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Pläsier des Populus

Was vor dem Palast des Pontius Pilatus geschah, verweist auch auf Deutschlands desaströse Debattenkultur

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Am Anfang war das Wort. Am Ende auch. Am Anfang lautete es: Hosianna! Am Ende: Kreuzige ihn! Der von Akklamationen begleitete gloriose Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag fand sein schmachvolles Gegenstück in der Verurteilung und anschließenden Hinrichtung des Nazareners am Karfreitag. Lobpreis und Lästerung, Ovation und Denunziation - nur Tage trennten den Höhepunkt im Leben Christi vom absoluten Tiefpunkt.

War es der ewige Wankelmut, der die feile Menge willfährig den Schwenk vollziehen ließ von der Verherrlichung zum Verrat, von der Anrufung zur Rufzerstörung? Nein, meint Joseph Ratzinger in dem während seiner Papstzeit verfassten zweiten Band der Trilogie »Jesus von Nazareth«. Die jubelnden Menschen am - heute seit Jahrhunderten zugemauerten - Goldenen Tor von Jerusalem setzten sich demnach aus ganz anderen Personen zusammen als die grölende Gruppe vor dem Palast des römischen Statthalters Pontius Pilatus.

Aus den Evangelien, so Ratzinger/Benedikt, gehe »deutlich hervor, dass sich die Szene der messianischen Huldigung für Jesus am Eingang der Stadt abgespielt hat und dass ihr Träger nicht das Volk von Jerusalem gewesen ist, sondern die Begleitung Jesu, die mit ihm zusammen in die Heilige Stadt eintrat«. Im Hof des Präfekten hingegen war »die Tempel-Aristokratie« als »eigentliche Klägergruppe« präsent. Hinzu kam »die für die Amnestie mobilisierte Anhängerschaft des Barabbas« (den Pilatus dann auf Verlangen der Menge auch freigab), »während die Anhänger Jesu aus Furcht verborgen blieben«.

Die Hosianna-Rufer blieben also »aus Furcht verborgen« und überließen das Feld und damit das Schicksal ihres Herrn und Meisters der Fraktion der Denunzianten und Ans-Kreuz-Schreier. Zwar beeindruckten die Vorwürfe der Gotteslästerung und der religiösen Verführung des Volkes Israel - als antike Form des Straftatbestands der Volksverhetzung - den eher an Realpolitik interessierten Präfekten nicht sonderlich. Worauf die Ankläger ihre Strategie änderten und Pilatus mit dem angeblichen politischen Königsanspruch Jesu konfrontierten, was dann letztendlich zu Verurteilung und Exekution des charismatischen Wanderpredigers führte.

Es muss, so kann man das Geschehen aus den Evangelien rekonstruieren, schon eine recht stattliche und bedrohlich wirkende Schar gewesen sein, die sich da vor dem höchsten Vertreter Roms in Judäa aufgebaut hatte und ihn zu einem Urteil nötigte, das er nach eigenem Bekunden gegen seinen erklärten Willen fällte. Hatte er doch ausdrücklich verkündet: »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.« Woher rührte die unbeirrte Unbarmherzigkeit der Versammelten gegen den geschundenen Galiläer, dessen erschütternder Anblick Pontius Pilatus zu dem berühmten Ausruf veranlasste: »Ecce homo! - Seht diesen Menschen!«?

Die zweifellos stärkste Quelle, aus der sich Wut und Mut der Masse zu denunziatorischer Dynamik speisten, war die Überzeugung, auf der »richtigen Seite« zu stehen. Schließlich folgte sie den Vorgaben der den öffentlichen Diskurs bestimmenden und beherrschenden Klerikerkaste mit ihren Tempelpriestern und Schriftgelehrten. Das von dieser Kaste in selbstherrlicher Anmaßung okkupierte religiöse Gesetz, mit dem sie ihren eigenen Anspruch auf Herrschaft und Wahrheitsbesitz rechtfertigte, war die Folie, mit einem Dissidenten abzurechnen, der sich in Worten und Taten dem Mainstream verweigerte. Für die Mitläufer am Karfreitag eine willkommene Gelegenheit, den am Selbst nagenden Opportunismus mit einem lautstarken Einsatz für die »gute Sache« zu übertönen.

Das Muster ist so alt wie das Menschliche. »Und das ganze Volk rottete sich im Vorhof des Tempels gegen Jeremia zusammen«, heißt es im Buch Jeremia des Alten Testaments. Der im 6. Jahrhundert vor Christus auftretende Prophet hatte im Tempel von Jerusalem Umkehr gepredigt: »Ändert jetzt euer Leben und Tun und hört auf den Herrn, euren Gott!« Auch damals waren es »die führenden Männer«, »die Priester und Propheten«, die Anklage gegen Jeremia erhoben und seinen Tod forderten. Allerdings sprachen »die Richter und das ganze Volk« den couragierten Mahner schließlich frei.

Sokrates hatte rund 200 Jahre später weniger Glück. Der wegen seiner unkonventionellen Sicht auf die Götterwelt zum Verderber der Jugend erklärte Philosoph musste den Schierlingsbecher bis zur Neige leeren. Womit sich die Athener zugleich eines von vielen beargwöhnten und beneideten Außenseiters und Querdenkers entledigten. Hatte Sokrates doch abseits der etablierten Vorgaben »eine Art alternative Politik« betrieben, wie der Heidelberger Althistoriker Kai Trampedach meint, »eine Politik, die programmatisch nicht im Rahmen der Institutionen verlief«.

Das Prozedere der Denunziation war von jeher ein bevorzugtes Pläsier des Populus und zieht sich bis heute durch Geschichte, Völker und Kulturen. Antijüdische Pogrome und Hexenverfolgungen, die Terrorkulte von Robespierre und Stalin, die Schreckensregime von Herodes bis Hitler - in ihren schaurigen Dimensionen waren sie nur möglich durch die pflichteifernde Kollaboration der Untertanen, die so nicht nur das eigene Verharren im Kanal des Konsenses (mit den dominanten Denkvorgaben) absicherten, sondern zugleich - wie die Krakeeler am Karfreitag - das »gute Gewissen« durch die gefahrlose (und womöglich genussvolle) Teilhabe an der Matrix der Macht pflegten.

Dass die Überschreitung der Grenzen des meinungsherrschaftlich Goutierten nicht mehr mit Geheimpolizei und Gefängnisstrafen geahndet wird, ist zwar auch heute längst nicht überall die Regel, aber sie ist es in Deutschland und in anderen liberal geprägten, demokratisch verwalteten Staaten. Damit sollte sich, könnte man meinen, auch das Instrument der Denunziation erledigt haben. Ein Irrtum, der auf eine grundlegende anthropologische Konstante verweist. Esam Abou El Magd entwarf in seinem 1996 erschienenen Buch »Nietzsche - Ressentiment und schlechtem Gewissen auf der Spur« unter dem Stichwort »Der Weg zum ›Ja‹« das griffige Schema »Denunziation - Abgrenzung - Konstituierung (oder: du bist böse - ich bin anders - also bin ich gut!)«. Der Wunsch, »gut« zu sein und dieses Gutsein bescheinigt zu bekommen, ist ein mächtiges Motiv menschlichen Handelns. Dass ein Mittel zur Erfüllung dieses Wunsches ausgerechnet die Denunziation darstellt, unterstreicht deren abgründige Ambivalenz.

Mit Blick auf den öffentlichen Diskurs heißt das: Ein vom etablierten Politik/Medien-Betrieb gegen Gruppen oder Personen ausgesprochenes Verdikt wird nachhaltig wirk- und einprägsam, wenn es von möglichst vielen möglichst oft demonstrativ bestätigt wird. Anschlussfähig in diesem Sinne sind aktuell vor allem Debatten, in denen es um »Positionen« geht, die von politischen Hohepriestern und medialen Schriftgelehrten als Pegida- oder AfD-»nah« festgelegt wurden. Mögen die ertappten Philosophen, Schriftsteller, Wissenschaftler auch gestern noch gelobt, ja, gefeiert worden sein - dem Hosianna folgt nun ... natürlich keine Kreuzigung. Aber der publizistische Pranger bietet auch jenen, die im Ringen der Richtungen nach innerer wie äußerer Bestätigung suchen, die Möglichkeit, sich auf der »richtigen Seite« (der Barrikade gar) zu wähnen. Seit in Deutschland Buchmessen zu Kampfzonen »gegen Rechts« erklärt wurden, können auch »Aktivisten« verschiedenster Couleur tatkräftig Einfluss auf den Literaturbetrieb geltend machen.

Die Wort- und Schriftgelehrten der modernen Medientempel bedienen sich zwar großzügig der Attitüden einstiger »Tempel-Aristokratie«. Doch Sinn und Unsinn sind überall zu finden, wo Meinungsschaffende Antworten suchen auf die Frage des Pilatus: »Was ist Wahrheit?«. Während sich Jesus nicht zu einer Erwiderung hinreißen ließ, geht es mittlerweile immer weniger um den harten Kern dieser Frage als vielmehr um dessen weich umwölkte Hülle. Es geht um den Primat der Gesinnung: Was Rechte sagen, kann keine Wahrheit sein. Das Kriterium der Wahrheit ist damit nicht mehr, wie einst von Lenin postuliert, die Praxis, sondern der Abstand zu »Positionen«, die als faktische Fixsterne des Falschen ausgemacht sind. Damit wird von vornherein eine innerhalb von politischen Gebilden und Strukturen wirkende Dialektik negiert, die eben nicht der Bergpredigt folgt, in der Jesus schlicht postulierte: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.«

Wahrlich »vom Übel« ist die demonstrative Rückkehr zu einem moralischen Manichäismus, für den es nur noch Licht und Finsternis, das Gute und die Rechten gibt. »Die schärfste Waffe im Streit der Meinungen ist der Vorwurf, rechts zu sein«, schrieb Ulrich Greiner in der »Zeit«. Dass diese Waffe immer häufiger zum Einsatz kommt, wird indes Gefahren für die Demokratie nicht abwenden, sondern den in dieser Gesellschaft dringend nötigen Dialog noch zusätzlich beschädigen.

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Ein notwendiger Nachtrag: Das letzte Wort in »The Greatest Story Ever Told« (wie der US-Regisseur George Stevens 1965 seine Verfilmung der »größten Geschichte aller Zeiten« über Jesus von Nazareth nannte) haben bekanntlich nicht die den Tod des Messias herbeischreienden Horden der Opportunisten. Sie werden überstimmt und überstrahlt von der an diesem Sonntag wieder weltweit verkündeten Botschaft »Halleluja - der Herr ist auferstanden!«. Eine Hoffnungskunde auch für Religionsferne. Der Dichter Gottfried Benn, von den Religiösen als pathologischer Nihilist beschimpft, fasste diese Zuversicht in wunderbare Worte: »Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.«

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