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  • Kaffeetourismus in Kolumbien

Urlaub auf der Plantage

Tourismus in Kaffeedörfern soll kolumbianischen Anbauern zusätzliches Einkommen sichern

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 4 Min.
An der mintgrünen Wand hinter Martin Darwin Quintero hängt die Tafel mit den aktuellen Preisen. »Da kann sich jeder orientieren, was er oder sie für ihren Kaffee erhält«, erklärt Lidia Marina Medina und reibt ihrem Maultier kurz über die Flanke, das vor der Bodega - der Lagerhalle - steht. Heute Morgen hat die Kaffeeproduzentin, die seit mehr als 30 Jahren auf ihren vier Hektar aromatische Bohnen anbaut, schon zwei Säcke an Martin Darwin Quintero verkauft. Der 35-Jährige mit dem runden, glatt rasierten Gesicht ist der Verwalter der Ankaufstelle vom Red Ecolsierra (Netzwerk der Ökologischen Produzenten der Sierra Nevada von Santa Marta) in Palmor.

»Insgesamt haben wir neun Ankaufstellen wie diese, denn das Red Ecolsierra ist in den vier Gemeinden von Santa Marta aktiv, in denen Kaffee angebaut wird«, erklärt Jesús Guerrero. Der 22-jährige Agronom ist für das Netzwerk unterwegs, dem 425 Kaffeebauern und Kaffeebäuerinnen angehören. Das Netzwerk fördert den biologischen Kaffeeanbau durch Beratung und Hilfe bei der Organisation. Heute besucht er Lidia Marina Medina in Palmor, morgen ist er vielleicht in Aracataca, übermorgen in Fundación, zwei weiteren der vier Gemeinden, die in direkter Nachbarschaft von Santa Marta liegen.

In der kolumbianischen Hafenstadt hat Red Ecolsierra seine Zentrale. In einer modernen Lagerhalle wird sowohl Kaffee en gros für die eigene Marke »Café Tima« geröstet, als auch die Qualität des Kaffees in einem modern ausgestatteten Kaffeelabor analysiert, um potenziellen Kunden genau das richtige Produkt liefern zu können. Hier werden auch die Proben für die Neukunden zusammengestellt und die Konzepte für die Zukunft vorbereitet. »Über die entscheidet die Asamblea, in der alles diskutiert wird«, erklärt Jesús Guerrero das Prozedere. Die Vollversammlung, bei der Delegierte aus jeder Kaffeeregion anwesend sind, ist das oberste Organ von Red Ecolsierra, und dort ist vor 15 Jahren auch die Grundsatzentscheidung gefallen, biologisch zu produzieren.

Damals war auch Marco Tulio Arias mit von der Partie. Der 64-jährige Kaffeebauer gehört zu den Gründungsvätern des Red Ecolsierra und ist froh, dass rund um Palmor fast alle Kaffeebauern biologisch produzieren. »Hier ist die Kaffee eher eine Gewohnheit als ein traditionelles Anbauprodukt - Kaffee gehört einfach dazu«, sagt der kleine Mann, der Besuchern stets eine Tasse Kaffee aus eigener Produktion und Röstung anbietet.

Er ist angetan von der Idee, Kaffeeliebhaber direkt in die Anbauregionen zu bringen - zur Visite auf der Kaffeefinca, inklusive Übernachtung. Das ist eine der Ideen von Geschäftsführer Victor Enrique Cordero Ardila, der immer auf der Suche nach neuen Projekten ist, um den Kaffeebauern des Red Ecolsierra weitere Einkommensoptionen aufzuzeigen. Eine Imkerei gehört dazu, wie auch der Ausbau der eigenen Rösterei und das Versenden von Kaffeemustern an Gourmetkaffee-Händler. Die zahlen höhere Preise, und Marco Tulio Arias hat schon einmal einen Sack Kaffee höchster Qualität für ein paar Tausend US-Dollar verkauft und ist dabei, die Qualität seiner Bohnen kontinuierlich zu steigern. Daran arbeitet der Bauer gemeinsam mit den Technikern vom Red Ecolsierra, denn die Ansprüche auf dem internationalen Markt steigen, und von Qualitätssteigerungen haben alle etwas.

Früher war das anders. Da wurde zwischen Exportqualität und dem unterschieden, was in Kolumbien konsumiert wurde. Heute findet sich die Exportqualität auch in den Regalen der Supermärkte, und die Kaffeekultur ist landesweit auf dem Vormarsch. Bestes Beispiel dafür ist der Erfolg von »Café Tima«, der auch in Cartagena und Barranquilla populär ist und sogar in einigen Restaurants von Bogotá konsumiert wird. Das hat andere Kaffeeorganisationen aufhorchen lassen, sie kopieren das Modell von Red Ecolsierra. »Das eigene Produkt auch anbieten zu können, sorgt schon für einen Motivationsschub«, sagt Marco Tulio Arias stolz, und Jesús Guerrero nickt stillschweigend.

Er ist ein Kind eines Kaffeebauern, und die werden vom Red Ecolsierra umworben und beraten, wie sie ihre Ausbildung am besten machen können, um anschließend in der Organisation mitzuarbeiten. Mit 19 Jahren hat Jesús Guerrero seine Ausbildung zum Agrartechniker begonnen, drei Jahre später ist er als Berater für ökologischen Kaffeeanbau rund um Santa Marta im Einsatz. Nebenbei studiert er, um sich irgendwann einmal in der Leitung von Red Ecolsierra zu engagieren.

Dort feilt Victor Enrique Cordero Ardila an Konzepten, um Touristen in Kaffeedörfer wie Palmor zu bringen. »Tourismus in ländlichen Regionen funktioniert auch in Spanien, und selbst in Kolumbien gibt es Kaffeeregionen, wo Touristen in alten Farmhäusern untergebracht werden«, erklärt er. Eine weitere Zukunftsoption für die Bauern der Sierra Nevada von Santa Marta, wo es seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen FARC und Regierung nach 52 Jahren Bürgerkrieg deutlich ruhiger geworden ist. Nicht nur für die Kaffeebauern bieten sich dadurch vollkommen neue Optionen.

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