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  • Gedenken an Martin Luther King

Der amerikanische Gandhi

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet - wie sich die USA seitdem veränderten

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Als drohe mit seinem Ende endgültig auch das Prinzip der Gewaltlosigkeit zu sterben! Nach den Schüssen eines weißen Rassisten auf den schwarzen Baptistenpfarrer und Bürgerrechtsführer, Friedensnobelpreisträger und Praktiker von Liebe und Ausgleich gingen gut 50 Städte der USA durch eine Orgie von Gewalt. Brandwolken auch über Washington, Plünderungen in den Schwarzenvierteln, dicke Rauchschwaden über Weißem Haus und Kapitol - ein wilder Trauerflor. Ganze 39 Jahre zählte der amerikanische Gandhi, als er vor knapp 50 Jahren, am 4. April 1968, in Memphis ermordet wurde.

Die Frage, ob sich die USA seitdem veränderten und was aus der »Traum«-Rede Martin Luther Kings im August 1963 in Washington geworden ist, mutet im ersten Moment grotesk an. Amerika ist, verglichen mit Kings Auftritt vor 250 000 Teilnehmern des »Marschs für Jobs und Freiheit«, in vielem ein anderes Land: Das Bürgerrechtsgesetz, das zum Zeitpunkt von »I have a dream« noch nicht beschlossen war, verbot Rassentrennung in Schulen, Bussen und Cafés, verpflichtete den Staat, Verletzungen zu ahnden. Das Gesetz von 1964 ist ein Schlüsseldokument geblieben. Trotz vieler Rückfälle, trotz der Ermordung Martin Luther Kings, trotz bleibender Gerüchte über eine Regierungsaktie an seinem Tod.

Offene Diskriminierung von Amerikas Schwarzen wie zu Kings Zeiten ist heute unmöglich. Das Parlament hat sich für die Sklaverei entschuldigt. Amerikanische Kriegstote werden nicht mehr auf getrennten Friedhöfen bestattet. Die Hälfte der Schwarzen rechnet sich zur Mittelschicht, deutlich mehr als bei Kings Rede. Auf Washingtons Gedenkmeile, der National Mall, steht unter Kirschbäumen das King Memorial. Auch zu einem landesweiten Feiertag hat es der Bürgerrechtler gebracht. Und mit Barack Obama war inzwischen ein Schwarzer Präsident, zu Kings Zeit nicht mal in seinem Traum vorstellbar. Vieles mithin ist besser geworden. Gut geworden ist es nicht.

Die Wahl des ersten nichtweißen Präsidenten war ein Erfolg der Bürgerrechtsbewegung, ebenso sicher war sie aber auch die Illusion eines Happy End. Vor allem der Kern von Kings Traum, die USA würden ein Land mit gleichen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Chancen für jedermann werden, blieb ein Wunsch. Wo die Wohlstandskluft zwischen Weiß und Schwarz kleiner wurde, geschah es, weil die neue Armut seit den 70er Jahren zunehmend auch Weiße erfasst. Geblieben sind zudem alte Hürden. Die Arbeitslosigkeit unter »Blacks« doppelt so hoch wie unter Weißen, letztere sechs Mal so vermögend wie erstere, anhaltende Diskriminierung in der Haus- und Wohnungspolitik, bei Kreditvergaben oder Arbeitssuche. Dazu eine völlig neue Situation seit Januar 2017: ein Hassprediger im Weißen Haus. Viele Weiße bewerten seine Wahl auch als Rache an Obamas Präsidentschaft. Viele weiße, ältere Männer, die Donald Trump ihre Stimme gaben, taten dies aus Wut über verschwundene Jobs, aber auch aus Rassismus. Millionen Weiße, daran besteht heute kein Zweifel mehr, empfanden die Obama-Jahre als Beleidigung.

»Die bloße Anwesenheit eines intelligenten, gebildeten und erfolgreichen schwarzen Mannes im Weißen Haus - als Präsident und nicht als Hausmeister oder Butler - erschütterte sie bis ins Mark«, schrieb US-Publizist Chauncey DeVega neulich. »Wenn eine Person die Vorstellung von einem ›wahren Amerikaner‹ mit weiß sein verbindet, dann ist ein schwarzer Präsident per se undenkbar. Was für das weiße Amerika als natürliche Ordnung galt, war plötzlich auf den Kopf gestellt.« Während der Obama-Jahre »steigerten sich viele Konservative in weißen Vorherrschaftswahn. Für sie war Obama Erzfeind und Dämon. Für allzu viele schien Obama für das Verschwinden von Weiß-Amerika und die Ankunft eines unbekannten Landes zu stehen, in dem Nichtweiße das Sagen und Weiße sich zu unterwerfen hatten.«

An genau diesen Wahn knüpfte Trump lange vor seiner Politikkarriere an, als er gegen alle Tatsachen behauptete, Obama sei gar kein echter US-Bürger. Die Behauptung spiegelt eine bis heute existierende weiße Vorherrschaftsfantasie wider, für deren Abkühlung einst Menschen wie Martin Luther King gewirkt hatten. Das Bürgerrechtsgesetz von 1964, maßgeblich durch King herbeigeführt, hatte einen Wandel ganz in seinem Sinne eingeleitet. Er träumte nicht von besseren Menschen, sondern von einem besseren System.

Kings Ausdauer, sein Mut, seine Rednergabe und die Einbeziehung Weißer in den Kampf der Schwarzen brachten Erfolge, mit vielen Rückschlägen. Unterkriegen ließ sich der Geistliche nie. Oft jedoch fühlte er sich belagert und verlassen. Von Weißen sowieso, aber auch von manchen seiner schwarzen Mitbürger, die Kings Weg der Gewaltlosigkeit für naiv oder gar für feige hielten. Wie hätte King das unberührt lassen können!

In dem Maße, in dem er Forderungen nach gleichen Bürgerrechten für African Americans mit sozialen Forderungen und nach Beendigung des Krieges in Vietnam verband, wuchsen die Repressalien. Namentlich nach dem Bürgerrechtsmarsch von Selma (Alabama) im März 1965, als Hunderte friedliche Schwarze von der Nationalgarde niedergeknüppelt wurden und dies zu einem Aufschrei und zum weiteren Aufschwung der Bürgerrechtsbewegung führte, wuchs bei Regierung und Geheimdienst die Absicht, King zu beseitigen. Unvergessen das Angebot des »ewigen« FBI-Direktors J. Edgar Hoover (1924 bis 1972 im Amt) an die Regierung, »Vergeltung an King zu üben«. Das FBI versuchte, ihn in den Selbstmord zu treiben. Erst vor nicht allzu langer Zeit wurde die Urfassung des Schreibens bekannt. Es gab vor, von einem enttäuschten Mitkämpfer Kings zu stammen, war aber von Hoovers Stellvertreter aufgesetzt worden. Der benutzte während der Bürgerrechtsdebatte eine außereheliche Affäre Kings, um ihn - kurz vor seiner Ehrung mit dem Nobelpreis 1964 - zum Suizid zu drängen: »Für Sie gibt es nur einen Ausweg. Den schlagen Sie besser selbst ein, ehe Ihr abscheuliches, abnormes und betrügerisches Wesen vor der Nation ausgebreitet wird.«

Der Führer einer vielschichtigen Bewegung litt zeitweise unter Depressionen, ließ in anderen Fällen seinem Ego freien Lauf. Am Ende seines Lebens war er weniger optimistisch als bei seiner Traum-Rede 1963. An jenem 28. August hatte Dr. King in Washington so zuversichtlich wie erschütternd bekannt: »Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages inmitten einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.« Seine Rede gehört zu den größten des 20. Jahrhunderts.

Das Bürgerrechtsgesetz und seine Alltagsfolgen sind Teil des Fortschritts durch Kings Wirken. Aber die fünfzig Jahre seit seinem Tod zeigen auch die Doppelgesichtigkeit, die die USA in puncto Rassismus beibehalten haben. Und unter Trump wieder verstärken. Die »Black Lives Matter«-Bewegung der jüngsten Jahre, die systemische Polizeiwillkür gegen Nichtweiße thematisiert, ist nur eines der Beispiele, dass Rassismus neue Luft erhalten hat. Ganz neu seit Kings Tod ist jedoch die Verbindung zwischen Rassismus und Präsidentenamt.

Trumps Aufstieg zum ersten Mann im Staate beruht vor allem auf der rassistischen Lüge, Obama - siehe oben - sei kein echter Amerikaner. Die Kampagne begründete Trumps Popularität im weißen Sumpf. Auch sein Wüten im Wahlkampf gegen Mexikaner und seine Gewaltermunterung gegen Andersaussehende waren Rassismus. Sein »Make America Great Again« ist es nicht minder: Trump hat oft erklärt, welches Vorbild ihm dafür vorschwebt. Seine liebste Zeit seien »die späten 40er und die 50er Jahre«, da sei Amerika noch groß gewesen. Es war die Zeit, als Schwarz und Weiß in Bussen und Parks getrennt saßen und öffentliche Toiletten und Friedhöfe nach Hautfarbe getrennt waren. Es ist nicht leicht zu sagen, was Trumpismus bedeutet. Ganz sicher gehört das Streben nach Supremacy, weißer Vorherrschaft, dazu. Der Begriff, unter ihm wiederauferstanden, trägt völkische wie antifeministische, homophobe wie antisemitische, in Summe rassistische Züge.

Dass der späte King sich auch auf Aktivisten wie Stokely Carmichael zubewegte, die radikal schwarzes Selbstbewusstsein propagierten (»Black Power«), veranschaulicht Kings Entwicklung gleichfalls. Der Gewaltlosigkeit blieb er stets verbunden - wie nach ihm halbwegs vergleichbar nur Nelson Mandela -, ein Fantast wurde er darüber nie.

Als er sich vermehrt auf soziale Gleichstellung konzentrierte, weil ihm bewusst war, »dass Leute nicht viel davon haben, in jedem Restaurant speisen zu dürfen, wenn sie sich den Burger nicht leisten können«, wie der schwarze US-Historiker Ibram X. Kendi jüngst der »Zeit« erklärte, wandten sich weiße Liberale von ihm ab. Auch sie hielten ihn nun für einen Kommunisten. Das war ebenso falsch wie die Behauptung, Obamas Wahl habe die USA »farbenblind« gemacht. Kendi, zwei Generationen jünger als King, nannte diese Behauptung »die rassistischste Idee überhaupt«. Er verweist auf Fortschritte seit King, hält sie nicht für ausreichend und zitiert Malcolm X, den ebenfalls ermordeten Afroamerikaner: »Wenn man jemandem ein Messer 20 Zentimeter tief in den Rücken jagt und es dann 15 Zentimeter herauszieht, kann man noch nicht von Fortschritt reden.«

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