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Vom 5-Sterne Hotel in die östliche Ghouta

Eine Pressekonferenz der UN-Hilfsorganisationen in Syrien und ein Besuch in der Notunterkunft in Herjallah

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Unterschied könnte größer nicht sein. Die Pressekonferenz von UN-Hilfsorganisationen in Syrien und dem Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC) findet am frühen Vormittag am in Damaskus statt, im Hotel »Vier Jahreszeiten«. Anschließend fährt die Autorin an den Rand der östlichen Ghouta, wo Zivilisten seit Anfang März zu Tausenden die Kampfzone durch einen von drei humanitären Korridoren verlassen. Im Auffangzentrum von Herjallah, erzählen Frauen aus Douma und Kafr Batna über ihren Leidensweg.

Zunächst bei der Pressekonferenz: Auf den übersichtlichen Informationsblättern, die von der UN-Nothilfekoordination (OCHA) vor der Pressekonferenz verteilt werden, sind die Zahlen nur Schätzungen. Die Lage ändere sich ständig, betont der OCHA-Repräsentant in Damaskus Ali al Za’atari, der neben dem Leiter von SARC, dem Ingenieur Khalid Hboubati, die Pressekonferenz leitet.

Jeweils zur Rechten und Linken sitzen die Vertreter weiterer UN-Hilfsorganisationen. Insgesamt haben neun Personen auf dem Podium Platz genommen, die Stellungnahmen werden fließend Arabisch-Englisch übersetzt. In den Auffangzentren seien keine UN-Helfer zu sehen, sagt ein Kollege und fragt: Warum? Die hygienische Lage sei katastrophal. Ob bei den Evakuierten - wie häufig behauptet - Unterernährung festgestellt worden sei, wird gefragt. Wohin die 26 000 Menschen gegangen seien, die die Auffangzentren wieder verlassen hätten? Ob man immer noch davon ausgehe, dass in der östlichen Ghouta 400 000 Menschen lebten?

Ein Flüchtlingslager sei »kein Hotel«, man wisse um die schwierige hygienische Lage, sagt Al Za’atari: »300 Menschen müssen sich eine Toilette teilen, das ist unakzeptabel.« Zwei Mal sei er in Douma gewesen und habe persönlich schwer unterernährte Kinder gesehen. Es habe eindeutig Mangel geherrscht. Die aus den Auffangzentren verschwundenen Personen seien »zu Angehörigen in Damaskus oder in ihre Heimatorte in der Ghouta« zurückgekehrt. Die UN sei davon ausgegangen, dass 399 000 Menschen in den östlichen Vororten gelebt hätten, doch müsse die Zahl vermutlich nach unten korrigiert werden. Nach Angaben von OCHA haben etwa 80 000 Menschen seit dem 9. März die östliche Ghouta verlassen. Das russische Zentrum für die Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien spricht von mehr als 114 000 Menschen. UN und Partner helfen OCHA zufolge mit Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, Wasser, Hygieneartikeln, Zeltplanen und mehr. Die Autorin findet an zwei Orten (Al Wafidin und Herjallah) den Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC), aber keine sichtbare UN-Präsenz. Die aktuelle UN-Nothilfe wird 150 Millionen US-Dollar kosten, es besteht eine Finanzierungslücke von 110 Millionen US-Dollar. Lediglich sechs Prozent davon habe man erhalten.

Ortswechsel. Bei Herjallah, südlich der Ghouta auf dem Weg nach Deraa, steht seit 2015 eine Notunterkunft für Männer und ihre Familien, die im Zuge von Verhandlungen und Amnestieangeboten ihre Waffen niederlegten. 9000 Personen finden in den Reihenhäusern normalerweise Platz, sagt Bürgermeister Abdul Kerim Al Katib. Aktuell leben dort 20 000 Menschen: »15 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen, 65 Prozent Kinder«, zählt er auf.

Aufgrund der beengten Lebensverhältnisse habe man Männer und Frauen getrennt untergebracht, das erleichtere das Verteilen von Hilfsgütern und die Registrierung. 48 Kinder seien in den vergangenen 14 Tagen geboren worden. In einem der Bungalows leben 30 Frauen und Kinder zusammen und erzählen ihre Geschichte. Nachbarinnen seien sie, das erleichtere das beengte Wohnen. Einige der Ehemänner würden von den Kämpfern zurückgehalten, doch den meisten sei es gelungen, gemeinsam die östliche Ghouta zu verlassen.

Im Büro des Bürgermeisters trifft die Autorin die zwanzigjährige Mara Morée aus Douma. Blass ist sie, regungslos blicken ihre Augen. Seit Beginn des Krieges sei sie drei Mal mit Kämpfern von Faylaq al-Rahman (Legion des Rahman) verheiratet worden, sagt sie. Zweimal sei sie geschieden worden, weil sie den Männern nicht die geforderten Dienste erwiesen habe. Der dritte Mann habe von ihr gefordert, auch die sexuellen Bedürfnisse seiner Mitkämpfer zu befriedigen. Als sie sich geweigert habe, sei sie ins Gefängnis gekommen und ein Jahr dort festgehalten worden. Sie und alle anderen Frauen seien dort wiederholt vergewaltigt worden. Zwei Söhne habe sie von verschiedenen Männern, ihr eigener Vater habe sie verstoßen. »Ich habe mich bei der syrischen Armee beworben und will dort kämpfen«, sagt sie schließlich. »Um die Ehre meiner Heimat und meine Ehre wieder herzustellen.«

Neben Mara Morée sitzt Maiàta Drobi. Ihre Familie stammt aus Kafr Batna. Eines Tages habe der Nachbar - Kämpfer von Faylaq al-Rahman - ihren sechsjährigen Sohn zu sich in die Wohnung gelockt, erzählt sie. Dann habe sie Schreie gehört, ihre beiden älteren Kinder hätten geholfen, den Jungen von dem Mann zu befreien. »Er hat ihn vergewaltigt, ein Kind«, sagt die Mutter fassungslos. Sie habe sich an Polizei und Justiz gewandt: »Doch alle waren von Faylaq al-Rahman, die schützen sich gegenseitig.« Rahman ist einer der im Koran erwähnten Namen für Gott und bedeutet »der Gnädige, der Erbarmer«.

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