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Überforderte Kältehilfe

Kirchen fordern EU-rechtliche Lösungen zur Versorgung von obdachlosen Menschen

  • Von Marina Mai
  • Lesedauer: 4 Min.

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Viel ist es nicht, was die Neue Chance gGmbH ihren »Gästen« bieten kann, wie sie die Obdachlosen nennt, die jede Nacht in ihren Räumen im Wedding übernachten. Es gibt ein warmes Abendessen, ein Bett in einem Sechsbettzimmer, Dusche, Toilette und Frühstück. Danach müssen die Männer und Frauen wieder in die Kälte. Der Verein bietet die Betten im Rahmen der Kältehilfe an. Die bleiben gleich bis zum nächsten Abend bezogen, denn es kommen immer dieselben Menschen, sagt Sozialarbeiterin Nora Marwig. Ein Schlafgast hat gleich seine Mineralwasserflasche neben dem Bett stehen gelassen und das Unterhemd zum Trocknen aufgehängt.

Mit 1264 Plätzen hat die Berliner Kältehilfe in diesem Winter so viele Notübernachtungsplätze für Obdachlose geschaffen wie nie zuvor. Vor vier Jahren waren es nur 500. Diakonie-Direktorin Barbara Eschen ist den vielen ehrenamtlichen Helfern dankbar, ohne die die Betreuung der Notübernachtungen gar nicht zu stemmen wäre. Aber auch dem Berliner Senat, der die Gelder bereitgestellt hat. Kurzfristig kam sogar zusätzliches Geld, um die Angebote über den kalten April zu verlängern. Üblicherweise endet die Kältehilfe im März. Barbara Eschen sagt: »Das Problem ist aber nicht das Geld. Wir finden keine Räume.« Das Problem zeigt sich auch bei der »Neuen Chance«: Der Verein, der ursprünglich von der Diakonie gegründet worden war, muss am 1. April ausziehen. 37 Männer und Frauen werden dann wieder auf der Straße schlafen müssen.

Hinter jedem Obdachlosen steht ein anderes Schicksal. Sozialarbeiterin Nora Marwig erzählt von einem jungen Mann, der seinen Studentenjob verloren hatte, danach seine Wohnung. Hinzu kamen Schulden bei der Krankenkasse, die fast zur Exmatrikulation geführt hätten. Ihm konnten die Sozialarbeiter helfen. »Der Mann wohnt jetzt in einem Studentenwohnheim und hat mit unserer Hilfe wieder einen Job gefunden.«

So einfach ist das jedoch nicht immer. Wer seit Jahren auf der Straße lebt, ist häufig körperlich und psychisch schwer krank und auch nicht mehr in der Lage, die Hilfe anzunehmen, die ihm zustehen würde.

Wenig Hilfe steht hingegen jenen rund 70 Prozent der Berliner Obdachlosen zu, die EU-Ausländer sind. »Unsere Obdachlosen kommen aus Berlin und Saarbrücken, aus Nürnberg und Katowice, aus Bukarest und Thessaloniki«, sagt Eschen. Sie ist auch Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz. Sie und ihre Kollegin Ulrike Kostka von der Caritas fordern bundes- und EU-rechtliche Lösung zur Versorgung von Obdachlosen. »Auch mit Blick auf die Zahl der Kältetoten in diesem Winter in Osteuropa muss EU-weit die Versorgung verbessert werden. Wir appellieren an die Bundesregierung, mit Polen und anderen EU-Staaten über bessere Sozialstandards zu reden.« Es gelinge der Berliner Kältehilfe zwar ab und zu, Obdachlosen zu helfen, zurück in ihr Herkunftsland zu gelangen, aber wenn sie dort sozial nicht aufgefangen werden, sei das sinnlos.

In Deutschland haben Obdachlose aus EU-Staaten oft keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung. Krankenhäuser leisten zwar eine Notfallversorgung. Doch die christlichen Sozialwerke haben die Erfahrung gemacht, dass nach der Entlassung aus dem Krankenhaus pflegerische Leistungen notwendig seien, für die niemand aufkommen will. »Damit ist die Kältehilfe aber überfordert«, sagt Ulrike Kostka. Die Kältehilfe müsse daher mit Ehrenamtlichen arbeiten. Und die Übernachtungsgäste müssen tagsüber wieder auf die Straße. Allein 35 obdachlose Rollstuhlfahrer gebe es in Berlin. Ulrike Kostka: »Sie gehören nicht auf die Straße. Hier müssen die gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, sie mit rollstuhlgerechten Unterkünften und mit Pflegekräften zu versorgen.« Die kirchlichen Sozialträger lobten den Senat, dass er erste Pflegezimmer für schwer kranke Obdachlose finanziere. »Das ist ein großer Schritt. Hier können die Menschen endlich ihre lange verschleppten Krankheiten auskurieren und zur Ruhe kommen«, sagt Kostka. Weitere solche Zimmer scheitern an fehlenden bezahlbaren Räumen.

Lob gab es auch dafür, dass Senat und Bezirke bei der Obdachlosenhilfe auf Initiative einer von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) einberufenen Strategiekonferenz nun an einem Strang ziehen.

Eine wichtige Aufgaben sei laut Diakonie-Direktorin Barbara Eschen mehr Sozialarbeit, die Wege aus der Obdachlosigkeit aufzeige. Doch es müsse auch mehr bezahlbare Wohnungen in Berlin geben. Neben den 4000 bis 6000 Obdachlosen sind in Berlin weitere rund 31 000 Menschen ohne eigene Wohnung in Wohnheimen, Hostels, Pensionen oder »bei Freunden auf der Couch« untergebracht.

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