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Nur die Spitze des Eisbergs

Marina Chernivsky über antisemitisches Mobbing an Schulen - und nötige Konsequenzen

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 4 Min.

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Frau Chernivsky, nach dem jüngsten Fall von antisemitischem Mobbing an einer Grundschule in Tempelhof sprach Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) von einem »besorgniserregenden Vorfall«, der aber »hoffentlich nur ein Einzelfall ist und bleibt«. Ist Antisemitismus unter Berliner Schülern der Einzelfall?

Antisemitische Diskriminierung ist an vielen Schulen leider an der Tagesordnung. Viele von diesen Geschichten sind nicht spektakulär, sondern alltäglich banal und so normalisiert, dass sie gar nicht als solche auffallen. Die Spannbreite reicht von abschätzigen Kommentaren im Geschichtsunterricht über Beschimpfungen, Schmierereien auf der Schultoilette, bis hin zu tätlicher Gewalt. Die Medien stürzen sich reflexartig auf besonders auffällige Vorfälle. Diese sind aber nur die Spitze des Eisbergs.

Wer ist dafür verantwortlich, wenn wie in Tempelhof Zweitklässler eine Mitschülerin antisemitisch beschimpfen und sogar mit dem Tode bedrohen?

Kinder verinnerlichen Einstellungen und übernehmen Feindbilder, die sie in ihrer Umgebung aufschnappen. Ein solcher Einfluss kommt aus dem Elternhaus oder aus dem Netz. Die Wirkungskraft von sozialen Medien wird häufig unterschätzt. Antisemitische Ideologien wirken identitätsstiftend und liefern allumfassende Erklärungen für komplexe Zusammenhänge. Schule kann nicht alles lösen, aber sie muss mit Kompetenz und vor allem schnell reagieren, um Antisemitismus wirksam entgegenzuwirken. Es gibt Situationen, bei denen Sanktionen unumgänglich sind. In vielen Fällen ist es aber möglich, pädagogisch zu intervenieren und an Haltungen zu rütteln. Werden solche Zwischenfälle nicht thematisiert, bekommen die Jugendlichen die Botschaft, dass das, was sie denken und was sie tun, akzeptiert ist.

Wie können die Eltern der betroffenen Kinder erreicht werden?

Die Einbeziehung der Eltern darf nicht allein auf die Vorfälle beschränkt sein. Einbeziehung bedeutet auch Aushandlung von Regeln. Aus meiner eigenen pädagogischen Arbeit weiß ich, wie schwer es ist, an Eltern heranzukommen, insbesondere wenn sie selbst Diskriminierung ausgesetzt sind. Bei Klärungsprozessen hat der Schutz der Betroffenen Vorrang. Neben dem Umgang mit konkreten Vorfällen hat auch die Prävention eine wichtige Bedeutung. Die meisten Fälle haben Vor- und Nachgeschichten. Wichtig ist, dass die Schule nach einem Vorfall mit den Eltern Kontakt aufnimmt und nicht etwa versucht, die Dinge unter den Teppich zu kehren.

Immer wieder stehen muslimische Schüler als Träger von Antisemitismus in der jüngeren Vergangenheit im Fokus. Sind Schüler mit arabischen und türkischen Wurzeln antisemitischer als andere?

Antisemitismus kommt in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Dabei gibt es spezifische Ausprägungen und Motive. Sind Kinder einer solchen Ideologie in welcher Form auch immer ausgesetzt, saugen sie den darin propagierten Hass auf Juden und Israel auf. Selten geht es um eine ideologisierte Form des Antisemitismus unter Jugendlichen. Meistens handelt es sich um Versatzstücke, die pädagogisch gesehen noch veränderbar sind. Das Problem des Antisemitismus unter Muslimen müssen wir offen und ehrlich diskutieren. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit Ausdrucksformen dieses Antisemitismus ist dringend erforderlich. Ich verwehre mich aber dem Pauschalvorwurf, dass Muslime per se antisemitischer seien als andere. Ressentiments können nicht nur über die Religion erklärt werden. Diese Verknüpfung lenkt vom Problem ab.

Als Leitern des Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment der ZWST bieten Sie Beratung für Schüler und Eltern an, die Erfahrung mit Antisemitismus gemacht haben. Wie gehen Sie dabei vor?

Seit 15 Jahren arbeiten wir in der politischen Bildung und der Antisemitismusprävention. Wir beraten pädagogische und soziale Einrichtungen. Das Aufspüren eigener Ressentiments, aber auch die Veränderung von Haltungen stehen dabei im Fokus. In der Beratung von Betroffenen sieht es ähnlich aus, auch wenn der Bildungsauftrag ein anderer ist. Mit unserer 2017 gegründeten Beratungsstelle »OFEK« beraten wir Jugendliche und Eltern sowie alle anderen, die Antisemitismuserfahrungen gemacht haben. Unser Ziel ist es, das Angebot der Betroffenenberatung noch größer aufzuziehen und bundesweit verlässliche Beratungsstrukturen zu etablieren.

Viele Lehrer beklagen, dass sie sich mit dem Thema Antisemitismus überfordert fühlen. Muss der Umgang mit antisemitischen Vorfällen Bestandteil der Pädagogenausbildung werden?

Das wäre ein wichtiger Schritt. Die Beschäftigung mit aktuellem Antisemitismus ist bisher kein Bestandteil der pädagogischen Ausbildung und findet - wenn überhaupt - im Rahmen externer Angebote statt. Für Lehrer ist es oft nicht nachvollziehbar, warum sie sich mit dem Thema überhaupt beschäftigen sollen. Antisemitismus wird oftmals als überwunden betrachtet. Pädagogen sollten daher befähigt werden - vor allem in ihrer Ausbildung und dann auch im Rahmen praxisbegleitender Fortbildung- mit Antisemitismus an der Schule kompetent umzugehen.

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