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Erfundenes Fressen

Askese und Optimierung: Über die Karriere des jüngeren Veganismus

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 8 Min.

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Frohe Kunde zum höchsten Christenfest: Es gibt jetzt Ostereier für alle! Also auch für diejenigen, die keine Eier essen, weil sie das Cholesterin fürchten oder noch die freilaufendste Landbiohenne als ausgebeutete Kreatur ansehen. Denn Studierende der Universität von Udine haben, wie unlängst bekannt gemacht, das tierproduktfreie Ei erfunden. Also nicht nur ein Pülverchen mehr, mit dem sich Eier beim Backen ersetzen lassen, und auch nicht irgendwelche Klößchen, die in der Form an Eier erinnern. Sondern ein Produkt, das ganz oder aufgeschnitten tatsächlich so aussieht, sich so anfühlt und angeblich auch genauso schmeckt wie ein richtiges hart gekochtes Hühnerei!

So interessant wie das Rezept ist dabei die Verbreitung der Botschaft: Die Erfindung des Nicht-Eis war nicht nur der italienischen Uni so wichtig, dass die Erfinder ein Jahr in Hochschullaboren werkeln durften, sondern sie ist ein Thema, über das auch größere Medien berichteten. Denn eine solche Innovation ist heutzutage eine veritable Lifestylenachricht.

Zumindest in urbanen Zentren schießen vegane Restaurants und Cafés, aber auch Boutiquen, Kosmetikgeschäfte, Friseur- und Schönheitssalons nur so aus dem Boden. Nach einer Studie der »Veganen Gesellschaft Deutschlands« leben hierzulande 1,5 Millionen vollständig vegan, hinzu kommen viele Gelegenheitskonsumenten. Die Firma Veggieworld veranstaltet vegane Messen in 16 europäischen Metropolen. Unlängst rief das »Manager-Magazin« den Veganismus zum »Megatrend des Jahrzehnts« aus.

Blendet man nun lediglich zwei Jahrzehnte zurück, erstaunt das dann doch. Nicht nur in Berlin begegnete man um die Mitte der 1990er Jahre dem Veganismus ganz anders. Wenn die Zeitzeugen nicht irren, war damals vor allem die »Köpi« – ein bis heute bestehendes Hausbesetzungsprojekt – ein Ort, an dem der menschliche Gebrauch jedweden tierischen Produkts politisch und kulinarisch kritisiert wurde: ersteres in Veranstaltungen, die den Beitrag des Schlachtens und Melkens zur Unterdrückung nicht nur des Tieres, sondern auch des Menschen durch den Menschen kritisierten. Und zweiteres in den Menüs der dortigen »Volxküche«, die das Bewegungspublikum regelmäßig vegan bekochte.

Wie kommt es, dass heute die »Köpi« bestenfalls als pittoreskes Freilichtmuseum einer überholten Gegenkultur gilt, während der Veganismus, den seinerzeit selbst das Stammpublikum jener Vokü bisweilen für etwas abgedreht hielt, kaum aufzuhalten zu sein scheint?

Leicht zu beantworten ist diese Frage nur aus einer Überzeugungshaltung: Dann signalisiert der Vormarsch des Veganismus nichts anderes als einen erheblichen Fortschritt an sozialem Problem- und Verantwortungsbewusstsein. Aus einer distanzierteren Position reicht das aber kaum als Erklärung, denn gesellschaftliche Probleme gibt es ja viele, während das Bewusstsein dafür im Allgemeinen eher rar ist.

Wer verstehen will, was den heutigen Veganismus zum »Megatrend« befähigt, muss den Blick von jener Autonomenspeisung noch weiter zurück richten. Denn der pflanzenbasierte Konsum hat eine lange Geschichte, die bestimmte Semantiken in unterschiedlichen Weisen aufrief und miteinander verband – und sich auch verschiedene ökonomische Institutionen schuf und schafft. In diesem Prozess von Verschiebungen und Kontinuitäten drückt nun der zeitgenössische Veganismus offenbar eine spezifische Konstellation aus, die ihm in der Gegenwartsgesellschaft eine Avantgardeposition verschafft.

Derselben auf die Schliche kommen lässt sich in einer Rekonstruktion der Sinnelemente, die im 20. Jahrhundert mit pflanzenbasiertem Konsum verbunden waren und verbunden sind. Worin unterscheidet sich also der tierfreie Lifestyle von heute vom Hausbesetzerveganismus der 1990er Jahre? Wie verhält sich wiederum dieser zu früheren Formen, also zu den Hippie- und Ökokulturen seit 1970 und zur »Lebensreformbewegung«, die im späteren 19. Jahrhundert Vegetarismus und Veganismus (als »Hochvegetarismus«, das Wort »vegan« kam um 1940 in England auf) einführten? Was ist diesen Regimenten politisierter Lebensführung also gemeinsam – und wie werden diese Konstanten dann jeweils umgruppiert?

Neben tierethischen Haltungen, die man bis in die europäische Antike zurückverfolgen kann, lassen sich drei Sinnhorizonte unterscheiden, die mit Vegetarismus und Veganismus beständig, aber immer wieder neu verbunden sind: Erstens gibt es ein »politisches« Element, zweitens den Gesundheitstopos und drittens eine Art Selbstideal, also ein Ethos, das diese Motivlagen in der individuellen Lebensführung verwirklicht.

Die historische Lebensreformbewegung, die sich in Schulreformprojekten, in der Wandervogelbewegung und in neuen Formen von »Körperkultur« ausagierte, war nun im Kern antimodern. In einer »naturgemäßen Lebensweise« trachteten vor allem junge, bürgerliche Städter, der als Verfall und Entfremdung wahrgenommenen Moderne zu entfliehen. So also treten Vegetarismus und Veganismus (und teils noch radikalere Formen wie Frutarismus) erstmals auf: Indem man sich der »zivilisierten« Ernährungsweise (etwa den aufkommenden Konserven) entzog, wollte man das »Künstliche« und »Kranke« der Moderne auch aus dem eigenen Körper verbannen. Die politische Triebfeder dieser Haltung war ein tief sitzender Kulturpessimismus, der dem notorisch selbstzufriedenen und fortschrittsgläubigen Wilhelminismus ein romantisches Ethos der Askese gegenüberstellte.

Ökonomisch schlug sich das noch im Kaiserreich in den »Reformhäusern« nieder – in einer hochreglementierten Einzelhandelsbewegung, die Heilkräuter, pflanzliche Lebensmittel und »natürliche« Kleidung anbot und anbietet. Tagespolitisch aber blieb diese Bewegung zunächst diffus. Aus heutiger Sicht linksliberale Elemente – etwa ein Kratzen am Tabu der Homoerotik – traten im Lauf der Zeit allerdings zurück. Erhebliche Teile des jugendbewegten Spektrums diffundierten im frühen 20. Jahrhundert in Richtung einer völkischen Germanenesoterik. In dieser historischen Rahmung reimte sich »natürliche Lebensweise« nicht selten auf Antisemitismus.

Der Zweite Weltkrieg setzte solchen Selbsttechniken der Ernährung zunächst ein Ende. Ihm folgte die »Fresswelle«: Nach knappen Jahren schienen asketische Haltungen absurd. Der zweite Boom des Vegetarismus und, seltener, des Veganismus, setzte erst um 1970 mit den Hippie- und Ökobewegungen ein.

Diese Neuauflage der »natürlichen Lebensweise« unterschied sich aber erheblich von der älteren Gestalt: Zwar teilte sie mit dieser die Ablehnung der nunmehr auf ihren Höhepunkt zusteuernden Industrie- und Konsumgesellschaft, doch war diese Kulturkritik nun kosmopolitisch gefärbt: Man knüpfte diese vordergründig nicht an deutsche Traditionen, sondern importierte sie aus Kalifornien oder dem allgemein idealisierten Indien. Dabei trat das Gesundheitselement zunächst zurück: Der Hippievegetarismus hatte eher spirituelle als physiologische Motive. In seinem Hang zu »bewusstseinserweiternden« Substanzen prägte er ein sportfeindliches Körperschema von Rausch und Selbstkonsum aus, das sich von der reformbewegten Askese des gesunden Geistes im gesunden Körper stark abhob.

Mit »Bioläden« und »Food-Coops« entstand nun eine neue, weniger reglementierte Ökonomie der Nahrungsreform. Doch profitierten auch die verbliebenen Reformhäuser vom neuen Trend. Dort aber hatten ältere Sinnelemente überwintert. Womöglich aus Kreisen ihrer traditionellen Kundschaft rührten jene Impulse einer anthroposophischen, aber auch konservativen Ökologie, die sich bei der Gründung der Grünen zeigten.

Ein strikter Veganismus wurde in Deutschland indessen erst um 1990 zur wahrnehmbaren Bewegung. Angegliedert war er an die Hausbesetzerszene; er war die Umweltpolitik der Autonomen. Dabei wurden seine Konsumgesetze in eine urbane Lebenswelt von Punk- und Hardcoresound sowie Straßenmilitanz überführt. Die Gesundheitssorge blieb marginal, wo die Askese triumphierte: Oft ging autonomer Veganismus mit »Straight Edge« einher – einer Unterströmung des mit Hardcore verbundenen Jugendkulturschemas, die jeglicher Drogen sowie sogar sexueller Abenteuer entsagte.

Die alte Esoterik der »Naturnähe« war nun plötzlich faschistoid. Stattdessen bezog man sich auf einen »Kampf gegen den Speziezismus«, also eine kategorische Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Dieser »Kampf« wurde als Parallele zu denjenigen gegen Rassismus und Sexismus angesehen. Er kannte tierethische Motive, dominierend waren aber »antikapitalistische«. Dabei kamen auch Argumente auf, die den älteren Gestalten des Tierverzichts unbekannt waren: Die verschwenderische Produktion von Fleisch- und Milchprodukten konzentriere den Ressourcenverbrauch im globalen Norden.

Solche Argumente hört man von den verbliebenen Politveganern noch heute. Doch spricht viel dafür, dass die heutige Veganismuswelle hauptsächlich anderen Motiven folgt. Es geht nicht mehr um Askese, sondern um verfeinerten Genuss: Wenn statt des banalen Schnitzels die 40 verschiedenen Fleischersatzprodukte allein von »Fry Family Food« zur Verfügung stehen, wird aus Verzicht eine raffinierte Kennerschaft. Runderneuert kehrt nun auch das Gesundheitsthema zurück: nicht als hundertjährige Kräuterfrau, sondern in Projektionen begehrenswerter Körper, die sich laut dem Bund für vegane Lebensweise dank »Pflanzenpower« in Sport wie Beruf als leistungsmäßig überlegen erweisen – indem sie laut »Süddeutscher Zeitung« durch glattere Haut, seidiges Haar, schlankere Taille und »bessere Laune« auffallen. Den Auftrag des Weltschicksals gibt es quasi gratis obendrauf.

Das alte Ethos der Absonderung von einer »kranken«, fehlernährten Gesellschaft transformiert sich so in einen individuellen Statusgewinn gegenüber den Unwissenden und Unraffinierten. Diese können nicht Schritt halten mit dem veganen Supermenschen, der mit seinem Start-up-Team im pflanzenbasierten Sternerestaurant diniert. Der – bei seiner Herkunft unwahrscheinliche – Erfolg des aktuellen Veganismus besteht darin, dass er kulturkritische Sedimente aus hundert Jahren Bürgerlichkeit mit den Imperativen körperlicher und mentaler Selbstoptimierung verbindet, die den ästhetisierten Gegenwartskapitalismus antreiben. Auch wenn sich manche seiner politischen Argumente nicht so leicht verwerfen lassen, ist er lebensweltlich jetzt prosystemisch: So viel Widerspruch muss man aushalten können.

Nolens volens haben nicht nur die Hippies, sondern gerade die Hausbesetzer dazu beigetragen: Sie trieben dem Veganismus seine Waldschratigkeit, seinen Antiurbanismus und Reformhausgeruch aus – und halfen bei seiner Wandlung in jenes urbane Kulturformat à la »Street Art« und »Street Wear«, das demnächst auf dem Stuttgarter »Vegan Street Day« gefeiert wird. Solche Events sind Schaufenster der kreativwirtschaftlichen Formatierung von Körpern wie Mahlzeiten. Die permanente Neuerfindung des Essens stillt jenen Hunger auf das affektiv Neue, das die postmoderne Wirtschaft konstituiert.

Man wird nicht lange warten müssen auf die Schale zu jenem Nicht-Ei aus Udine, die bisher noch fehlt.

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