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Wo die Knef zur Sünderin wurde

In Niedersachsen weicht ein historisches Filmstudio dem Wohnungsbau - Museum bleibt

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Wasserwerfer spritzen und Gummiknüppel tanzen, als Polizisten 1951 in der jungen Bundesrepublik vor Kinos erzürnte Demonstranten abdrängen. Ihr Protest gilt dem Film »Die Sünderin« mit Hildegard Knef. Ein Streifen, dem bis heute der Nimbus »Skandal« anhaftet. Und bis heute wird kolportiert, eine sekundenkurze Szene mit der barbusigen Hauptdarstellerin habe den Volkszorn erregt. Doch es war die vor allem aus katholischer Sicht zu offene Behandlung der Themen Prostitution, Sterbehilfe und »wilde Ehe«, die des braven Bürgers Wut entfachte, befeuert nicht zuletzt von westdeutschen Kirchenkanzeln, vor allem in Großstädten.

Entstanden war »Die Sünderin« jedoch weitab von Düsseldorf, Ulm, Köln oder dem Bischofssitz Regensburg, wo die Demonstrationen ausuferten, wo Protestierer die Vorführung des aus heutiger Sicht harmlosen und langweiligen Filmes mit Tränengas, Stinkbomben und ausgesetzten weißen Mäusen störten. Gedreht worden war der Streifen in einem beschaulichen, gerade mal 600 Einwohner zählenden Ort bei Hamburg: im niedersächsischen Bendestorf.

Dort hatte der Filmproduzent Rolf Meyer, der zuvor bei der UFA in Berlin tätig war, im Jahre 1947 ein Filmstudio ins Leben gerufen. Weil er mit Blick in punkto Nazivergangenheit als »unbelastet« eingestuft worden war, hatte ihm die britische Besatzungsmacht die Gründung erlaubt. Bis zum Jahr 2012 entstanden Filme in Bendestorf, lange standen die Hallen dann leer, nun ist ihr Abriss im Gange, sie müssen Wohnhäusern weichen.

Mehrheitlich hatte sich der Gemeinderat für dieses Projekt eines privaten Investors entschieden. »Ein Kulturfrevel«, hieß es dazu aus den Reihen derer, für die Bendestorf nach wie vor ein wichtiges Dokument bundesdeutscher Filmhistorie ist. Waren dort doch neben der »Sünderin« viele andere Filme entstanden, die typisch waren für die Adenauer-Ära. Filme, die das Publikum aufheitern sollten, Schnulzen dabei, so etwas war gern gesehen seinerzeit. Filmstars reisten zum Dreh in den kleinen Heide-Ort, unter ihnen Zarah Leander, Marika Rökk und Curd Jürgens. Irgendwann war der Ort als »Heide-Hollywood« in vieler Munde.

In den 1960er Jahren erwiesen sich die Studios dort für größere Projekte als zu klein; fortan wurden die Bendestorfer Hallen häufig auch für Fernsehproduktionen und Werbefilme genutzt. Die letzte Klappe fiel schließlich 2012.

Seit vielen Jahren ist bereits geplant, die alten Studiogebäude abzureißen und auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal Wohnraum zu schaffen. Ein Investor will dies verwirklichen, will in Mehr- und Einfamilienhäusern insgesamt 30 Wohnungen schaffen. Nicht alle Bendestorfer erfreut dieses Vorhaben, hängen doch viele dort an »ihrem« Filmstudio.

Seit knapp einer Woche läuft der Abriss - nicht ohne Probleme. Erst kam die Nachricht: Die Gebäude müssen verschwunden sein, ehe sich im April die streng geschützten, dann Sommerquartiere suchenden Fledermäuse dort einnisten. Nun will ein Bürger gesehen haben, dass Asbest aus den alten Gemäuern nicht ordnungsgemäß entsorgt worden sei und rief die Behörden auf den Plan.

Der Entwickler des Wohnprojekts jedoch weist diese Vorwürfe zurück. Gewiss, Asbest sei entdeckt worden, aber den habe man durch eine Fachfirma mit Arbeitskräften in Schutzkleidung ordnungsgemäß verpackt und entsorgt. Vermutlich stecke hinter der Asbestgeschichte nur die Absicht, den Abriss der Gebäude zu verzögern.

Doch der Abriss läuft. Dennoch bleibt die Filmgeschichte in Bendestorf bewahrt: vor Ort in einem Museum, das donnerstags von 16 bis 18 und sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet ist.

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