser Mann, den ich gern bumsen möchte?« Sie ist überhaupt nicht puritanisch, entspricht ganz und gar nicht dem Frauenbild, das man heute wieder propagiert. In »Paul und Paula« begehren sich Mann und Frau. Wunderbar.

Die DDR war nicht prüde, bigott. Der Umgang mit Homosexualität war liberal. Johannes R. Becher war gay. Hätte man Homosexualität verfolgt, wären viele talentierte Menschen nicht in führenden Positionen gewesen. Die Homosexuellen in der DDR waren deshalb keine Dissidenten.

Auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ich bestreite vehement, dass das Leben in der DDR grau und düster war. Es gab ein wahres, authentische Leben. Konrad Wolf hat in »Solo Sunny« ein exzellentes Porträt des Alltags in der DDR geschaffen. Der Film war nicht antikommunistisch, aber extrem kritisch.

Ebenso die Literatur.

Ich werde Sie jetzt gewiss schocken, weil Sie das von mir vielleicht nicht erwarten: Für mich ist nicht so sehr Christa Wolf die herausragende Literatin der DDR, obwohl ich große Sympathien für sie hege. Es war unfair, wie man sie als Kollaborateurin denunzierte, weil sie als junge Frau einige Monate für die Stasi berichtete. Was sie berichtete, war für den Geheimdienst total nutzlos, Man ließ sie gehen. Ihre Karriere war aber ruiniert. Sie erhielt nicht den Literaturnobelpreis, der ihr zugestanden hätte. Dennoch ist für mich Heiner Müller wesentlich spannender. Und Brigitte Reimann - oh mein Gott, oh mein Gott, was für eine großartige Frau!!! Ich las ihre Tagebücher, die ehrlichste Nahaufnahme der DDR-Wirklichkeit. Und »Franziska Linkerhand« ist das größte unvollendete dramatische Werk, das ich kenne.

Die Schriftsteller der DDR wollten nicht umstürzlerisch wirken, sondern etwas zum Positiven wenden.

Ihnen war es nicht erlaubt, gesellschaftliche Probleme direkt anzusprechen. Sie umgingen das Verbot, indem sie - und auch das mag ich an der DDR - antike Texte wiederbelebten, um ihre eigene gesellschaftliche Realität zu reflektieren. Beispielsweise Christa Wolf mit »Kassandra« und »Medeas Stimmen«. In der Maskierung wurde die Gegenwart demaskiert. Und nebenbei erfuhr die antike Literatur eine Renaissance.

Interessant ist für mich auch, was in der DDR von den Werken der Weltliteratur erlaubt war und was nicht. Unglücklicherweise war Franz Kafka verboten, den Bert Brecht als einzigen marxistischen Romancier adelte. Was die Klassik betrifft, befremdete mich, dass Heinrich von Kleist erlaubt war, an dessen Arminius- und Germania-Huldigung nationalistische und chauvinistische Kreise in Deutschland anknüpften. Schiller wurde gehuldigt, ungeachtet dessen, dass sein »Lied von der Glocke« faschistoid ist. Besungen wird die patriarchalische Familie mit dem arbeitsamen Mann und der züchtigen, braven, treuen und umsichtigen Gattin, Hausfrau und Mutter. Die Französische Revolution von 1789 erscheint als eine Horror verbreitende Frau, eine hysterische Hyäne.

Tatsächlich haben die Frauen der Französischen Revolution wie Olympe de Gouges auch für sich Rechte eingefordert - und wurden guillotiniert. Von den Revolutionären. Weil sie sich in »Männerangelegenheiten« einmischten.

Revolutionäre können auch borniert sein. Übrigens, die kluge deutsche Jakobinerin Caroline von Schlegel teilte ihrer Tochter 1799 in einem Brief mit: »Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen.«

Die Feminisierung revolutionären Furors kann man auch bei der Oktoberrevolution beobachten. In Memoiren weißgardistischer Offiziere stößt man immer wieder auf das Bild einer grausam-wütenden Rotgardistin oder Polit-Kommissarin. Das waren emanzipierte Frauen. Die brauchten keine MeToo-Debatte.

Was haben Sie gegen MeToo?

Das Problem von MeToo ist, dass diese Bewegung legalistisch und scheinheilig ist. Die MeToo-Debatte tangiert nur Movie-Stars.

Und Porno-Stars. Donald Trump hat ein neues Problem.

Er hat viele Probleme. Vor allem dass er sein eigener Witz ist, den Karikaturisten und Komiker nicht toppen können. Zu MeToo: Nicht beachtet werden die Hunderttausenden einfachen Frauen, die täglich terrorisiert werden von ihren Ehemännern, Vätern, Brüdern. Die Debatte, so befürchte ich, schränkt sexuelle Freiheit ein. Jede Frau, jeder Mann, der für einen One-Night-Stand eine Bar aufsucht, macht sich verdächtig. Frauen können nicht mehr enthusiastisch sagen: »Ich will jetzt Sex haben.« Das ist doch verrückt. Kein Mann traut sich mehr, eine Frau, die er begehrt, anzusprechen. Er muss brav warten, bis diese ihn selbst auffordert. Das geschieht in der Regel nicht. Wir brauchen keine neuen Gesetze, sondern eine neue Ethik, oder wie Hegel es nannte: Sitten.

Wir fanden in der DDR die Praxisphilosophie sehr spannend, deren »Akropolis« die kroatische Insel Korčula war. Ist sie mit den damaligen Protagonisten gestorben?

Sie hatte auch keine richtige Alternative anzubieten. Ihr »humaner Sozialismus« oder »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« war zu wenig. Sie gibt es nicht mehr. Sie war außerdem, wie ich es nenne, eine offizielle Opposition, wurde von Staat und Partei toleriert, da sie nicht gefährlich war, für den ideologischen Apparat sogar nützlich.

In den sozialistischen Staaten war es Privatsache, was man glaubte. Als entscheidend wurde angesehen, was man in der sozialen Praxis tat und sagte. In Jugoslawien war es im letzten Jahrzehnt vor dem Fall des Eisernen Vorhangs sogar eine Bedingung, die offizielle Ideologie nicht ganz ernst zu nehmen, vielmehr eine gewisse Distanz zu zeigen, um in die Nomenklatura aufgenommen zu werden. Welch wunderbare Ironie.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, man sollte Heidegger nicht kriminalisieren. War nicht seine Antrittsrede als Rektor der Freiburger Universität vor 80 Jahren, im April 1933, seine Anbiederung an die Nazis kriminell?

Nicht kriminalisieren heißt nicht, dass man nicht kritisieren darf. Martin Heidegger ist zweifellos eine sehr umstrittene, diskussionswürdige Person. Als 2014 die ersten Bände seiner »Schwarzen Hefte« erschienen, flammte die Debatte um ihn neu auf. Sein Antisemitismus wurde bestätigt. Ganz schlimm: 1942 bezeichnet er die Auslöschung der europäischen Juden als Akt jüdischer Selbstvernichtung, die Juden selbst seien die treibende Kraft zu ihrer Eliminierung. Zugleich konnte man den »Schwarzen Heften« entnehmen, dass er zunehmend Zweifel in Bezug auf Hitler und das NS-Regime hegte, aber nicht wegen deren Tun, deren Verbrechen, sondern ihres Nihilismus gleich dem in der westlichen Welt. Heideggers Gedankengebäude ist unentscheidbar, lässt unterschiedliche politische Lesarten zu. Ich bin aber dagegen, ihn aus dem akademischen Kanon zu verbannen. Man sollte stattdessen fragen, wie es dazu kam, dass ein klassischer Philosoph sich für die Nazis engagieren konnte.

Da sind Sie auch überkreuz mit Jürgen Habermas.

Ja. Die »Dialektik der Aufklärung«, für die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer stehen, geht davon aus, dass es sich beim faschistischen Terror, beim Holocaust nicht um Relikte einer barbarischen Vergangenheit handelte, sondern um Phänomene eines dem Projekt Aufklärung immanenten Antagonismus. Das leugnen die Habermasianer; für sie ist das Projekt Aufklärung lediglich noch nicht vollendet. Sie erkennen nicht, dass auch die Aufklärung ein zerstörerisches Potenzial in sich birgt. Sie akzeptieren nicht die Spannungen in der Moderne. Ich habe aber noch ein anderes Problem mit der Frankfurter Schule.

Sie haben viele Probleme mit dieser »Schule«.

Nein, Adorno schätze ich sehr.

Und Herbert Marcuse nicht?

Auch, aber er wusste nicht so recht, wie mit dem Stalinismus umzugehen ist. Wir Marxisten - und das ist für Ihre Leser wichtig - müssen uns mit dem Stalinismus ernsthaft beschäftigen, dürfen das Thema nicht den anderen überlassen, den Liberalen und den Antikommunisten.

Aber zurück zu Habermas. Wenn Sie alle seine Werke lesen, Sie würden nicht auf die Idee kommen, dass es einmal zwei Deutschlands gegeben hat. Er erwähnt die deutsche Zweistaatlichkeit überhaupt nicht. Er drückt sich vor einer Diskussion, die heute mit der Revitalisierung der Totalitarismustheorie wieder ganz wichtig ist. Was war der Faschismus? Was der Stalinismus? Was bedeutet Kommunismus? Ein Zeichen für den ideologischen Rückwärtstrend ist, dass man von Extremismen spricht, rechter wie linker - das sei einerlei. Faschismus und Kommunismus das Gleiche. Der Kommunismus erschien vor dem Faschismus, habe diesen animiert. Mussolini war Sozialist, Hitler Nationalsozialist. Und eigentlich habe der Faschismus nur ein größeres Übel, den Kommunismus, zu verhindern versucht. Was für krude, abstruse Gedanken!

Linke haben sich schon auf vielfältigste Weise mit dem Stalinismus befasst.

Nicht genug. Unzureichend. Die Linken sind der herrschenden Ideologie noch nicht gewappnet. »Das Leben der Anderen« haben Millionen gesehen, er bekam einen Oscar. Der Film gilt als antikommunistisch, ist aber nur naiv. Ein Stasi-Minister ordnet die Observation eines Schriftstellers an, dessen Frau er bumsen möchte. Was für eine einfältige Sicht. Ein Übel muss eine unanständige Ursache im privaten Bereich haben, und das ist immer Sex oder Geldgier. Das war aber nicht das Problem der DDR. Im Gegenteil, jeder konnte, wann auch immer, Sex haben. Die Frauen wählten sich ihre Partner selbstbestimmt. Dieser Film ist nicht ernst zu nehmen. Anders verhält es sich mit »Good Bye, Lenin!«, zugegeben, auch naiv, aber wahrhaftiger. Die These dieses Films ist nämlich: Die einzige Möglichkeit, ein ehrlicher Kommunist zu bleiben, ist es, verrückt zu werden. (lacht)

Kennen Sie den Film »Der Zug«?

Nein, habe ich nicht gesehen.

Ein Koproduktion aus dem Jahr 1988. Ben Kingsley, der schon den Gandhi mimte, spielt Lenin, Leslie Caron dessen Frau Nadeschda Krupskaja und Dominique Sander die Geliebte, die Französin Inès Armand. Es geht um die Rückkehr aus dem Schweizer Exil nach Russland 1917. Ein überraschend pro-leninistischer, exzellenter Film. Aber ich habe noch nicht »Der junge Marx« gesehen? Ist er gut?

Ja, fantastisch. Wir haben ihn in unserem »nd«-Shop vorrätig, ich kann Ihnen eine DVD schicken.

Danke, sehr nett. Ich muss ihn nur downloaden. Was halblegal ist. Ich bin vor allem auf die kluge, streitlustige Mary Burns neugierig, die Geliebte von Friedrich Engels.

Sie kritteln auch ein wenig wider Antonio Negri und Michael Hardt, deren »Multitude«, Vision einer Demokratisierung der Weltgemeinschaft von unten, mir sympathisch erscheint.

Ich stimme zu, sie ist sympathisch. Aber ich glaube nicht, dass basisdemokratische Selbstorganisation, lokale Initiativen und Bewegungen, die heutigen immensen globalen Probleme lösen können, wie Biogenetik, Roboterisierung und so weiter.

Brauchen wir eine neue Kommunistische Internationale?

Absolut. Nichts kann mehr im heroischen Alleingang geschafft werden, es muss europaweit, weltweit angegangen werden. Oder es passiert nichts.

Würden Sie eine solche neue Internationale gründen, den Gründungskongress vielleicht in Ljubljana einberufen?

Wer bin ich?! Nein, ich fürchte, es würde kaum jemand kommen. In Slowenien sollen die antikommunistischen Bürgerwehren, die im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierten, die Partisanen bekämpften, rehabilitiert werden. Ljubljana wäre somit als Gründungsort ausgeschlossen. Auch in Großbritannien und in den USA bin ich praktisch verboten, von den Rechten und einem Teil der Neuen Linken. Einzig in Deutschland habe ich einen guten Stand.

Werden heute lebende Generationen den Kommunismus noch erleben?

Es ist einfach, ein Optimist zu sein. Anfang 1917 hielt Lenin in der Schweiz vor Genossen eine Rede, in welcher er ihnen versicherte, in der glücklichen Lage zu sein, einen sozialistischen Staat noch zu erleben. Das war einige Monate vor der Oktoberrevolution. Er ahnte selbst nicht, dass es so schnell gehen würde. Ich bin da eher ein Hegelianer. Hegel war undogmatisch und vorsichtig genug, nicht irgendwelche Aussagen über die nahe Zukunft zu treffen.

Er hatte Angst, von Nachgeborenen auf einen historischen Irrtum festgenagelt zu werden?

Er war vorsichtig und zugleich risikobereit. Jacques Lacan sprach von einem bestimmten Punkt, an dem jeder eine Entscheidung treffen muss. Diese birgt ein Risiko. Das trifft auch auf die Oktoberrevolution zu. Lenin war sich bewusst, dass in Russland die objektiven Bedingungen noch nicht reif für die Revolution waren. Aber wenn man immer auf den richtigen, auf den perfekten Moment wartet, geschieht nichts.

In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich wieder viel mit Hegel. Bekanntlich hat diesen bereits Marx vom Kopf auf die Füße gestellt. Was ist Ihre Intention? Ihn Purzelbäume schlagen zu lassen?

Ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es mag verrückt klingen, aber in gewisser Weise war Hegel materialistischer als Marx.

Hegel sprach von einem Weltgeist, als dessen Inkarnation »zu Pferde« er dann Napoleon sah?

Er betrachtete alles retroaktiv, machte keine Spekulationen über Künftiges. Wir können nur erkennen, was war. Hegel hätte für sich nie - wie die stalinistische Einheitspartei - das Monopol der Wahrheit in Anspruch genommen und sich nicht als Sieger der Geschichte gefühlt. Die Eule der Minerva erscheint erst am Abend. In seiner »Rechtsphilosophie« notiert er, wir können begrifflich eine soziale Ordnung erst beschreiben, wenn deren Zeit vorbei ist. Was geschehen wird, ist offen.

In der Berliner Humboldt-Universität kann man den berühmten Spruch von Karl Marx lesen …

»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.« Die 11. Feuerbachthese.

Richtig. Wir wollten die Welt verändern. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, die Welt neu zu interpretieren. Wir brauchen einen kognitiven Routenplaner. Was bedeutet die Digitalisierung? Was die Biogenetik? Wie verändert all das die Gesellschaft? Was geschieht, wenn unser Hirn computergesteuert wird? Der jüngst verstorbene Stephen Hawking konnte dank Computertechnik arbeiten, seine Gedanken artikulieren. Aber was rausgeht, kann ebenso hineinfließen. Werden Computer demnächst unsere Gedanken kontrollieren und manipulieren?

Ich habe an einer Konferenz in China teilgenommen. Ein Neurologe von der Akademie der Wissenschaften berichtete mir von einer Vision, die mich erschreckte. Ziel der Biogenetik in China sei es, das psychische Wohlbefinden der Menschen zu steigern. Ähnliche Forschungen gibt es natürlich auch in den USA und gewiss auch in Russland. Die Gefahr heute sind weniger die chemischen und nuklearen Waffen als die reale Möglichkeit der Manipulation von Hirnen. Daran sind Staaten ebenso wie private Unternehmen interessiert. Das ist horrifying und stellt alle Hollywood-Blockbusters mit ihren Dystopien in den Schatten. Wir treten in eine neue Klassengesellschaft ein, die schlimmer ist als die alte.

Tut mir leid, aber ich muss mich jetzt - ein schreckliches deutsches Wort - »einsatzbereit« machen. Ich muss zum Blauen Sofa, zum ZDF in der Messehalle. Ich muss dort den Blauen Obelisken geben. (lacht)

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