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  • GEW streitet über Max Traeger

Mitläufer oder nicht?

In der GEW wird über Max Traeger, den Namensgeber der gewerkschaftseigenen Stiftung und dessen Verhalten in der NS-Zeit, gestritten

  • Von Guido Sprügel
  • Lesedauer: 5 Min.

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Er war definitiv kein Mitglied der NSDAP. Auch über eine Mitgliedschaft in der SS ist in den Akten kein Hinweis zu finden. Dokumentiert ist die Zugehörigkeit zum NS-Lehrerbund (NSLB). Doch auch hier fehlt jeglicher Hinweis, was genau Max Traeger während der Jahre 1933 bis 1945 gemacht hat. Fest steht, dass der 1887 geborene Traeger nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als erster Vorsitzender der neugegründeten Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) so etwas wie eine demokratische Integrationsfigur wurde. Kein Wunder also, dass die Gewerkschaft nach seinem Tod die eigene Stiftung nach ihm benannte.

Das war 1960. In den kommenden Jahrzehnten behielt die Max-Traeger-Stiftung ihren Namen - ohne dass dies je hinterfragt worden wäre. Bis im vergangenen Jahr eine Biografie über Traeger im Beltz-Verlag erschien. Hans-Peter de Lorent skizziert Max Traeger darin als irgendwie zum Widerstand dazugehörig. Ein Aufschrei ging durch die GEW und führte schließlich zu einem »Gegenbuch«, ebenfalls im Beltz-Verlag erschienen und herausgegeben von den beiden Erziehungswissenschaftlern Benjamin Ortmeyer und Micha Brumlik. Seitdem steht die Frage im Raum, ob die Stiftung umbenannt werden sollte.

»Auf keinen Fall. Ich sehe keinen Grund, der dafür spricht. Max Traeger ist für die Bundes-GEW eine wichtige Person gewesen und deren erster Vorsitzender nach der Gründung. Die Stiftung trägt völlig zu Recht seinen Namen«, formuliert de Lorent seine Haltung zu der Diskussion. Für ihn ist Traeger allein durch seine Mitgliedschaft im NSLB noch nicht »braun befleckt«.

Die Autoren des von Ortmeyer und Brumlik herausgegebenen Buches »Max Traeger - kein Vorbild« kommen zu einem anderen Ergebnis. »Traeger hat ein gerüttelt Maß Schuld daran, dass sich die NS-Herrschaft so reibungslos durchsetzen ließ. Er hat alle Pläne der Nationalsozialisten zur Umgestaltung der Gewerkschaften mitgetragen und ist insofern mitverantwortlich«, sagt Stefan Romey, der zusammen mit Bernhard Nette einen der Hauptbeiträge in dem Buch verfasst hat.

Doch was genau steht eigentlich fest? Traeger saß vor 1933 bereits für die DDP - später Deutsche Staatspartei (DStP) - in der Hamburger Bürgerschaft. Nach 1933 behielt er sein Mandat in der nun NS-geführten Koalition bis zur endgültigen Auflösung der Bürgerschaft im Oktober bei. Während dieser Zeit hat er auch an den Verhandlungen zur Zwangseingliederung der demokratischen Gewerkschaft »Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul und Erziehungswesen« in den NSLB teilgenommen. Für die einen, um die sozialen Kassen vor dem Zugriff der Nazis zu bewahren; für die anderen war er ein willfähriges Rädchen, das die Gleichschaltung brav mitmachte. Nach der Gleischaltung der Gewerkschaften verliert sich seine Spur weitgehend. »Es gibt darüber bisher keine Dokumente. Das muss erforscht werden. Er selbst hat sich nach 1945 nicht dazu geäußert«, beschreibt Romey die Schwierigkeiten.

Doch er bewertet allein Traegers Verbleib in der NS-geführten Koalition als problematisch. Schließlich waren zu dem Zeitpunkt die Abgeordneten der KPD, später auch der SPD, längst verschwunden. »Dass er sein Mandat wahrgenommen hat, halte ich nicht für verkehrt. Die DStP wurde gedrängt, in der Regierung zu bleiben, um ein Mindestmaß an Sicherheit und Kontinuität in der Verwaltung Hamburgs zu gewährleisten. Es gab die weit verbreitete Meinung, dass die Nazis sich nach kurzer Zeit blamieren und nicht mehr weiterregieren würden. Heute weiß man, wohin diese Reise führte, aber damals war das noch nicht absehbar«, erklärt hingegen de Lorent. Für ihn ist Traeger so etwas wie ein Kind seiner Zeit, einer, der Fehler gemacht hat, aber bei weitem kein Nazi war. Ein Nazi ist er zum derzeitigen Stand auch für die Kritiker nicht. Eher so etwas wie ein Mitläufer - teilweise, wenn es um die aktive Teilnahme an der Gleichschaltung der Gewerkschaften geht - auch ein aktiver Mitläufer.

Umstritten ist auch die Zugehörigkeit zum Widerstand während der NS-Zeit. »Max Traeger hat sich während der ganzen NS-Zeit konspirativ mit ehemaligen Funktionären der ›Gesellschaft der Freunde‹ getroffen. Sie haben es den ›Untergrundvorstand‹ genannt. Der Untergrundvorstand hat sich regelmäßig ausgetauscht und wusste, wo z.B. Leute gefährdet waren«, erzählt de Lorent. Die Autoren um Stefan Romey haben für solch eine Sicht wenig übrig. Sie sehen darin vielmehr den Versuch, die eigene Vita weißzuwaschen. Nach dem Motto: Wir waren alle keine Nazis, sondern eigentlich dagegen. In ihrem Buch sprechen sie dann auch von »Skatabenden«, an denen man sich zum gemeinsamen Spiel traf. »Es gibt kein einziges Dokument, welches die Existenz eines Untergrundvorstandes belegt. Wir können hier nur auf die Nachkriegs-Anekdotensammlung eines Kollegen von Traeger zurückgreifen, der davon spricht. Solche Treffen gab es aber häufiger in bürgerlichen Kreisen. Man hat sich mit denen getroffen, mit denen man vor 1933 befreundet war. Widerstand kann man diese Treffen nicht nennen«, erläutert Romey.

Aufgrund der fehlenden Dokumente oder eindeutig belegter Widerstandsaktionen Traegers bleiben weite Teile seines Wirkens in der NS-Zeit nebulös. Die GEW hat sich vorgenommen, mehr Licht in die Vita ihres ersten Vorsitzenden zu bringen und Historiker mit der weiteren Erforschung beauftragt.

Der Streit in der GEW hat Bedeutung über das Gewerkschaftsleben hinaus. Es stellt sich die Frage, wie in Zukunft mit Namensgebern in Deutschland verfahren wird, die zwar keine nachweisbaren Verbrechen begangen haben, die nicht in der SS oder anderen Gliederungen waren, die aber dennoch dazu beigetragen haben, das System der Naziherrschaft aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Stehen nach den Umbenennungen eindeutiger Täter-Straßen und -Kasernen weitere an? »Jemanden, der das System justiziabel oder ideologisch gestützt hat, kann man nicht auf diese Weise ehren«, beschrieb Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, das Problem in der »taz«. Die Debatte in der GEW könnte also durchaus Wellen schlagen und zu einem genauen Hinschauen animieren.

Hans-Peter de Lorent: Max Traeger - Biografie des ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1887-1960). Beltz Verlag, 136 S., brosch., 19,95 €. Micha Brumlik, Benjamin Ortmeyer (Hrsg.): Max Traeger - kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW. Beltz Verlag, 216 S., brosch., 19,95 Euro.

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